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Schoßgebete: Eine Ode an das Leben

Viel mehr als nur Sex thematisiert die neue Charlotte Roche-Verfilmung

Schoßgebete © Bild: 2014 Constantin Film Verleih GmbH / Tom Trambow

Nach „Feuchtgebiete“ steht dem Kinogänger nun mit „Schoßgebete“ die zweite Charlotte Roche-Verfilmung bevor. Angst macht sich breit, nimmt man den Platz in seinem Kinosessel ein. Die große Enttäuschung des ersten Filmes steckt noch in den Knochen. Doch dann kommt alles ganz anders als erwartet…

Ein Teenie-Film mit etwas zu gewollter Provokation, der durch explizite Darstellungen aufzuregen versuchte, aber dahinter nicht allzu viel zu bieten hatte. Das war „Feuchtgebiete“ vor ungefähr einem Jahr. Der erste Film nach einem Buch von Charlotte Roche.

All jene, denen genau dieses Szenario noch im Kopf herumspukt und die deshalb „Schoßgebete“ bereits abgeschrieben haben, sei ein Überdenken dieser Entscheidung ans Herz gelegt.

Schoßgebete
© 2014 Constantin Film Verleih GmbH / Tom Trambow

Tod statt Sex

„Schoßgebete“ ist, wie auch „Feuchtgebiete“, kein einfacher Film. Ganz und gar keine seichte Unterhaltung für einen Wohlfühl-Abend darf man sich bei Sönke Wortmanns Werk erwarten. Der Grund dafür ist jedoch weder Sex, noch abartige Praktiken oder sonstige intimen Abartigkeiten. Klar, Sex ist natürlich Teil des Filmes, doch das eigentliche Thema ist ein ganz anderes: Der Verlust, der Tod und damit auch das Leben.

Schoßgebete
© 2014 Constantin Film Verleih GmbH / Tom Trambow Wie geht man mit einer familiären Tragödie um?

Elizabeth Kiehl (Lavinia Wilson) hat als junge Frau ihre halbe Familie verloren. Bei einem schweren Autounfall am Weg zu Elizabeths Hochzeit kamen die drei jüngeren Geschwister um, die Mutter überlebte schwer verletzt. Die geplante Heirat fand nicht statt, die Beziehung selbst überlebte die Tragödie ebenfalls nicht. Zurück blieb allerdings ein Kind, gezeugt in der Vereinigung in tiefer Trauer, das Elizabeth nun mit ihrem neuen Mann (Jürgen Vogel) und in Kooperation mit dem Kindesvater großzieht. Eine „normale“ Patchworkfamilie, die glücklich zu sein scheint und besser funktioniert als viele andere dieser Modelle. Wenn da nicht immer noch Elizabeths Trauma wäre, die ständige Angst vor dem Tod; immer und überall. Das einzige was der traumatisierten Frau – scheinbar – hilft, ist Sex. Sex mit Georg, ihrem neuen Mann, Sex der meist heftig aber nie schlecht ist. Ebenso gut wie der Sex ist auch Georg. Ein liebenswerter, reicher Mann, der seine Frau so liebt, wie sie ist und auch ihre Tochter wie ein eigenes Kind ins Herz geschlossen hat.

Schoßgebete
© 2014 Constantin Film Verleih GmbH / Tom Trambow Glückliche Patchwork-Familie

Hochemotional

Elizabeth Kiehl hat damit mehr als die meisten Menschen. Eine liebevolle Familie, die funktioniert – und das ohne Geldsorgen. Doch um dieses Glück anzunehmen, muss sie erst das Trauma der Vergangenheit bewältigen. Dabei hilft ihr, neben Sex, auch ihre Therapeutin, Frau Drescher, anhand deren Sitzungen die tragische Vergangenheit in Rückblenden aufgerollt wird. Und diese sind es, die die großen Emotionen auslösen. Aufwühlend und zutiefst traurig machen die Bilder und Folgen des tragischen Unfalls, der den Besucher auch nach Verlassen des Kinosaals nicht ganz loslassen mag. Die eingestreuten Sex-Szenen zwischendurch erweisen dagegen sogar als angenehme Auflockerung und Entspannung in der Emotions-Achterbahnfahrt.

Schoßgebete
© 2014 Constantin Film Verleih GmbH / Tom Trambow Sex als Therapie

„Schoßgebete“ ist kein provozierendes Sex-Abenteuer, sondern schlicht ein Film über das Leben. Das Überleben nach einer familiären Katastrophe. Wie kann man die Auslöschung der eigenen Familie verarbeiten, wie danach weiterleben? Und Therapeutin Drescher gibt die wohl einzig mögliche Antwort: „Leben Sie“, rät sie ihrer Klientin und entlässt damit Elizabeth sowie das Publikum mit dem wunderbaren Gefühl der Lust. Der Lust zu leben.

Schoßgebete
© 2014 Constantin Film Verleih GmbH / Tom Trambow "Leben Sie" empfiehlt die Therapeutin

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