Schossgebete von

Mehr als nur Provokation

Roche nimmt sich kein Blatt vor den Mund

Schossgebete - Mehr als nur Provokation © Bild: APA/DPA/Kraufmann

Ihr Debüt-Roman löste vor drei Jahren so etwas wie ein literarisches Erdbeben in Deutschland aus. "Feuchtgebiete" über die sexuellen Fantasien einer 18-Jährigen sorgte wie kaum ein anderer Roman der jüngeren Geschichte für eine gesellschaftliche Debatte in deren Mittelpunkt Sex, Ekel und Hygiene-Wahn standen. Jetzt legt die 33-jährige Charlotte Roche nach - und macht doch alles ganz anders.

Mit großer Spannung wurde ihr zweites Buch "Schoßgebete" erwartet, das ab heute im Handel zu haben ist. Einen neuen Tabubruch kündigte der Verlag Piper in München in einer ausgeklügelten Marketing-Strategie an. Die Erstauflage liegt bei 500.000 Exemplaren - ein Rekord für den Verlag.

Seele statt Hintern
Tabubruch ist sicher das falsche Etikett für "Schoßgebete" - selbst wenn die gebürtige Britin auch diesmal kein Blatt vor den Mund nimmt. Die Geschichte der (wie Roche) 33-jährigen Elizabeth Kiehl und ihres Mannes Georg und das, was die beiden in ihrem eigenen Bett und dem von Prostituierten so treiben, beschreibt die Autorin zwar in allen Details. Dabei überschreitet sie sicher auch immer wieder die Grenzen zur Pornografie. Aber das ist - ganz im Gegensatz zu den "Feuchtgebieten" - nicht der Kern des Buches. Während Helene Memel, die Hauptfigur der "Feuchtgebiete", vor allem ihren Hintern inspizierte, untersucht Elizabeth auf 288 Seiten ihre Seele, "die nicht vorhandene".

Hervorragendes Porträt
"Schoßgebete" ist keine bloße Aneinanderreihung von Provokationen, sondern das hervorragend geschriebene Porträt einer jungen Frau, die vor allem eins will: gefallen. Das Buch ist das Protokoll von drei ganz normalen Wochentagen im Leben dieser Frau. Elizabeth - zutiefst verunsichert, abergläubisch, ehemals magersüchtig und paranoid - will eine gute Mutter sein, eine Vorkämpferin für den Umweltschutz, die Lieblingspatientin ihrer Therapeutin - und eine Granate im Bett. Selbst für die hübschen Nutten, zu denen sie gemeinsam mit ihrem Mann immer wieder geht, weil ihm ein Dreier soviel Spaß bereitet, macht sie sich besonders schön. "Ich möchte so gerne einzigartig sein", lässt Roche ihre Protagonistin sagen.

Viel von Roche selbst darin
Dass in Elizabeth viel von ihr selbst steckt, daraus macht die Autorin keinen Hehl. Ihr Mann sei nach dem Lesen erst einmal "hinten rüber gefallen", sagte Roche der Zeitschrift "Brigitte". "Dieser Roman basiert auf einer wahren Begebenheit. Darüber hinaus ist jede Ähnlichkeit mit lebenden oder toten Personen sowie realen Geschehnissen rein zufällig" - das steht am Anfang des Buches. Dem "Spiegel" sagte sie, sie müsse aufpassen, "dass es in der öffentlichen Wahrnehmung überhaupt noch eine Trennung gibt zwischen dieser Figur und der Autorin".

Tragödie
Diese wahre Begebenheit, die das Buch ins Zentrum stellt - als Ursprung und Ende von so vielem - ist die Tragödie, die Roches Leben unwiderruflich geprägt hat: Auf dem Weg zu ihrer geplanten Hochzeit mit ihrem damaligen Freund im Sommer 2001 in London wurde das Auto ihrer Mutter in Belgien in einen fürchterlichen Unfall verwickelt. Drei Brüder Roches starben, ihre Mutter wurde schwer verletzt. Die Erfolgs-Autorin und Moderatorin hat sich dazu nie öffentlich geäußert - bis jetzt. "Ich zähle alle toten Tiere auf dem Weg. Sie sind wie meine Brüder: unschuldig, klein, natürlich", lässt Roche ihre Protagonistin denken. Und: "Ich habe Angst vor meinen toten Brüdern, vor dem schlechten Gewissen, dass ich lebe."

Aus der Zeit dieses Schicksalsschlages stammt auch Roches Wut auf Boulevardmedien, die sie immer wieder gerne zur Schau trägt. In ihrem Buch heißt der Feind "Druck-Zeitung", ein Blatt, das die Tragödie ihrer Familie gnadenlos ausschlachtet. "Wenn man jemanden, der so verletzt und verwirrt ist, so öffentlich demütigt und vergewaltigt, dann züchtet man seine eigenen Terroristen heran", sagt Romanfigur Elizabeth. "Das werde ich rächen."

Übertrifft Erwartungen
Und so erfüllt "Schoßgebete" die Erwartungen nicht, der Roman übertrifft sie - auf sehr überraschende Weise. Roches zweites Werk schlägt ihr Erstlingswerk um Längen. Es ist authentisch und persönlich, ergreifend, melancholisch und unglaublich ehrlich. "Ich wäre verrückt, wenn ich glaubte, 'Feuchtgebiete' wäre übertreffbar", sagte Roche dem "Spiegel". Ihr neues Buch aber hätte diesen (Verkaufs-)Erfolg durchaus verdient.

Info:
Charlotte Roche: "Schoßgebete"
Piper Verlag, 288 Seiten
17,50 Euro
ISBN - 978-3-492-05420-1