Sechster Tag im Babymord-Prozess: Psychiater schwächte Gutachten ab

Urteil wird für Freitagnachmittag erwartet

Der psychiatrische Gutachter Friedrich Rous hat am Donnerstag im Grazer Babymord-Prozess seine eigene schriftliche Expertise abgeschwächt. Obwohl er in seinem Gutachten nur einen Fall von Tötung während der Geburt, also in einem Ausnahmezustand, für möglich hält, wollte er bei seiner Aussage in der Verhandlung diesen Zustand auch in den anderen Fällen nicht ausschließen. Gertraud A. soll fünf Babys nach der Geburt getötet haben. Ihr Lebensgefährte muss sich wegen vierfachen Mordes verantworten.

Die Anklage baute unter anderem auf dem Gutachten von Rous auf. Darin hielt er es nicht für möglich, dass eine Frau insgesamt fünf Mal von einer Geburt überrascht werden kann. Daher billigte der Staatsanwalt der Beschuldigten nur in einem Fall das Delikt der Tötung während der Geburt zu, die restlichen vier Fälle wurden als Mord angeklagt.

Der Sachverständige erklärte nun zahlreiche Möglichkeiten von psychischen Störungen, die zu solchen Taten, wie sie Gertraud A. begangen haben soll, führen können. Trotzdem betonte der Psychiater, bei beiden Angeklagten gebe es "keine Hinweise auf psychische Erkrankungen".

Gertrud A. bescheinigte er große Intelligenz, außerdem ein "enormes Zeitgedächtnis". Die 33-Jährige, so Rous, wisse über Jahre hinweg ganz genau "wo und wann sie was gearbeitet habe", so der Sachverständige. In Bezug auf die Geburten will sich die Beschuldigte dagegen nicht einmal mehr vage an den Zeitpunkt oder den Ablauf erinnern. Die Verantwortung von Johannes G., er habe von keiner der Schwangerschaften etwas bemerkt, bezeichnete er als unglaubwürdig.

Der psychologische Gutachter Roland Bugram meinte, Gertraud A. habe ohne Rücksicht auf eigene Verluste ihr tägliches Leben bewältigt: "Da ist die Eisenbahn d'rüber gefahren", schilderte der Sachverständige anschaulich. Weiters sei die Angeklagte ein Mensch, der "immer unter Strom stand und sich nie entspannen konnte". Sie habe sich nach außen als aktive, leistungsorientierte Frau gezeigt, während sie innerlich ein ängstlicher, schwermütiger Mensch" sei, der zu extremer Anpassung neige. Außerdem sei sie nicht in der Lage, ihr eigenes Handeln zu hinterfragen.

Über Johannes G., den mitangeklagten Lebensgefährten der 33-Jährigen sagte der Sachverständige, dieser sei "sehr energisch, nach außen pflichtbewusst und gesellig". Der 39-Jährige könne aber mit Frust schlecht umgehen. "Er verdrängt Probleme oder weicht ihnen aus", schilderte der Gutachter das Ergebnis seiner Untersuchung.

(apa/red)