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Die Frau, die alle ausbootet

IQ 137! Seglerin Tanja Frank ist Österreichs klügste Sportlerin und Olympia-Hoffnung

SEGELN - OeSV, PK © Bild: GEPA pictures

Auf ihrer Stirn, links zwischen Augenbraue und Haaransatz, ist die Narbe noch zu sehen. Vor drei Wochen ist Tanja Frank während einer Regatta gegen ein hervorstehendes Teil des Segelmastes gedonnert. Die neun Wettfahrten in den darauf folgenden Tagen hat sie trotz Gehirnerschütterung absolviert und auf Facebook ein Foto von ihrer Beule gepostet - groß und blau wie eine Zwetschke. Sie kommentierte es schlicht mit "Autschi!“

Im Tiefstapeln ist die 21-jährige Wienerin fast so gut wie im Segelsetzen. Bei jemandem, der in so vielem nicht der Norm entspricht, reicht es wahrscheinlich, die Fakten sprechen zu lassen.

Das Wunderkind.

Zweieinhalb Jahre ist Tanja Frank alt, da kann sie mit dem Optimisten, so heißt das kleinste Segelboot, alleine fahren. Mit fünf nimmt sie an ihrem ersten Wettkampf teil. Mit fünfeinhalb, sie ist am 24. Jänner 1993 geboren, wird sie eingeschult - nicht in die erste, nein, in die zweiten Volksschulklasse. Lesen und schreiben kann sie nämlich schon. Mit 14 Jahren ist sie unter ihren 16-jährigen Mitschülern so unterfordert, dass ihr die Lehrer empfehlen, zusätzlich die Uni zu besuchen.

Erst studiert Tanja Biologie, später wechselt sie zu Ernährungswissenschaften. Matura macht sie zwischendurch - mit ausgezeichnetem Erfolg.

Mit 18 Jahren wird Tanja Frank zusammen mit Lara Vadlau Jugendweltmeisterin in der 420er-Segelklasse. "Und 2016“, sagt sie, "will ich bei den Olympischen Spielen in Rio de Janeiro um eine Medaille segeln.“

Ungewöhnliche Rollenverteilung.

Vor eineinhalb Jahren ist sie deshalb in eine Bootsklasse gewechselt, die der Internationale Segelverband für die Spiele 2016 neu eingeführt hat. Im Nacra17, einem Katamaran, segeln je ein Mann und eine Frau gemeinsam - also eine Art Mixed-Doppel auf dem Wasser.

Die logische Rollenverteilung wäre wie folgt: Die Frau ist "Steuermann“, der Mann Vorschoter und damit für den körperlich härteren Teil zuständig, drei Segel unter Kontrolle zu halten. Tanja Frank und ihr Teamkollege Thomas Zajac, 28, setzten von Anfang an auf das gegenteilige Konzept: Zajac, Vizeweltmeister 2009 im Tornado, spielt am Steuer seine Erfahrung aus, Tanja bleibt Vorschoterin, weil sie das auch schon im 420er war. Und noch einen dramatischeren Grund gibt es: Thomas Zajac stürzte vor fünf Jahren beim Klettern 13 Meter ab. Er schrammte an einem Querschnitt vorbei und ist seither nicht mehr ganz so beweglich.

Diese Art der Rollenverteilung haben den beiden Wienern viele Teams nachgemacht - kein Wunder, Frank/Zajac sind aktuell Nummer zwei der Weltrangliste.

Der Kraftakt.

Nur ein Problem bremst Frank/Zajac etwas: Mit 55 Kilogramm bei 1,68 Metern ist Tanja Frank sehr zierlich. Bis zu drei Wettfahrten am Tag, und das eine Woche lang, zehren. Das Krafttraining vier Mal die Woche zeigt zwar schon Wirkung, doch Muskelmasse wächst eben langsam. Zumindest die Blasen, die sie zu Beginn an den Händen hatte, sind inzwischen einer dicken Hornhaut gewichen.

Tanja Frank ist hübsch, aber überhaupt nicht eitel.

Von sich selbst sagt sie, sehr ehrgeizig zu sein, manchmal stur. Eine, die auf See "sehr direkt“ ihre Meinung sagen kann. Früher, als sie noch mit Lara Vadlau im 420er segelte, konnte das für Probleme sorgen. Mit Thomas Zajac tut sie sich leichter. "Männer“, sagt sie, "nehmen es nicht so persönlich, wenn du im Ärger einmal was sagst, das du gar nicht so meinst.“ Umgekehrt könne sie ebenso gut einstecken.

Die Uni wartet nicht.

Tanja Frank ist ein kumpelhafter Typ, eine, die sehr viel lacht und sich - Genie hin oder her - so ausdrückt, wie es zu einer 21-Jährigen passt. Wenn sie kann, trifft sie sich mit Freunden. Und shoppen liebt sie sowieso.

Nur Zeit hat sie dafür kaum.

200 Tage im Jahr ist die Weltklasseseglerin auf Reisen. Die bis zu zwölf Stunden langen Autofahrten nützt sie, um sich auf die Uni-Prüfungen vorzubereiten. Viele Kurse kann sie allerdings wegen der dortigen Anwesenheitspflicht nicht belegen. Das österreichische Bildungssystem ist auf intelligente Hochleistungssportler nicht ausgerichtet.

Der Startvorteil.

Keine Frage: Tanja Frank arbeitet hart an ihrer Karriere, sowohl der sportlichen als auch der beruflichen. Und sie hat Startvorteile auf nahezu allen Ebenen: einen Intelligenzquotienten von 137, der in Mathematik und im logischen Denken sogar bei 158 liegt (der Durchschnittsbürger hat einen IQ von 100). Dazu kommt ihr außerordentliches Gespür für Wind und Wasser und das Glück, eine Mutter zu haben, die das erkannt und gefördert hat. Schließlich ist sie unter anderem die Besitzerin der Segelschule "Lieses Opti Zentrale“ in Neusiedl am See.

Und doch hätte das Leben von Tanja Frank fast eine andere Richtung eingeschlagen, wäre sie nicht als Baby adoptiert worden. Eine Tatsache, über die sie, seit sie denken kann, Bescheid weiß, "die ich aber nicht besonders wichtig finde.“

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