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im Klassenzimmer?

Pflichtschulinspektorin: "So dramatisch würde ich das nicht unterschreiben"

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im Klassenzimmer? © Bild: APA/dpa/Frank Rumpenhorst

Einen "Kulturkampf im Klassenzimmer", wie ihn NMS-Lehrerin Susanne Wiesinger in ihrem heute veröffentlichten Buch beschreibt, kann Pflichtschulinspektorin Elisabeth Repolusk nicht sehen. Zumindest nicht ganz.

Wiesinger, seit 30 Jahren Lehrerin in Wien und neun Jahre auch SPÖ-Lehrervertreterin, schildert in ihrem am Montag erschienenen Buch, wie muslimische Schüler mit streng konservativem bis fundamentalistischem Gedankengut Unterrichtsinhalte zu beeinflussen versuchen und dadurch das Bildungsniveau leidet oder wie eine selbsternannte "Kleidungspolizei" Mädchen muslimischen Glaubens unter Druck setzt.

In Wien-Favoriten gibt es laut Pflichtschulinspektorin durchaus Schulen, die mit Auswirkungen des radikalen Islam auf den Unterricht "sehr viel zu tun haben und wo diese Parallelwelten für manche Schüler wirklich Realität sind".

Probleme nicht aus der Luft gegriffen

Repolusk räumt allerdings grundsätzlich Probleme mit dem Verhalten mancher muslimischer Schüler ein. "Wir haben diese Probleme, keine Frage. Aber wir sind schon seit Jahren an diesen Themen dran." Es gebe Fortbildungen wie Deradikalisierungsseminare und in der Integration extrem engagierte Lehrerinnen und Lehrer. Vieles, was Wiesinger schreibe, sei wahr und sie wolle nichts unter den Teppich kehren. "Aber so dramatisch, wie sie es darstellt, würde ich das nicht unterschreiben."

An jedem Standort würden Herausforderungen außerdem unterschiedlich wahrgenommen. Viele schulische Themen, Projekte und Ähnliches würden den Schulalltag viel mehr bestimmen, als wenn solche Themen aufpoppen. Sie wolle die Wahrnehmungen Wiesingers, die sie als "sehr engagierte Lehrerin" beschreibt, keineswegs infrage stellen. "Ich stelle nur den generellen Anspruch infrage, dass das überall genau so und ausschließlich so passiert. Andere Standorte mit genau so einer Population wie jener von Frau Wiesinger gehen mit solchen Vorkommnissen genauso intensiv um und da höre ich gar nichts, weil das täglich auf der sozialen Ebene bearbeitet wird."

Steigender Druck auf das Lehrpersonal

Von "Einzelevidenzen" seiner ehemaligen Fraktionskollegin spricht auch der oberste SPÖ-nahe Lehrervertreter Wiens, Thomas Bulant. Der Gewerkschafter, der selber an einer Schule in Favoriten unterrichtet, kenne von seinem Standort keine Probleme a la Kleidungpolizei. Er baue nun auf die von Bildungsminister Heinz Faßmann (ÖVP) angekündigte Erhebung zu Integrationsproblemen an den Schulen, um zu einem Gesamtbild zu kommen. Als Lehrervertreter höre er vor allem Klagen von Lehrerinnen, die wegen ihres Geschlechts nicht als Autorität anerkannt bzw. denen das Begrüßungsritual verweigert werde. Völlig unabhängig vom religiösen und kulturellen Hintergrund der Schüler habe außerdem die physische Gewalt gegen Pädagogen zugenommen. Gleichzeitig sei der Druck von Eltern, Lehrerkollegen oder Schulleitung gestiegen, bessere Noten zu vergeben. Sollten die von Wiesinger geschilderten Vorkommnisse tatsächlich ein breites Thema sein, brauche es jedenfalls professionelle Unterstützungssysteme für die Lehrer.

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