Serben steht vor der Präsidentschaftswahl:
Interesse der Bevölkerung an Politik sinkt

Wähler verdrossen: "Kandidaten lügen wie gedruckt!" Serben wollen nicht mehr "leere Versprechen" hören

Serben steht vor der Präsidentschaftswahl:
Interesse der Bevölkerung an Politik sinkt © Bild: Reuters/Milutinovic

Obwohl die Präsidentenwahl in Serbien kaum jemanden kalt lässt, macht sich Politikmüdigkeit und -verdrossenheit in fast allen Gesprächen mit Serben breit. Man kann sich des Eindrucks nicht erwehren, dass viele Serben einfach genug haben von der Politik. Vertrauen in Politiker scheint nur eine verschwindende Minderheit der Bevölkerung zu haben.

Ob sich dies auch bei der Präsidentschaftswahl in der Wahlbeteiligung niederschlagen wird, bleibt abzuwarten. "Mich interessiert die Politik wirklich nicht mehr. Wen soll ich wählen? Die lügen doch alle wie gedruckt", ärgert sich der 38-jährige Volkswirt Milan. Sein Freund Mateja nickt zustimmend. Die 28-jährige Tanja würde zwar den amtierenden Präsidenten Boris Tadic wählen, bleibt am Wahltag aber ebenso zu Hause. "Ich weiß, dass ich damit riskiere, dass Boris nicht die meisten Stimmen erhält. Aber mir reichen all diese Versprechen einfach."

Weiter in Richtung Europa
"Ich wünsche mir nur eines: Dass wir wieder wie die ganz normale Welt leben. Und ich denke, dass dies am ehesten mit Boris möglich ist. Nur aus diesem Grund werde ich auch wählen gehen. Ansonsten könnten mir alle Politiker - ausnahmslos - gestohlen bleiben", argumentiert die 25-jährige Maja. "Wir müssen weiter in Richtung Europa - unabhängig davon, was mit dem Kosovo passiert", betont auch die Studentin Violeta. Sie will Tadic aber erst in der Stichwahl am 3. Februar ihre Stimme geben. Beim ersten Wahlgang will sie Cedomir Jovanovic, Chef der Liberaldemokratischen Partei, wählen. "Der hat wirklich Mut. Nur er traut sich zu sagen, dass wir den Kosovo verloren haben."

Isolation - Nein danke!
"Ich traue es mich eigentlich gar nicht zu sagen, aber Tomo (Tomislav Nikolic von der Serbischen Radikalen Partei) trumpft derzeit richtig auf. Mich würde es nicht wundern, sollte er gewinnen", sagt der 33-jährige Chirurg Zagor. "Natürlich werde ich ihn nicht wählen, weil ich weiß, dass wir dann leicht wieder in einer Art Isolation enden könnten", fügt er hinzu. Seine Frau Danijela, ebenfalls Ärztin, pflichtet ihm bei: "Wir müssen weitere Reformen in Richtung EU durchführen. Und ich denke, das wäre mit Boris einfacher."

Gegen Kosovos Unabhängigkeit
Der 22-jährige Bojan will diesmal Nikolic wählen. "Nur wegen dem Kosovo", betont der Student und fügt hinzu: "Ich war bisher für die EU. Jetzt aber nicht mehr. Sie wollen uns unser Kosovo wegnehmen." Auch sein Kommilitone Dejan, der aus dem Kosovo stammt, ist strikt gegen die Unabhängigkeit des Kosovo. Dejan wird aber Tadic wählen: "Auch Boris kämpft tapfer."

Seit 20 Jahren im "schwarzen Loch"
"Ohne Kosovo keine EU", betont die 44-jährige Verkäuferin Mila. "Bleiben wir halt das schwarze Loch in Europa. In diesem Loch sind wir schon seit fast 20 Jahren. Wir sind es eh schon gewohnt." Auch der Pensionist Slobodan will von einem EU-Beitritt nichts wissen, sollten EU-Staaten den Kosovo anerkennen. Wählen will er im ersten Durchgang nicht. Ob er in der erwarteten Stichwahl Tadic oder Nikolic die Stimme geben wird, weiß er noch nicht.

Politiker unerwünscht
"Sobald ich einen Politiker im TV sehe, schalte ich um", ärgert sich die 25-jährige Jelena. "Einzig der Sport hält mich noch am Leben und einzig die Sportler können den Menschen in Serbien Freude bereiten, um zumindest kurzfristig die großen Probleme zu vergessen." Jelena liebt alle Ballsportarten - insbesondere Tennis. Auch der 31-jährige Ivan steht - wenn es sein muss - mitten in der Nacht auf, um Spiele zu sehen. "Bei einem Sieg sind es Momente des Glücksgefühls. Es sind kurze Momente, aber sie helfen dir über den tristen Alltag hinweg." Beide wollen nicht wählen und hoffen, am Sonntag serbische Sportler siegen zu sehen.

(apa/red)