Semantic Web will endlich durchstarten: Schwerer Weg von den Daten zur Bedeutung

Das Web 2.0 auf der Schwelle in ein neues Zeitalter Durchbruch würde jedoch Killer-Applikation erfordern

Semantic Web will endlich durchstarten: Schwerer Weg von den Daten zur Bedeutung © Bild: Mauritius Digivis

Das Semantische Web - auch "Web 3.0" genannt - soll die Suche nach Informationen und die Bewältigung der Informationsflut im Internet erheblich erleichtern, versprechen die Technologieentwickler. Ist die Forschung in Europa bereits weit fortgeschritten, so lässt die Kommerzialisierung semantischer Technologien noch auf sich warten. Für einen großen Durchbruch brauche es eine "Killer-Applikation", meinten Experten bei einer Podiumsdiskussion im Rahmen der von STI International in Zusammenarbeit mit der Österreichischen Computer Gesellschaft organisierten Veranstaltung "Internet of Services" am Mittwochnachmittag in Wien.

Mit Hilfe der semantischen Technologien sollen die Computer die Bedeutung von Daten erfassen können. So soll sich künftig die Reisebuchung im Internet erheblich vereinfachen. Neben dem "intelligenteren" Reiseberater sind etwa auch schlauere Einkaufshelfer zu erwarten.

"Der große Durchbruch von Semantik steht uns noch bevor", sagte Raphael Volz vom FZI Forschungszentrum Informatik in Karlsruhe. Dieser werde auch erst jetzt notwendig, "weil wir heute Informationsmengen haben, die wir vor Jahrzehnten noch nicht hatten."

Kein Begriff von Semantic Web
Doch noch ist dem Gros der Öffentlichkeit das Semantic Web kein Begriff. "Für die Unternehmen und den End-User wird es wichtig sein, Versprechungen erlebbar zu machen", so Marcus Herzog, Mitbegründer des Start-up-Unternehmens Lixto Software. Mit einigen Anwendungsbeispielen, die bereits auf dem Markt sind, könne man heute Kunden zeigen, was semantische Technologien bringen.

Anwender semantischer Technologien sind etwa die British Telecom mit einem Online-Service, der es Verkäufern erlaubt, neue Produkte schneller und effizienter zu entwickeln. Bei Boeing kommen sie bei der Designarbeit zum Einsatz, bei Adobe Photoshop zur Foto-und Illustrationsverwaltung. Auch Yahoo kündigte jüngst die semantische Suche an, wie Dieter Fensel von der Universität Innsbruck und Präsident von STI International, einer Non-Profit-Organisation im Bereich semantischer Technologien, anmerkte.

Fehlen einer 'Killer-Applikation'
Doch noch fehlt es laut Alexander Wahler, Geschäftsführer von STI International, an "Killer-Applikationen". Herausforderungen liegen in der Standardisierung und Kommerzialisierung der semantischen Technologien wie auch in der Verbreitung des Wissens und Know-hows in der Industrie. Die semantische Technologieentwicklung sei noch sehr "akademisch getrieben".

"In Innsbruck forschen wir an der Web-Version 6.0", so Fensel. Der Informatiker über die Marschrichtung: "Technologisch gesehen ist der Unterschied zwischen Web und Web 2.0 eigentlich null." Beim Web 2.0 ginge es aber darum, Nutzer in die Lage zu versetzen, Provider zu sein und auch als Community zu publizieren. "Im Web 3.0 werden die Informationen maschinenlesbar, das Web 4.0 ist dann der Übergang von den Daten zu den Prozessen und Services."

Das Web 5.0 ist laut Fensel das "Future Internet", hier greife das Internet in alle Bereiche des menschlichen Lebens. "Wir werden in Kürze wesentlich mehr Prozessoren auf der Erde haben als Menschen. Wir werden in jedem Kleidungsstück einen kleinen Prozessor haben. Hier benötige man die Semantik, um die Prozessoren in die Lage zu versetzen, miteinander zu reden. Ansonsten "müssen wir so viel mit ihnen reden, dass wir keine Zeit haben für die zwischenmenschliche Kommunikation." Das Web 6.0 sei die Ebene des "heuristischen Problemlösens auf dieser technologischen Infrastruktur".

Firmengründungen notwendig
"Wer mit Web 3.0-Technologien Milliardär werden will, müsste spätestens jetzt eine Firma gründen", so Fensel. Bei den Web 4.0-Technologien könne man sich vielleicht noch ein bis zwei Jahre Zeit lassen. Der Markt erkennt laut den Experten zunehmend den Nutzen.

Für den kommerziellen Erfolg sieht der FZI-Informatiker Volz eine gute Startposition in Europa. Die Forschung habe sich in den vergangenen fünf bis sechs Jahren ein "gutes Standing" erarbeiten können. Es gab eine "gute Forschungsförderung", so dass man eigentlich gegenüber den USA technologisch voran sei.

Bei der "kommerziellen Ausbeutung" hatten die USA auch in der Vergangenheit häufig die Nase vorn: "Von den weltweit größten 20 Softwarefirmen ist eine europäisch", so Fensel. Die langsamere Kommerzialisierung in Europa liege "im Wesentlichen an der zersplitterten Landschaft". Aber auch die risikofreudigere US-Gesellschaft und der größere homogenere Markt bringen den Amerikanern Vorteile.

(pte/red)