Selbstversuch von

Wie lebt es sich
ohne Social Media?

Was verändert das Verzichten auf Soziale Netzwerke?

Selbstversuch - Wie lebt es sich
ohne Social Media? © Bild: CHANDAN KHANNA / AFP

Millennials sind als Altersgruppe in aller Munde: Sie sind die Generation, die großteils mit Internet, Handys und Social Media aufgewachsen ist. Sogenannte „Digital Natives“. Ich selbst kann mich mit meinen 20 Jahren als Millennial bezeichnen. Und habe jetzt den Selbstversuch gestartet, ohne Social Media zu leben.

Ich bin ein Millennial. Mit meinen 20 Jahren falle ich genau in diese Kategorie. Und es stimmt, ich bin mit jeder Menge Technik um mich herum aufgewachsen, hatte mein erstes Handy mit sieben, meinen ersten Computer mit zehn und mein erstes Smartphone mit vierzehn Jahren. Ebenso verwende ich Social Media seit ich dreizehn Jahre alt war. Zumindest bis vor drei Wochen.

Vor ca. eineinhalb Monaten habe ich mir, nachdem ich einen Artikel gelesen hatte, die App „Moment“ auf mein Smartphone heruntergeladen. Diese App zeigt einem an, wie lange man sein Handy pro Tag nutzt. Aus Interesse wollte ich sehen, wie viel Zeit ich täglich auf mein Handy starrend verbringe. Herausgekommen sind ziemlich erschreckende Zeiten: Oft verwende ich mein Handy 5-6 Stunden am Tag, manchmal sogar noch länger. Nur an manchen Tagen, wenn ich etwas unternehme und das Handy zur Nebensache wird, komme ich auf 1-3 Stunden. Zurückgeführt habe ich das auf meinen exzessiven Gebrauch von Social Media.

Der Selbstversuch

Vor drei Wochen habe ich mich deshalb entschlossen, meine Social-Media-Konten auf Eis zu legen. Um genauer zu sein: Mit Facebook, Instagram und Snapchat ist nun Schluss! Auf WhatsApp verzichte ich nicht. Den Dienst nutze ich, um ein Treffen mit Freunden auszumachen oder mit meiner Familie in Kontakt zu bleiben. Erzählt habe ich anfangs niemandem von meinem Experiment.

© Matthias Wentzel Social Media hatte auf meinem Smartphone bald keinen Platz mehr

Verwendung

Generell habe ich Social-Media-Plattformen ähnlich verwendet wie andere Leute in meinem Alter, vielleicht ein bisschen mehr. Ich habe, sobald mir langweilig wurde, mein Smartphone in die Hand genommen und eine der drei Social-Media-Apps geöffnet. Egal ob in den öffentlichen Verkehrsmitteln, beim Einkaufen oder in einer Gruppe von Leuten.

Wobei ich je nach Laune die verschiedenen Funktionen der Apps nutzen konnte: Auf Instagram kann man seinen sogenannten „Feed“ durchscrollen, dieser besteht aus Bildern und Videos, die andere User oder offizielle Accounts veröffentlicht haben. Auf Facebook verhält es sich sehr ähnlich, außer dass ich dort zusätzlich noch verschiedene Nachrichten-Portale abonniert hatte und alle möglichen Veranstaltungen um mich herum mit den dazugehörigen Infos finden konnte. Snapchat basiert darauf, dass man seinen Freunden schnell und einfach Fotos aus seinem Alltag schicken kann. Alle drei Portale haben auch noch die Funktion der „Story“, das bedeutet man kann ein Foto aufnehmen, es bearbeiten, und das ist dann für 24 Stunden für Freunde/Bekannten/Follower sichtbar.

»Man merkt erst wie süchtig man ist, wenn man aufhört«

Die ersten Tage

Mir ist aufgefallen, mit dem Handy oder in meinem Fall mit Social Media verhält es sich wohl ähnlich wie mit dem Rauchen: Man merkt erst, wie süchtig man ist, wenn man aufhört. Und ich als ehemaliger Raucher kann das glaube ich bestätigen. Ich ertappe mich immer wieder, wie ich mein Handy aus der Hosentasche hole, es entsperre und instinktiv auf eines der Icons einer der drei Apps tippe. Ohne jeglichen Grund, ohne hundert Prozent mit dem Kopf dabei zu sein. Einfach aus Gewohnheit. Wenn ich einen Film oder eine Folge einer Fernsehserie ansehe, merke ich, dass mich das nicht ausreichend unterhält, weil ich normalerweise immer mein Handy in der Hand hatte und zwischen den Apps hin und her gewechselt bin, um zu sehen, ob es etwas Neues gibt.

Könnten Sie auf Social Media verzichten?

