Seit 10 Uhr laufen Beratungen

Seit 10 Uhr laufen Beratungen

Heute seit 10 Uhr Vormittags berät zum zweiten Mal die Wirtschaftskommission über das weitere Schicksal des Semperitwerks in Traiskirchen. Die Betriebsräte sprachen sich bereits im Vorfeld für eine rechtliche Regelung des Sozialplanes aus. AKNÖ-Präsident Staudinger fordert klare Festlegungen bei der Altersteilzeit und den Sonderabfertigungen, und auch die 70 Lehrlinge sollen berüchsichtigt werden.

Heute tagt um 10 Uhr im Arbeitsministerium zum zweiten Mal die Wirtschaftskommission in der Causa Semperit. Konkret fordern die Betriebsräte und die Arbeitnehmervertreter endlich die rechtliche Absicherung des Sozialplanes. AKNÖ-Präsident Josef Staudinger: "Weiters sollen noch die Punkte Altersteilzeit, Sonderabfertigung und die Arbeitsstiftung besprochen werden. Auch das Schicksal der 70 Lehrlinge muss bei einer Schließung des Semperit-Werkes einer verbindlichen Lösung zugeführt werden".

Staudinger: "Solange es keine konkreten Weiterführungsangebote gibt, gilt die oberste Priorität der sozialen Absicherung der Semperit- Mitarbeiter".

"Semperit hat besondere Bedeutung für Österreich"
Semperit habe für ganz Österreich eine "besondere Bedeutung, so wie die Hochquellenwasserleitung für Wien oder die Mozartkugeln für Salzburg", meinte der Traiskirchener Bürgermeister Fritz Knotzer erst vor wenigen Wochen. In die erste Reihe der Nationalsymbole dürfte es der niederösterreichische Reifenhersteller nicht ganz geschafft haben. Unbestreitbar ist freilich, dass es sich bei Semperit um eine der wenigen österreichischen Industriemarken handelt, die - aller Voraussicht nach - auch weiter bestehen wird. Die hinter der Marke steckende Industriearbeit wandert dagegen ostwärts.

Bereits 1996 drohte Schließung
Semperit-Traiskirchen muss spätestens seit 1996, als zum letzten Mal die Schließung des traditionsreichen Standortes drohte, in der österreichischen Öffentlichkeit immer wieder als Beispiel herhalten - entweder für die negativen Folgen eines "Abverkaufs" von österreichischen Betrieben an das "Ausland" oder für die Auswirkungen der "Ostöffnung" auf westeuropäische Industriearbeitsplätze. 1996 ließ sich der damalige Wirtschaftsminister Hannes Farnleitner zur Bekundung seiner Solidarität demonstrativ Semperit-Reifen auf seinen Dienstwagen montieren.

Nach Kosteneinsparungen von rund einer halbe Milliarde Schilling konnte das Werk - Dank der guten Autokonjunktur - noch einmal Fuß fassen. Rekordgewinne wurden geschrieben, die Beschäftigtenzahl schnellte noch einmal auf rund 1.800 in die Höhe. Gleichzeitig begann Conti aber systematisch seine Fertigungskapazitäten in den billigeren Standorten Tschechien, der Slowakei und Rumänien auszubauen. Vor wenigen Monaten schließlich begann - zunächst in den USA - die Konjunktur einzubrechen, die Nachfrage nach Autoreifen zurückzugehen.

Semperit: Ein Traditionsbetrieb seit 1902
Der aus dem Lateinischen stammende Kunstname Semperit ("er geht immer") tauchte im Jahr 1902 zum ersten Mal auf und wurde innerhalb kürzester Zeit zum Synonym für Gummi aus Österreich. Vor hundert Jahren hatte Josef Miskolczy, ein Pionier der österreichischen Kautschukindustrie, das "Schlössel", die ehemalige Grünmühle im niederösterreichischen Traiskirchen, erworben. Er wollte die Produktion von Gummiwaren, für die seine Meidlinger Fabrik zu klein geworden war, ausweiten. Heute arbeiten bei der Semperit Reifen GmbH. - von der 1983 der mit seit langem börsenotierte Gummiwarenhersteller Semperit AG Holding abgetrennt wurde - noch 1.350 Mitarbeiter. Seit dem Sommer 2001 mussten bereits 300 Leute gehen.

Zu seinen besten Zeiten, zu Anfang der Siebzigerjahre, war Semperit mit mehr als 15.000 Beschäftigten in 24 Gesellschaften der zweitgrößte private österreichische Industriekonzern. Allein in Traiskirchen fanden bis zu 4.500 Mitarbeiter Arbeit.

Daß die frühere Semperit Reifen AG 1985 von der größten heimischen Bank, der Creditanstalt, zum viertgrößten Reifenerzeuger der Welt wanderte, war eine Ironie der Geschichte. Als man damals eine weniger kostenintensive Absicherung für die bis dahin mit massiven öffentlichen Förderungen am Leben gehaltene Fabrik suchte, fand man in der deutschen Continental AG einen Eigentümer, der an den damaligen Österreichisch-Amerikanischen Gummiwerken schon vor 1912 beteiligt gewesen war. Zwei Jahre vor Beginn des Ersten Weltkriegs waren nämlich einige der größten Gummifabriken der damaligen Donaumonarchie zur "Semperit Österreichisch-Amerikanische Gummiwerke Aktiengesellschaft" verschmolzen worden.