Serie von

Babylon Berlin: Der Taumel vor dem Untergang

Serie - Babylon Berlin: Der Taumel vor dem Untergang © Bild: Frédéric Batier/X Filme Creative Pool GmbH/ARD Degeto Film GmbH/Sky Deutschland/WDR/Beta Film GmbH

Die Serie"Babylon Berlin" wurde ein Welterfolg. Am 24. Jänner setzt Sky die Beschwörung der dekadenten und faszinierenden deutschen Zwanzigerjahre fort. Regisseure und Historiker sprechen über das Phänomen

Die Schauspielerin Betty Winter ist die große Hoffnung des Filmstudios Babelsberg im Berlin des Jahres 1929. Mit lasziven Bewegungen scheint sie das Mikrophon verführen zu wollen. Doch "In der Seele brennt nichts als Schmerz" ist ihr Abgesang. Kaum hat sie ihr Lied beendet, löst sich ein Scheinwerfer aus der Halterung von der Studiodecke und löscht das Leben der jungen Frau aus. Kommissar Gereon Rath und seine Assistentin Charlotte Ritter nehmen die Ermittlungen auf. Sie sind überzeugt: Es war Mord.

Das Verbrechen ist nur ein Element aus der dritten Staffel der opulenten Fernsehserie "Babylon Berlin", die ab 24. Jänner auf dem Bezahlsender Sky zu sehen ist. Denn die Drehbuchautoren und Regisseure Tom Tykwer, Henk Handloegten und Achim von Borries beschränken sich nicht auf einen herkömmlichen Whodunit. Der war wie auch in den vorangegangen beiden Staffeln nur die Basis, gezimmert vom deutschen Kriminalschriftsteller Volker Kutscher. Dessen Roman "Der nasse Fisch", den ersten Fall des jungen Ermittlerduos Rath und Ritter, hatten sie in den Vorgängerstaffeln verarbeitet.

Für die zwölf Episoden der dritten Staffel gab Kutschers Roman "Der stumme Tod" das Ausgangsszenario. "Bei uns ist das Verbrechen nur ein Teil der Geschichte", sagt Handloegten. "Wir wollten ein Panorama der Stadt zeigen und den Kosmos erweitern", ergänzt von Borries. "In der deutschsprachigen Welt ist das ein historisches Zeitfenster, das von der Zeit nach 1933 total überschattet ist. Als ich noch in die Schule ging, wurde das einfach übersprungen. Jetzt kommt zu Bewusstsein, welch historisch entscheidender Baustein die Weimarer Republik war", erklärt Tom Tykwer.

© Frédéric Batier/X Filme Creative Pool GmbH/ARD Degeto Film GmbH/Sky Deutschland/WDR/Beta Film GmbH Eine Séance aus Staffel 3

Die ersten beiden Staffeln rückten das Ermittlerduo ins Zentrum und trumpften mit gigantischen Massenszenen auf, mit ausschweifenden Gelagen in Tanzpalästen und Aufmärschen junger Nationalsozialisten. Jetzt wird die Geschichte Berlins anhand von Einzelschicksalen erzählt. Wie Zahnräder greifen die Biografien der Figuren ineinander und ergeben so das eindrucksvolle Bild einer Gesellschaft.

Ausgangspunkt ist Gereon Raths Geschichte. Der Kölner Polizist hat sich rasch in Berlin eingelebt, Frau und Kind sind zu ihm übersiedelt. Müsste er keine Verbrecher jagen, könnte er ein ruhiges Leben führen. Doch das Trauma des Ersten Weltkriegs hat ihn im Griff. Gereon und sein Bruder Anno haben gemeinsam an der Front gedient, und Anno ist vor Gereons Augen gefallen. Als der überlebende Bruder einen Psychologen aufsucht, glaubt er, in diesem geheimnisvollen Mann Anno zu erkennen.

Jens Harzer ist der Herzschlag

Ein mehr als 40-köpfiges Ensemble wurde aufgeboten, um das Leben im Berlin der 20er-Jahre authentisch zu zeigen. Nicht wenige Rollen sind aus der Höchstliga besetzt. Einer von ihnen ist kein Geringerer als Jens Harzer, Träger des Ifflandrings, der höchsten Auszeichnung für einen deutschsprachigen Schauspieler.

"Den hatten wir schon dabei, als er diese Auszeichnung noch gar nicht hatte. Jens ist wie ein Geheimherz dieser Serie. Er ist der untergründige Herzschlag, der immer hervordringt. Er ist die Stimme, von der wir besessen sind. Eine Stimme, die uns anführt und der Serie einen Sound gibt", sagt Tom Tykwer. In der Tat: Wenn Harzers Stimme aus dem Off hörbar wird, wird der historische Krimi pure Kunst. Wie er unscharf ins Bild rückt und wieder verschwindet, nicht viel mehr als eine suggestive Stimme -das erhebt die Fernsehereignisse auf die Ebene höchster Schauspielkunst.

