Epidemie von

Seuchen: So groß ist
die Gefahr in Österreich

Wie gut ist man hierzulande gegen gefährliche Viren gewappnet?

Mann in Seuchenschutzkleidung © Bild: iStockphoto.com

Über eine Million Menschen infizierten sich zwischen 2015 und 2016 in Brasilien mit Zika. Die Epidemie breitete sich dermaßen schnell aus, dass die Weltgesundheitsorganisation den globalen Notstand ausrief. Rund 400 Millionen erkranken jährlich an Denguefieber. Die Herde befinden sich nicht nur in Japan, sondern auch in Europa, darunter Frankreich, Kroatien und Portugal. Der Vogelgrippevirus H5N1 bedingte seit 2003 "nur" 900 Fälle. Dafür liegt seine Tödlichkeit bei 50 Prozent. Wie groß ist die Gefahr, dass Österreich von einer Seuche heimgesucht wird? Wie gut ist man hierzulande gegen gefährliche Viren gewappnet? Und welche Bedingungen begünstigen den Ausbruch einer Epidemie?

Seuchen sind Infektionskrankheiten, die sich sehr schnell ausbreiten und einen schweren, mitunter tödlichen Verlauf nehmen können. In den vergangenen 30 Jahren wurden rund 40 derartige Ausbrüche beschrieben, wie Univ.-Prof. Dr. Herwig Kollaritsch, Präsident der Österreichischen Gesellschaft für Tropenmedizin, Parasitologie und Migrationsmedizin, erklärt. Darunter alte Seuchen wie die Pest, bislang unbedeutende Infektionen wie Zika und völlig neue wie die Vogelgrippe.

Voraussetzungen für den Ausbruch einer Seuche sind das Vorhandensein eines Überträgers, der den Erreger in sich trägt, klimatische Umgebungsbedingungen, die dem Überträger das Überleben sichern, und eine Bevölkerung, die nicht immunisiert ist. "Wenn diese vier Faktoren zusammenkommen, dann knallt's", warnt Prof. DDr. Martin Haditsch, Facharzt für Hygiene, Mikrobiologie, Infektiologie und Tropenmedizin im Travel Med Center Leonding.

Die wohl wichtigsten Überträger sind die sogenannten Gliederfüßer, im Fachjargon Arthropoden genannt. Zu ihnen zählen Insekten wie Mücken ebenso wie Spinnentiere und Zecken. "Nur gegen wenige durch Arthropoden übertragbare Erreger gibt es Impfstoffe, und die Bekämpfung der Überträger konfrontiert uns nach wie vor mit ungelösten Problemen", mahnt Prof. Dr. Horst Aspöck vom Institut für Spezifische Prophylaxe und Tropenmedizin der MedUni Wien. Als besonders effiziente Überträger gelten Stechmücken. Zwei Arten könnten auch für uns gefährlich werden.

Stechmücken als Überträger

Da wäre einmal die Asiatische Tigermücke. Ursprünglich aus Südostasien stammend, hat sie ihren Lebensraum mittlerweile auf einige Teile Südeuropas ausgeweitet. Ebenso auf Deutschland. Auch in Österreich wurde sie bereits gesichtet. Allerdings ist es ihr bis dato nicht gelungen, sich hier anzusiedeln. Dem Experten für medizinische Parasitologie zufolge ist es jedoch nur eine Frage der Zeit, bis sie das tun wird. Die Tigermücke gilt als hervorragender Virenüberträger. Vor wenigen Jahren hat sie in Norditalien für eine Chicungunya-Epidemie gesorgt.

Asiatische Tigermücke
© Wikimedia Asiatische Tigermücke

Beim sogenannten Chicungunyafieber handelt es sich um eine tropische Infektionskrankheit, die mit Fieber, Hautausschlägen und Gelenkbeschwerden einhergeht. Bleibende Schäden und Todesfälle sind selten. Bei dem Ausbruch in Italien hat sie aber ein Todesopfer gefordert. In Österreich gab es noch keine derartigen Fälle. Werden die Mücke und der Virus eingeschleppt, kann sich das aber ändern.

Die zweite für uns potenziell gefährliche Mückenart ist die Asiatische Buschmücke. Sie überträgt unter anderem den West-Nil-Virus. Eine Infektion verläuft in der Regel ohne größere Komplikationen. In den USA hat dieser Virus seit 1999 dennoch hunderte Todesopfer gefordert. Gefährlich wird er dann, wenn er das Zentralnervensystem des Betroffenen befällt. "Wer in Mitteleuropa von Stechmücken gestochen wird und nach drei bis sieben Tagen krank wird, sollte sich nach Möglichkeit auf eine West-Nil-Infektion untersuchen lassen", rät Aspöck.

Ein durch Leishmanien verursachtes Geschwür
© Wikimedia Ein durch Leishmanien verursachtes Geschwür

Nicht durch Stech-, sondern durch Sandmücken werden die sogenannte Leishmanien übertragen. Sie können Milz und Leber befallen und unbehandelt zum Tod führen. Der Befall geht mit einem massiven Krankheitsgefühl, Fieber und starkem Leistungsabfall einher. Auf der Haut verursachen sie Geschwüre. Gefährlich sind die Erreger vor allem für Personen, deren Immunsystem geschwächt ist. Leishmanien sind in Europa bereits weit verbreitet. Erste Fälle gab es auch schon in Österreich. Ihre Verbreitung wird in den nächsten Jahrzehnten wohl zunehmen.