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Die nächsten Tage

In den nächsten Tagen fiel mir auf, dass es etwas Befreiendes haben kann, nicht immer an Social Media gebunden zu sein. Man muss nicht immer in Kontakt mit all den Menschen um einen herum sein, nicht mit meinen 400 Facebook-Freunden, von denen ich mit möglicherweise 20 Leuten regelmäßig Kontakt habe. Auch ohne zu sehen, was verschiedene berühmte Personen und Musiker den ganzen Tag so treiben und auf Instagram posten, lebt es sich ganz gut. Und durchgehend Fotos über Snapchat zu verschicken und all meinen Freunden zu zeigen, was ich den ganzen Tag so mache, geht mir auch nicht wirklich ab.

» Man muss nicht immer in Kontakt mit all den Menschen um einen herum sein«

Ersatz-Programm

Anstatt immer und immer wieder den Feed der Apps „durchzuscrollen“ und die „Stories“ von irgendwelchen Leuten anzusehen, habe ich mir eine Nachrichten-App heruntergeladen. Quasi nach dem Motto: Wenn ich schon mein Handy verwenden will, dann kann ich mich wenigstens über das Tagesgeschehen informieren. Und das funktioniert auch. In den freien Minuten, in denen ich mein Handy verwenden will, scrolle ich Nachrichtenmeldungen durch.

Auch das Lesen hat es mir in den letzten Wochen wieder mehr angetan. Zwar habe ich sowieso immer gern gelesen, aber wenn ich die Wahl zwischen Buch oder Handy hatte, habe ich mich viel zu oft für den kleinen Bildschirm entschieden. Kurzes Fazit: Drei Wochen, drei Bücher. Zwar kein unglaubliches Ergebnis, aber immerhin. Meiner Meinung nach besser verbrachte Zeit, als nur auf mein Handy zu starren.

Einfluss auf den Freundeskreis

Zuerst habe ich niemandem erzählt, dass ich derzeit versuche, ohne Social Media zu leben. Einerseits habe ich mir gedacht, das wird ja wohl jedem egal sein. Andererseits war da schon Neugierde, ob es irgendjemandem auffallen wird, wenn meine Online-Präsenz verschwunden ist. Anfangs hat es auch niemand so richtig bemerkt, aber ab irgendeinem Punkt ist es Personen in meinem Umfeld doch aufgefallen.

»Interessant, dass auch die eigene Online-Präsenz von Personen vermisst werden kann«

Nach einiger Zeit wurde ich beispielsweise gefragt, ob ich meinen Instagram-Account gelöscht hätte, weil einige Freunde ihn gesucht hatten und nicht finden konnten. Gelöscht habe ich meine Accounts zwar nicht, aber nachdem ich sie deaktiviert habe, kann sie niemand mehr sehen. Zumindest so lange meine Profile deaktiviert bleiben.

© Matthias Wentzel "Hast du deinen Insta Account gelöscht?"

So ganz kann man dem Einfluss von Social Media dann aber doch nicht entrinnen: Weil ich auf Facebook und Instagram keine Nachrichten mehr empfangen konnte, hat eine Freundin begonnen, mir Screenshots von Beiträgen per WhatsApp zu schicken. Um mich „auf dem Laufenden zu halten“. Interessant, dass auch die eigene Online-Präsenz von Personen vermisst werden kann.

Wie sehr man aber durch das Nicht-Nutzen von Social Media eingeschränkt werden kann, hat sich vor ein paar Tagen erst gezeigt: Meine Einladung für eine Geburtstagsfeier blieb aus. Die Einladung hatte nämlich daraus bestanden, dass die Gastgeberin auf Facebook eine Veranstaltung erstellt hatte, und jeder Eingeladene nur zu- oder abzusagen brauchte. Nur ohne Facebook überhaupt zu verwenden konnte man logischerweise nicht eingeladen werden. Ich bin gespannt, ob ich noch eine analog ausgesprochene Einladung bekomme.

Fazit

Generell kein Social Media zu verwenden hat sich als angenehme Erfahrung herausgestellt. Man denkt nicht mehr so viel darüber nach, wie andere einen sehen, eben weil viele Leute einfach keine Möglichkeit mehr dazu haben. Ohne Social Media steht man hauptsächlich mit den Leuten in seinem engsten Umfeld in Kontakt. Man weiß nicht immer, was alle Personen, die man die letzten Jahre kennengelernt hat, machen. Und das ist vielleicht auch gut so. Man fängt an, sich wieder ein bisschen mehr auf sich zu konzentrieren, vergleicht sich weniger mit anderen und nimmt sich einfach mehr Zeit für sich.

»Man fängt an sich wieder ein bisschen mehr auf sich zu konzentrieren«

Ob ich jetzt grundsätzlich auf Social Media verzichten werde, weiß ich nicht. Für die nächsten Wochen auf jeden Fall schon. Vielleicht fange ich ab einem gewissen Punkt auch wieder an, es zu verwenden, aber wenn, dann mit mehr Bedacht – und nicht drei verschiedene Plattformen.

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