Flut-Drama von

Hochwasser in Serbien:
"Es war wie ein Tsunami"

Drei Wochen nach der Katastrophe liegt immer noch Verwesungsgeruch über Obrenovac

Serbien-Hochwasserkatastrophe © Bild: APA/Hochmuth

Süßlicher Verwesungsgeruch liegt über der Stadt, unter den Trümmern verrotten Tierkadaver, es ist still, erst wenige Bewohner sind nach Obrenovac zurückgekehrt. Fast alle der rund 24.000 Einwohner der Kleinstadt 30 Kilometer südwestlich von Belgrad waren bei der Flut vor drei Wochen evakuiert worden. Frauen, Kinder und ältere Menschen leben nach wie vor in Notunterkünften und bei Verwandten.

Die Kleinstadt Obrenovac liegt an der Save. Nachdem in den frühen Morgenstunden des 15. Mai ein Schutzdamm gebrochen war, wurden rund 98 Prozent der Stadt überflutet. Mehr als ein Dutzend Menschen starben, Taucher suchten die Stadt nach Leichen ab.

"Das Wasser kam gegen 4.00 Uhr, als wir geschlafen haben", erinnert sich Nebojsa Simic, der mit seiner Familie im Stadtteil Schliwizi gelebt hat. "Es war wie ein Tsunami." Bis zu fünf Meter hoch stieg das Wasser, "alles binnen einer Stunde, es zerstörte sogar die Dachziegel", sagt Simic.

Serbien-Hochwasserkatastrophe
© APA/Hochmuth Obrenovac immer noch unter Wasser

Zerstörtes Haus - Zukunft ungewiss

Gemeinsam mit seiner Ehefrau und seinen 16 und 19 Jahre alten Kindern kam Simic bei Verwandten unter. Rund drei Wochen nach der Flut weiß er nicht, wie es weitergehen soll. Sein Haus ist völlig zerstört, sämtliche Einrichtungsgegenstände mit Schlamm überzogen, Treibgut wurde in den Garten geschwemmt. Die Familie hat ihr gesamtes Erspartes in das Gebäude gesteckt und steht nun vor dem Nichts, "das Haus muss abgerissen werden".

Serbien-Hochwasserkatastrophe
© APA/Hochmuth Nur wenige sind zurückgekehrt

Ein Nachbar von Simic, Milivose Dimitrijevic, ist erst 2008 in sein Haus gezogen. "Ich weiß nicht, was ich tun soll", sagt er. "Ich habe bereits im Krieg alles verloren und musste ganz neu anfangen." Seine Tochter ist drei Jahre alt, sein Sohn erst eines. Sie sind ebenso wie seine Frau bei Verwandten in Belgrad untergekommen. Das Kinderzimmer im Erdgeschoß ist völlig zerwüstet, ebenso die restlichen Räume. Doch auch in den ersten Stock drang das Wasser und zerstörte das Inventar. "Doch ich bin glücklich, dass wir noch leben", sagt Dimitrijevic.

Fast nur Männer zurück

Es sind fast ausschließlich Männer, die rund drei Wochen nach der Flut zurück in ihrer völlig zerstörten Häuser gekehrt sind und mit dem Ausräumen begonnen haben. Alles ist kaputt, durchnässt, voller Schlamm. Erst Mitte der Woche wurde Obrenovac für Hilfsorganisationen geöffnet, Militärposten kontrollieren die Einfahrt. Doch noch immer sind zahlreiche Stadtteile unter Wasser, die Temperaturen steigen und lassen das Wasser zur Brutstätte von Gelsen werden. Es gibt aber auch Hoffnung für die Zukunft, zumindest in Schliwizi funktioniert die Wasserversorgung bereits wieder.

Serbien-Hochwasserkatastrophe
© APA/Hochmuth Tierkadaver in der Stadt

Im Zentrum der Stadt steht Zlimke Zlic vor den Trümmern ihres Hauses. Auch sie hat alles verloren. "41 Jahre habe ich in diesem Haus gewohnt", sagt sie unter Tränen. Wie es weitergehen soll, weiß auch sie nicht. Egal wen man in der verwüsteten Stadt fragt, niemand hat einen Plan für die Zukunft, die Antwort ist immer die selbe: Schulterzucken. So gut wie keiner der Einwohner ist versichert, der Großteil der Menschen verdient weniger als 500 Euro im Monat. Wie sie damit ihre Häuser neu errichten sollen, wissen die Menschen nicht.

Im Dreiländereck von Bosnien, Kroatien und Serbien liegt das Dorf Jamena, unterhalb der Schwemmebene der Save. "99 Prozent der Häuser wurden überflutet, nachdem ein Damm an der kroatischen Grenze gebrochen ist", schildert Bürgermeister Nikola Vasic. Dann kam die Flut, die Bewohner, die alle überlebten, wurden evakuiert. Bei 100 Häusern stand das Wasser höher als drei Meter, mehr als ein Fünftel der Tiere starb.

Serbien-Hochwasserkatastrophe
© APA/Hochmuth Die Zukunft ist nach dem Hochwasser für viele Menschen ungewiss

Immer noch kein Wasser

Drei Wochen später gibt es noch immer kein Leitungswasser, Freiwillige aus Nachbardörfern helfen bei der Desinfektion der Häuser. Mehr als 600 der insgesamt 900 Einwohner sind nach wie vor evakuiert. Doch auch hier gibt es Hoffnung: Der Bürgermeister rechnet damit, dass die Wasserversorgung bald wieder hergestellt sein wird und sobald der Wasserstand der Save sinkt, die Häuser wieder an das Stromnetz angeschlossen werden können.

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