Schweres Zugunglück in England: Wagen über Böschung gestürzt - Gleis defekt

1 Frau getötete, mindestens 77 Fahrgäste verletzt "Auf einmal gab es Ruck, Zug begann zu schwanken"

Schweres Zugunglück in England: Wagen über Böschung gestürzt - Gleis defekt

Bei einem Zugunglück im Nordwesten Englands sind ein Mensch getötet und mehr als 70 verletzt worden. Der Personenzug der Gesellschaft Virgin Trains entgleiste auf dem Weg von London nach Glasgow nahe dem Dorf Grayrigg in der Grafschaft Cumbria. Ein defektes Gleis sei Auslöser des Unglücks gewesen, sagte der Multimillionär und Anteilseigner von Virgin Trains, Richard Branson.

Der Chef des Netzbetreibers Network Rail, John Armitt, hielt es für möglich, dass ein Weichenfehler den Crash verursachte. Die Bahnpolizei bezeichnete es als glücklichen Zufall, dass nicht mehr Menschen ums Leben kamen.

Der Zug vom Typ Pendolino mit moderner Neigetechnik und 100 Reisenden an Bord fuhr zum Zeitpunkt des Unglücks etwa 150 Stundenkilometer schnell. Alle neun Wagen entgleisten und stürzten zum Teil eine Böschung hinab. Insgesamt 77 Menschen wurden nach Angaben des Notdienstes von Cumbria verletzt. 22 Menschen mussten in Krankenhäuser eingeliefert werden, fünf von ihnen erlitten schwere Verletzungen. Eine 80-Jährige starb im Hospital. Bergungsteams suchten mit Hunden nach Opfern, von denen einige mehrere Stunden lang in zerstörten Waggons eingeschlossen waren. Die Armee schickte Hubschrauber an den Unfallort.

Augenzeugen berichteten, wie der Zug in einem entlegenen Gebiet zwischen Oxenholme und Tebay aus den Gleisen sprang. Die leitende BBC-Mitarbeiterin Ruth Colton, die sich in dem Zug befand, sagte dem Sender per Mobiltelefon, der Zug sei "ganz schlimm von einer Seite zur anderen geschlingert", bevor ihr Waggon umgekippt sei. Die Fahrt sei mit einem Mal "sehr holprig" geworden, und dann sei der Waggon plötzlich umgekippt. Es seien viele Gegenstände durch die Luft geflogen.

Der Zug sei nach einer Kurve entgleist und dann noch 800 Meter weitergefahren, bevor er eine rund zwölf Meter tiefe Böschung hinabstürzte, sagte Virgin-Gründer Branson. Die stabile Bauweise des Zugs, der wie ein "Panzer" oder "Rennwagen" konstruiert sei, habe Schlimmeres verhindert. "Wir sind überrascht, dass wir nicht mehr Tote hatten. Wir haben großes Glück gehabt", sagte der Chefkommissar der Bahnpolizei, Martyn Ripley, vor Journalisten. "Das ist fast ein Wunder."

Zur Unfallursache gab es am Samstag noch keine abschließenden Angaben. Ihm sei gesagt worden, das Gleis sei defekt gewesen, sagte Branson, der wegen des Unglücks seinen Familienurlaub in den Alpen unterbrochen hatte. Warum das Gleis kaputt war, müsse noch geklärt werden. Bransons Virgin Group ist Miteigentümer der Bahngesellschaft Virgin Trains. Das britische Zugnetz wird von Network Rail betrieben. Deren Chef, Armitt, räumte ein, dass die "Möglichkeit" bestehe, dass Mitarbeiter seiner Firma einen Weichenfehler verursacht hätten. "Ich hoffe, dass das nicht der Fall ist, aber ich muss damit leben, dass etwas in unserer Verantwortung schief ging", sagte Arnott. Polizeiangaben zufolge soll die Bahnstrecke fünf bis sechs Tage geschlossen bleiben. Virgin-Chef Branson sprach sogar von zwei Wochen.

Das Unglück wirft erneut ein schlechtes Licht auf die zwischen 1994 und 1995 privatisierte britische Eisenbahn, die seit Jahren für Sicherheitsmängel und Versäumnisse bei der Wartung von Zügen und Schienennetz berüchtigt ist. Im November 2004 starben nahe Reading westlich von London sieben Menschen beim Zusammenprall eines Hochgeschwindigkeitszuges mit einem auf einem Bahnübergang geparkten Auto. Im Februar 2001 stieß ein Zug in Selby in der Grafschaft Yorkshire ebenfalls mit einem Auto zusammen, entgleiste und raste in einen entgegenkommenden Zug. Zehn Menschen kamen ums Leben. Bei einer Kollision zweier Züge im Oktober 1999 beim Londoner Bahnhof Paddington wurden 31 Menschen getötet und 245 weitere verletzt.(apa/red)