© Frédéric Batier/X Filme Creative Pool GmbH/ARD Degeto Film GmbH/Sky Deutschland/WDR/Beta Film GmbH Ermittlerin Charlotte Ritter: Liv Lisa Fries verkörpert den Typus einer aufstrebenden, rastlosen jungen Frau

Eine reale Schlüsselfigur im zweiten Jahrzehnt des 20. Jahrhunderts war der Kriminalist Ernst Gennat. Für die Berliner ist der Chef der Mordkommission noch heute eine Lichtgestalt, jedenfalls ein Radikalreformer seines Metiers: Vor Gennat wurde zuerst ein Pfarrer zwecks Segnung des Opfers gerufen, ehe das Kommando in der "roten Burg", dem Polizeipräsidium am Alexanderplatz, übernahm. Erst nachdem der Kirchenmann seine Handlung beendet hatte, durfte die Polizei ihre Arbeit beginnen. Noch bevor überhaupt ein Sendetermin feststand, wollten Berliner wissen, wer ihre Legende zeigen werde. Der ehemalige Burgschauspieler Udo Samel erwies sich dafür als der Richtige.

Martin Wuttke ist ab Episode eins im dritten Block als Chefredakteur einer linken Zeitung dabei. Karl Markovics zeigt ein Kabinettstück als österreichisch-jüdischer Aufdeckerjournalist. Lars Eidinger bereichert als Unternehmersohn die handverlesene Besetzung.

Gedreht wird an 35 Plätzen, jedem der Regisseure ist ein spezieller Ort zugewiesen. Jeder Darsteller muss sich also auf mehrere Regisseure einstellen. Volker Bruch empfindet das als Gewinn: "Jeder der drei bringt seine eigene Sicht, seine eigene Interpretation der Figur mit. Das bedeutet für die Figur einen wahnsinnigen Reichtum. Da addiert sich alles. Der gemeinsame Nenner ist Rath, alles andere ist eine Erweiterung des Spektrums."

Und Charlotte-Darstellerin Liv Lisa Fries ergänzt: "Dass die Figuren so gut geführt sind und so inspiriert spielen, ist beglückend. Das zeigt, dass man eine Figur neu beleben kann, wenn der Stoff gut ist."

Millionen Zuschauer haben den Aufwand gerechtfertigt, und der war gewaltig: Die mit 38 Millionen Euro budgetierte Produktion ist die aufwändigste Serie in der Geschichte des deutschen Fernsehens. Erstmals arbeiten öffentlich-rechtliches Fernsehen, ARD, und ein Privatsender, Sky, zusammen. Die Rechnung ging auf. 570.000 Sky-Abonnenten verfolgten den Start der Serie im Herbst 2017. Auf ARD konnte man ein halbes Jahr später ein Millionenpublikum erreichen: Die Ausstrahlung im Fernsehen verfolgten mehr als fünf Millionen, in der Mediathek des ARD wurde "Babylon Berlin" zehn Millionen Mal abgerufen. Und mehr als 100 Länder griffen zu.

Sehnsucht nach Statussymbolen

Diese Serie habe das Interesse am Berlin der 20er-Jahre geweckt, denn sie zeige Parallelen zur Gegenwart, konstatiert der britische "Guardian". Regisseur Tykwer erklärt das so: "Wir leben schon sehr lange in Europa in einer sehr friedlichen Zeit, aber wir spüren eine Verunsicherung, eine Destabilisierung, ein Unbehagen. Das reflektiert sich am ehesten in dieser Epoche. Man war in Sorge, in Angst. Die Existenzsicherheit wurde in Frage gestellt."

Der Wiener Zeithistoriker Oliver Rathkolb - er sei kein Fan dieser Serie, lässt er wissen -stimmt hier mit Tykwer überein. "Man spürt subkutan eine Sehnsucht, diese Zeit mit unserer Gegenwart zu vergleichen, weil vieles scheinbar ähnlich ist. Einerseits ist man von der Lebenslust fasziniert, und gleichzeitig ängstigt man sich vor der Zukunft. An verschiedenen Umfragen sieht man sehr deutlich, dass die Menschen nicht sehr sicher sind, wie es weitergeht. Momentan sind sie zufrieden, aber langfristig ist ein ökonomischer und sozialer Druck zu spüren."

Eine weitere Parallele zur Gegenwart sieht Rathkolb in der extremen Sucht nach Geltung und nach Status und Statussymbolen. Ein Beispiel dafür sei stets ein teures Auto gewesen, damals wie heute. Er finde es ist interessant, dass dieses Verlangen nach Statussymbolen auch unsere Zeit sehr prägt.

Dass die Epoche ausgerechnet jetzt wieder ins Zentrum rückt, sieht Rathkolb auch als Folge der intensiven Auseinandersetzung mit dem Ersten Weltkrieg seit dem Gedenkjahr 2018: "Jetzt versucht man, eine positive Dekade dagegenzustellen, bevor man sich wieder mit der furchtbaren Geschichte des Zweiten Weltkriegs auseinandersetzt."

Und Schauspielerin Liv Lisa Fries bringt es lapidar auf den Punkt: "Die Zwanzigerjahre waren eine Zeit, in der viel möglich war. Das ist faszinierend. Das hat großes Potenzial für gute Geschichten." Das lässt sich am besten an den kommenden zwölf Episoden von "Babylon Berlin" überprüfen. Denn die sind voll von Geschichten.

Dieser Artikel erschien ursprünglich in der News-Ausgabe Nr.3/20

Kommentare