Serienkiller im Auftrag der Götter von

"Orest" von Manfred Trojahn
an der Wiener Staatsoper

Serienkiller im Auftrag der Götter - "Orest" von Manfred Trojahn
an der Wiener Staatsoper © Bild: APA/WIENER STAATSOPER GMBH/MICHAEL PÖHN

Das Publikum der vierten Aufführung beklatsche diese besuchenswerte Produktion euphorisch.

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Der Todesschrei der Mutter, der Königin Klytämnestra, gellt grell im Kopf des Mörders. Der ist ihr Sohn Orest, vom Gott Apoll und seiner Schwester Elektra zum Mord getrieben. Die Tat reut ihn, den Schrei wird er nicht mehr los. Doch er soll weiter morden, Helena, die Schöne, und Hermione ihre Tochter. Manfred Trojahn hat mit seiner Oper „Orest“ ein über die Zeiten gültiges, erschütterndes Menschheitsdrama geschaffen. Man kann es der Wiener Staatsoper nicht hoch genug anrechnen, dass sie dieses knapp 80 Minuten währende Werk ins Repertoire genommen hat.

Orest hat sich schuldig gemacht, weil er Befehle befolgt hat, ohne vorher seine Taten zu hinterfragen. Von Gestalten wie ihm profitieren Diktatoren, barbarische Regime und jeder totalitäre Staat gestern wie heute. Blinder Gehorsam, Autoritätsglaube, die Gier nach Macht und Ruhm – auch die sind Triebfedern für Orests Taten – über all das ist bei Trojahn viel zu erfahren. Sein Drama ist so intensiv wie seine Musik, aus der man Strauss und Schönberg heraushört. Michael Boder macht jede feinste Nuance mit dem Staatopernorchester hörbar und bringt das wahre Drama im Graben zur Entfaltung.

Denn was diese Oper in sich birgt, hat Regisseur Marco Arturo Marelli nicht ganz genutzt. Er setzt bei seiner Inszenierung, wie bei den meisten seiner Arbeiten, auf sein sicheres Handwerk, was das wahre Drama dieser Oper verkleinert. Das ist schon zu Beginn so, wenn er die ermordete Klytämnestra mit weißem Haar und weißem Gewand, wie ein zerzauste Ahnfrau von Tür zu Tür wandeln lässt.

Die Handlung verlegt er in einem engen, langgezogenen Raum. Sein Orest ist auf einen ersten Blick eine Art Wozzeck. Er trägt, wie seine Schwester Elektra, graue, schäbige Gefängniskleidung. Thomas Johannes Mayer stellt diese Figur zu Beginn mit faszinierender Intensität dar. Sein Bariton verfügt über Kraft und ein breites Spektrum an Farben. Apollo wird auf einem goldenen Sitz, der von einem Sessellift oder von einer Kinderschaukel stammen könnte, auf die Bühne gesenkt. Der Gott, der Auftraggeber des Mordes, der sich im Laufe der Oper in Dionysos verwandelt wird von Marelli als Beau in schwarzen und goldenen Gewändern dargestellt. Daniel Johansson fügt sich in diese Darstellung, hält sich im Ausdruck stimmlich und darstellerisch zurück. Thomas Ebenstein ergänzt als solider Menelaos. Wahre Tragödinnen sind die Damen im Ensemble. Evelyn Herlitzius rast, bebt und singt überwältigend die Partie der Elektra. Laura Aikin muss Helena als eine Art Marilyn Monroe, als Diva im Goldglitzergewand zeigen. Wie sie daraus eine dramatische Gestalt kreiert, ihren Sopran eindrucksvoll einsetzt, ist beachtlich. Audrey Luna wandelt als Hermione zunächst wie eine Kopie von Alice im Wunderland durch das Kriegsgeschehen. Warum Marelli Kampfszenen zeigt, die zwar vom Ballett hervorragend umgesetzt werden, erschließt sich nicht. Lunas hoher Sopran ist intensiv und schwingt sich mühelos in jede Höhe. Am Ende ist es Hermione, die Orest zur Besinnung und zu sich selbst bringt. Er sagt sich los von den Göttern. Gemeinsam mit Hermione sucht er sein Fortkommen in einer unbestimmten Zukunft.

Das Publikum der vierten Aufführung beklatsche diese besuchenswerte Produktion euphorisch.

Die letzte Vorstellung in dieser Spielzeit an der Wiener Staatsoper ist am Samstag, 13. April.

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