Schuldenkrise in Europa von

Der Spar-Unsinn

IWF-Chefökonom gesteht Messfehler ein und sorgt für internationale Aufregung

Schuldenkrise in Europa - Der Spar-Unsinn © Bild: © Corbis.

2013 wird das sechste Jahr der Wirtschaftskrise sein: In Griechenland wird voraussichtlich zum sechsten Mal in Folge die Wirtschaft schrumpfen. Aber auch viele andere Länder sind weit davon entfernt die Krise von 2008 hinter sich zu lassen. Im Gegenteil sie versinken immer tiefer in einem Sumpf aus steigenden Schulden, schrumpfender Wirtschaft und immer neuen Sparpaketen. Nun gibt es erneut starke Hinweise, dass die Ursache in genau diesen Sparprogrammen zu suchen sein könnte. Ausgerechnet der Chefökonom des Internationalen Währungsfonds (IWF) – lange Zeit eine Institution, die rigoroses Sparen in der Krise empfahl – zeigt in einem neuen wissenschaftlichen Paper, dass strenge Sparprogramme die Krise verschärfen könnten.

Es ist wie beim berühmten Rennen des Hasen gegen den Igel, bei dem der Igel stets gewinnt obwohl der Hase eigentlich viel schneller ist: Während Regierungen in Griechenland, Spanien und vielen anderen Europäischen Ländern unter großen Anstrengungen versuchen die Schulden zu drücken, sind diese am Ende des Jahres dennoch regelmäßig höher als am Jahresbeginn. Der Grund liegt nicht unbedingt darin, dass die Sparanstrengungen zu gering sind. Es könnte gerade am zu intensiven Sparen liegen.

Denn Schulden der Staaten werden relativ zum Bruttoinlandsprodukt eines Staates gemessen. In Österreich liegen diese beispielsweise bei knapp über 70 Prozent des BIP. In Griechenland, Italien und vielen anderen europäischen Staaten jedoch bereits deutlich über 100 Prozent. Doch während in Österreich die Schulden nur noch moderat steigen und bald zu sinken beginnen sollten, steigen diese ausgerechnet in den Ländern mit den strengsten Sparpaketen immer weiter an.

Entscheidend für die Höhe des Schuldenstandes eines Staates ist eben nicht nur die Verschuldung sondern auch die Höhe des BIP. Wenn aber dieses schneller schrumpft als die Schulden gesenkt werden können, ist es wie beim Rennen des Hasen mit dem Igel. Jedes Mal wenn der Hase (die Schuldensenkung) durchgeführt wurde ist der Igel (ein noch niedrigeres BIP) schon da.

Die bisherigen Zahlen waren falsch

Eigentlich sollte genau das nicht passieren. Denn der IWF und wohl auch die Europäische Kommission haben jahrelang anders gerechnet. In der Volkswirtschaft nennt sich das Multiplikator. Gemeint ist der Faktor um den sich das BIP ändert, wenn der Staat investiert oder Schulden zurückfährt. Der IWF rechnete lange damit, dass eine Reduzierung des Schuldenstandes um ein Prozent, das BIP um etwa ein halbes Prozent sinken lässt. Ein Absenken des BIP wird also in Kauf genommen aber die Schulden sollten schneller sinken und sich das Verhältnis zwischen den beiden über kurz oder lang wieder stabilisieren und ein Land sich so wieder erholen können.

Genau diese Berechnung aber dürfte nicht stimmen, hat nun der IWF-Chefökonom Olivier Blanchard in einem aktuellen Paper berechnet. Vielmehr dürfte das BIP in Zeiten einer schweren Wirtschaftskrise viel stärker in Mitleidenschaft genommen werden als bislang angenommen. Statt um 0,5 Prozent dürfte ein Sparprogramm das BIP eher um 1,5 Prozent sinken lassen.

Mehr Ausgaben zur Schuldensenkung?

Wenn Blanchard Recht behält, so bedeutet das, dass Europas Sparpolitik völlig neu überdacht werden muss. Denn dann kann ein Staat sparen so viel er will. In einer Wirtschaftskrise wird sein Schuldenstand am Ende jedes Jahres immer höher sein als am Beginn. Wenn das stimmt, wären die aktuellen Sparprogramme nicht nur schmerzhaft, sondern auch völlig widersinnig.

Ausgerechnet im Gegenteil könnte die Lösung des Dilemmas zu finden sein. Denn auch Staatsausgaben haben einen Multiplikator. Laut Blanchard liegt dieser in Zeiten der Vollauslastung einer Wirtschaft bei nahe Null. Weitere auf Schulden finanzierte Ausgaben sind dann wohl wirklich völlig sinnlos. In Zeiten einer Wirtschaftskrise ist es aber genau umgekehrt.

Der Multiplikator steigt dann auf bis zu 2,5. Eine Ausgabe von einem Prozent des BIP würde dann das BIP um 2,5 Prozent steigen lassen. So könnten ausgerechnet Mehrausgaben die Rettung für Griechenland und die anderen von der Schuldenkrise betroffenen Länder sein. Denn wenn das BIP schneller wächst als die Schulden, so sinkt der Schuldenstand trotz weiterer Neuverschuldung. Österreich hat mit diesem Umstand in den Jahren vor der Krise gute Erfahrungen gemacht. Zwar gelang seit 2001 nie wieder ein Nulldefizit. Aber der Schuldenstand sank dennoch von 66,2 Prozent im Jahr 2002 auf 60,2 Prozent im Jahr 2007 und das obwohl jedes Jahr neue Schulden gemacht wurden. Umgekehrt wird Griechenland heuer erstmals seit vielen Jahren, ohne Einrechnung der Zinszahlungen, wieder einen Budgetüberschuss schreiben und dennoch wird der Schuldenstand des Landes – ohne Schuldenschnitt – wohl weiter steigen.

Das Paper von Blanchard und Leigh

Kommentare

r-tiroch@t-online.de

Die Zahlen-und Rechenwerke haben nie gestimmt weil sie pausenlos manipuliert werden um besser dazustehen. nun erhalten wir die Quittung. gepaart mit Lug und Trug ist der Schnitt extrem. aber der reihe nach beenden die rettungsroutines ja die krise, gell?

Wie kann man mit unseren technischen Möglichkeiten überhaupt in so eine miese Lage kommen? Die Rechenfehler sind viel größer und umfassernder. Deswegen heißt mein Buch ja auch Rechenfehler
http://calculation-error.org/index_g.htm

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