Das Ortnerprinzip von

Schluss mit langsam

Julia Ortner © Bild: News/Ian Ehm

Zwei Jahrzehnte Michael Häupl in Wien sind also genug. Das grenzt für SPÖ-Verhältnisse schon an Majestätsbeleidigung, auch wenn Christian Deutsch, roter Ex-Landesparteisekretär und Verbündeter von Ex-Kanzler Werner Faymann, diese Äußerung kürzlich nicht so brutal direkt, sondern mehr in girlandenhafter Politikersprache getätigt hat: Nach 22 Jahren im Amt müsse man natürlich überlegen, wie eine Nachfolge Häupls aussehen könnte. Und es sei auch die Verantwortung des Bürgermeisters, dieses Thema anzusprechen.

So etwas hat bis jetzt kein Genosse öffentlich anzusprechen gewagt. Häupl sorgte bei allen parteiinternen Wirrnissen immer noch für Ordnung im roten Haus, er hat viel zur Position Wiens als lebenswerte Metropole geleistet, und er gab seinen Leuten diese innere Sicherheit: Unser Vater, unser Herr, unser Wiener Chef wird es schon richten. Mit seinem Bekenntnis zu einer weltoffenen SPÖ-Politik konnte Häupl das rot-grüne Wien bei der Wahl 2015 zwar noch einmal gegen die aufsteigende FPÖ halten, doch auch die Wiener Partei ist mittlerweile ungeduldig und unruhig geworden.

Zu lange warten sie schon auf die Entscheidung des Chefs über seine Nachfolge, zu viele haben sich schon Hoffnungen darauf gemacht, zu groß werden dadurch auch die Konflikte zwischen einzelnen Kontrahenten und Parteiflügeln – vor allem zwischen Sonja Wehsely (links) und Michael Ludwig (rechts). Kommenden Montag tagen die Spitzengremien der mächtigsten roten Landesgruppe – und dort soll dann eine Gruppe von Wiener Bezirken tatsächlich Erneuerungen in der Partei erzwingen wollen. Revolution liegt in der Luft, zumindest ein „Euzerl“ davon, wie man in Wien so schön sagt.
Die Verantwortung für das Chaos um seine Nachfolge trägt natürlich wie immer der Chef, Michael Häupl. Die zwei SPÖ-Flügel mit ihren Eigeninteressen mögen zwar mühsam zu bändigen sein, aber er hat alle Beteiligten über die Jahre im Unklaren gelassen. Mit seiner Strategie, der Erfindung der politischen Langsamkeit, war der geschickte Machtpolitiker Häupl früher erfolgreich, in Wien und in der Bundespolitik: abwarten, sich bedeckt halten, die anderen ihre Kämpfe untereinander austragen lassen und dann am Ende entscheiden, was sich ohnehin schon herauskristallisiert hat – das funktionierte noch, als Wien noch röter und er noch stärker war.

Heute fragt man sich, warum Michael Häupl nach der letzten Wahl geblieben ist und die Übergabe nicht elegant eingeleitet hat. Ist es das Verantwortungsgefühl, das Nicht-loslassen- Können, die Überzeugung, ohne mich geht es nicht? Das Hässliche an solchen Machtfragen ist allerdings: Am Ende wird man oft nicht mehr gefragt, ob es ohne einen geht oder nicht.

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