Ukraine beklagt massive Zerstörungen im Donbass

Der ukrainische Präsident will sein Land zurückerobern

von Ukraine beklagt massive Zerstörungen im Donbass © Bild: APA/APA/BUNDESKANZLERAMT/DRAGAN TATIC

Russland hat nach Angaben des ukrainischen Generalstabs seine Offensive in der ostukrainischen Donbass-Region verstärkt. Sie setzten Artillerie, Raketenwerfer und Flugzeuge ein, um die Verteidigungsanlagen rund um Donezk zu beschädigen, teilte der ukrainische Generalstab am Freitag mit. Präsident Wolodymyr Selenskyj sprach von einer "Hölle", es gebe russische Angriffe auch auf die südwestliche Region Odessa. "Der Donbass ist völlig zerstört", sagte er in einer Videoansprache.

Bei russischem Beschuss in Luhansk, ebenfalls im Donbass, seien in den vergangenen 24 Stunden 13 Zivilisten getötet worden, teilte der ukrainische Gouverneur der Region, Serhij Gaidai, mit. Nach Angaben der ukrainischen Generalstaatsanwaltschaft wurden seit Beginn der russischen Invasion 232 Kinder getötet und 427 verwundet. Russland bestreitet die Berichte von ukrainischer und westlicher Seite, gezielt auch zivile Gebäude und Zivilisten ins Visier zu nehmen.

Die Ukraine werde ihre Unabhängigkeit verteidigen können, das benachbarte Russland werde aber immer eine Gefahr darstellen, erklärte Selenskyj. "Wir werden immer an Schutz denken. Und wir müssen verstehen, dass es keine bessere Sicherheit gibt als die Bereitschaft der Bürger, ihren eigenen Staat zu verteidigen", sagte Selenskyj am Donnerstag in einer Online-Konferenz mit Studierenden und Hochschulleitungen.

Die ukrainische Gesellschaft habe ihre Widerstandsfähigkeit seit dem russischen Angriff vom 24. Februar bewiesen. Aber das Land brauche auch Sicherheitsgarantien von außen. Diese müssten als politisches Instrument gut durchdacht und auf Jahrzehnte angelegt sein. "Wir müssen verstehen, dass Russland immer da sein wird. Und vielleicht immer eine Bedrohung sein wird", sagte der ukrainische Präsident.

Für die Ukraine bedeute der russische Angriffskrieg jeden Monat ein Budgetloch von etwa fünf Milliarden US-Dollar (4,8 Milliarden Euro). "Um im Krieg um die Freiheit bestehen zu können, brauchen wir schnelle und ausreichende finanzielle Unterstützung", so Selenskyj. Die ausländischen Partner der Ukraine sollten Hilfen nicht als Ausgaben oder Geschenke sehen. "Das ist ihr Beitrag zu ihrer eigenen Sicherheit." Die Ukraine schützt andere Länder vor dem Krieg. Gemeinsam müsse Sorge getragen werden, dass Russland mit seiner Aggression keinen Erfolg habe.

Seit Wochen versucht die Regierung in Moskau, mit massiver Artillerie- und Panzerunterstützung weitere Gebiete im Donbass zu erobern. Dort kontrollierten prorussische Separatisten bereits seit 2014 Teile der Gebiete Donezk und Luhansk. Russische Truppen waren aber auch in weitere Gebiete vorgedrungen und hatten eine Landverbindung zwischen der 2014 annektierten ukrainischen Halbinsel Krim und dem russischen Staatsgebiet erobert. Dabei spielte die südostukrainischen Hafenstadt Mariupol eine entscheidende Rolle.

Nach Einschätzung britischer Geheimdienste riskiert Moskau unterdessen nach den Gefechten in Mariupol eine weitere Zermürbung seiner Streitkräfte. Der ukrainische Widerstand in der Hafenstadt Mariupol seit Beginn des Krieges habe die russischen Truppen enorm geschwächt, hieß es am Freitag früh in einem Lagebericht des britischen Verteidigungsministeriums.

Der Wiederaufbau und die Neuausstattung der Streitkräfte könne sich, wenn man ihn sorgfältig durchführe, länger hinziehen, so die Briten. Da russische Kommandeure jedoch stark unter Druck stünden, sichtbare Erfolge zu erreichen, sei es wahrscheinlich, dass Moskau seine Truppen ohne angemessene Vorbereitung in seine Offensive in der Donbass-Region schicke. Dies riskiere, die Soldaten weiter zu zermürben.

Einem russischen Medienbericht zufolge haben sich inzwischen fast 2.000 ukrainische Soldaten aus dem Stahlwerk in Mariupol ergeben. Die Nachrichtenagentur Tass bezog sich auf Aussagen des russischen Verteidigungsministers Sergej Schoigu.

Die russische Staatsduma erwägt unterdessen eine Heraufsetzung der Altersbegrenzung von Soldaten auf über 40 Jahre. Zudem sollen sich Ausländer auch im Alter von über 30 künftig zum Militärdienst melden können, wie aus einem Entwurf für das Parlament auf dessen Internetseite hervorgeht. Damit würde das Militär ältere professionelle Personen rekrutieren können, heißt es zur Begründung. Bisher durften sich Russen im Alter von 18 bis 40 und Ausländer von 18 bis 30 Jahren für das Militär melden.

US-Außenminister Antony Blinken appellierte unterdessen vor dem Sicherheitsrat der Vereinten Nationen an Russland, die Blockade der ukrainischen Häfen zu beenden, damit Lebensmittel ausgeführt werden könnten. "Die Lebensmittelversorgung von Millionen von Ukrainern und Millionen weiterer Menschen auf der ganzen Welt ist buchstäblich in Geiselhaft genommen worden", sagte er. Der frühere russische Präsident Dmitri Medwedew wies die Vorwürfe auf Telegram zurück und machte seinerseits die westlichen Sanktionen für die Probleme auf den internationalen Nahrungsmittelmärkten verantwortlich.

Nach Informationen der Nachrichtenagentur Reuters aus Kreisen von Reedern und Ölhändlern erhöht China unterdessen still und leise seine Ölkäufe aus Russland zu günstigen Preisen und füllt damit das Vakuum, das die westlichen Käufer hinterlassen haben. Diese ziehen sich nach dem Einmarsch in die Ukraine aus dem Geschäft mit Russland zurück. China hatte als weltgrößter Ölimporteur die russischen Lieferungen zunächst zurückgefahren, weil es befürchtete, Moskau offen zu unterstützen und seine staatlichen Ölgiganten möglicherweise westlichen Sanktionen auszusetzen.

Nach einer Schätzung von Vortexa Analytics werden Chinas russische Ölimporte auf dem Seeweg im Mai aber nun auf einen Rekordwert von 1,1 Millionen Barrel pro Tag ansteigen, gegenüber 750.000 im ersten Quartal und 800.000 im Jahr 2021. Die russische Regierung betont seit Tagen, dass die westlichen Energiesanktionen das Land nicht treffen würden, weil es genug andere Käufer auf der Welt gebe. In der EU wird derzeit über ein Ölembargo gegen Russland diskutiert.