»Die Gefahr sind die eingeschleppten tropischen Viren, gegen die wir weder einen Impfstoff noch ein Medikament haben«

Immerhin kann man eine durch Leishmanien verursachte Erkrankung medikamentös behandeln. Anders als bei einer Infektion mit dem Chicungunya- oder dem West-Nil-Virus. "Die Gefahr sind die eingeschleppten tropischen Viren, gegen die wir weder einen Impfstoff noch ein Medikament haben", warnt Aspöck. Sie dürften uns in diesem Jahrhundert noch zahlreiche Überraschungen bescheren. Begünstigt durch drei Entwicklungen, die sich dem Experten zufolge nicht mehr aufhalten lassen.

Diese Entwicklungen begünstigen Epidemien

Dabei handle es sich um "den Klimawandel und die globale Erwärmung, den Anstieg der Weltbevölkerung von derzeit rund 7,5 Milliarden auf mehr als 11 Milliarden bis zum Ende dieses Jahrhunderts und die zunehmende Globalisierung durch freiwillige oder erzwungene Migration ebenso wie die Verfrachtung von Tieren, Pflanzen und Waren." Hinzu kommen rund eine Milliarde Reisende pro Jahr.

Ideale Bedingungen also, um Krankheitserreger und deren Überträger besonders aus tropischen und subtropischen Gebieten zu verschleppen. "Grundsätzlich kann jeder Krankheitserreger der Welt innerhalb von 48 Stunden von jedem Ort der Welt an jeden anderen gelangen", warnt Haditsch. Dass sich dieser dann auch in Gegenden ansiedeln kann, die nicht seinem ursprünglichen Herkunftsgebiet entsprechen, dafür sorgt die Erderwärmung.

»Jeder Krankheitserreger der Welt kann innerhalb von 48 Stunden von jedem Ort der Welt an jeden anderen gelangen«

Man braucht den Blick aber gar nicht erst in die Weite schweifen lassen, um mit potenziell gefährlichen Viren in Kontakt zu kommen. Bis zum März dieses Jahres gab es in Österreich bereits 64 Masernerkrankungen. "Wir sind auf dem besten Weg, das Spitzenjahr von 2015 zu erreichen", warnte Kollaritsch bereits im Frühjahr im Gespräch mit der APA. 2015 wurden 309 Masernfälle in Österreich gemeldet. Zwischen Juli 2016 und Juli 2017 fielen der Erkrankung in Europa 35 Menschen zum Opfer.

Masern nach wie vor ein Problem

Dabei hätten wir die Mittel, um den Virus gänzlich auszurotten. "In Nord-, Mittel- und Südamerika, darunter in Ländern mit großen wirtschaftlichen Problemen, hat man es geschafft, die Masern auszurotten. Aber wir in Europa schaffen es nicht. Das ist eine Schande", kritisiert Haditsch. Ihm zufolge werden die Masern "sträflich unterschätzt". Ein vierprozentiger Anteil an Impfgegnern sei, so Kollaritsch, zu hoch, um die Impfung flächendeckend durchzusetzen. Hochwirksamer Impfstoff hin oder her.

Baby mit Masern
© iStockphoto.com Baby mit Masern

Auch andere Erreger hätten unser gut entwickeltes Gesundheitssystem in der jüngeren Vergangenheit auf eine harte Probe gestellt. So zum Beispiel die der Grippe. "Jedes Mal, wenn sich die Viren vermehren, kommt ein anderes Virus heraus", so Kollaritsch. "Man weiß nicht, was als nächstes kommt." Zur Zeit liegt die Durchimpfungsrate bei nur 8 Prozent. Und das, obwohl jährlich mehr Menschen an Grippe als durch einen Autounfall sterben. Mit der derzeitigen Akzeptanz könne eine seuchenhafte Ausbreitung jedenfalls nicht gebremst werden.

Gefährliche Mutationen

Zwar hätte keiner der Erreger, mit denen wir hierzulande derzeit konfrontiert sind, das Potenzial für eine Epidemie, "aber es reicht schon eine geringfügige Änderung bei einem relativ harmlosen Erreger, um ihn zu einer wirklichen Bedrohung zu machen", warnt Kollaritsch. Wie es vermutlich auch bei Zika der Fall war. "Lange Zeit galt Zika als unbedeutend", schildert Aspöck.

»Es reicht schon eine geringfügige Änderung bei einem relativ harmlosen Erreger, um ihn zu einer wirklichen Bedrohung zu machen«

Vor rund zwei Jahren erkrankten in Brasilien dann aber Kinder infizierter Mütter vermehrt an Mikrozephalie, äußerlich erkennbar durch die vergleichsweise geringe Größe des Kopfes. Man nimmt an, dass eine Mutation des Virus der Grund dafür war. Derzeit kommt Zika in Europa nicht vor. Manche in Mitteleuropa angesiedelte Stechmückenarten wären aber in der Lage, es aber übertragen.

Gefahr in Österreich gering

Alles in allem sei die Gefahr, dass sich unter den gegebenen Bedingungen in Österreich unkontrolliert Seuchen ausbreiten, klein. "Durch eine vorbildliche Infrastruktur, das Gesundheitssystem betreffend, konnte man einer seuchenhaften Ausbreitung von Krankheitserregern zumindest im letzten halben Jahrhundert relativ gut entgegensteuern", lobt Haditsch. Gleichzeitig warnt er aber auch davor, präventive Maßnahmen zu vernachlässigen.

Haditsch verweist auf die rasante Ausbreitung von MERS-CoV im Jahr 2013. Die Tödlichkeit des Virus liegt bei 40 Prozent. In Südkorea waren über 180 Menschen betroffen, 36 von ihnen starben. In Österreich kam es zu nur zwei Fällen. Aufgrund der extrem hohen hygienischen Standards in unseren Spitälern konnte sich der Virus hierzulande nicht verbreiten. "Anhand dieser Daten wird uns bewusst, wie wertvoll es ist, dass wir so ein hochentwickeltes und kostenintensives Gesundheitssystem haben."