Schlingensief-Projekt bei Wiener Fest- wochen: Afrikanische Operndorf-Utopie

Außerdem dabei: Zwei Jelinek-Inszenierungen Plus: Recycelte Menschen am Wiener Karlsplatz

Mit einem ausführlichen Trailer haben die Wiener Festwochen einen genaueren Einblick in das diesjährige Programm des fünfwöchigen Theater- und Musikfestivals gegeben. "Ich hoffe, dass das Festival genauso anziehend ist wie in diesen Bildern", sagte Intendant Luc Bondy bei der Pressekonferenz im Wiener Architekturzentrum.

Als wichtigste Neuerung wurde das Projekt "Via Intolleranza II" von Christoph Schlingensief vorgestellt. Ab Samstag sind Karten für die am 14. Mai eröffnenden Festwochen erhältlich.

Drei Marathonstücke
Auch wenn Bondy seine Mitstreiter am Podium dazu anhielt sich kurz zu halten, warb der Intendant gleich zu Beginn besonders für die drei Marathonstücke im Programm: Krystian Lupas Warhol-Projekt "Factory 2", Robert Lepages Familienepos "Lipsynch" und Peter Steins Dostojewski-Nacherzählung "I Demoni - Die Dämonen". "Das sind richtige Zeitexpeditionen", betonte er die mehrstündigen Projekte als entschleunigendes Moment in "unserer rasenden Zeit". "Davor muss man sich nicht fürchten."

Zwei Opern von Alban Berg
Musikchef Stephane Lissner freute sich auf "die zwei großen Opern von Alban Berg", "Wozzeck" und "Lulu", bei denen "Musikdramaturgie und Theater ineinander verschmelzen". Regisseur Stephane Braunschweig will aus dem "Wozzeck" (Dirigent: Daniel Harding) bei seiner ersten Wiener Arbeit "keine luxuriöse Produktion" machen: "Wir sind sehr auf die Personen fokussiert." Das "Fest für Alban Berg" wird von einer Reihe von fünf Konzerten und einem Gespräch ergänzt. Zum Abschluss wird Pierre Boulez das "Kammerkonzert" dirigieren.

Schlingensief-Uraufführung
Die größte Neuigkeit hatte Schauspielchefin Stefanie Carp mitzuteilen: Gemeinsam mit dem Burgtheater und Impulstanz sei es für den Juni gelungen, Christoph Schlingensiefs afrikanisches Projekt "Via Intolleranza II" nach Wien zu holen. Die derzeit in Burkina Faso entstehende "Operndorf-Utopie" basiert auf Motiven von Luigi Nonos Aktions-Oper "Intolleranza 1960", der genaue Ort für die Wiener Aufführung steht noch nicht fest. Einen Afrika-Bezug hat auch die Installation "Exhibit A: Deutsch-Südwestafrika" des Südafrikaners Brett Bailey, der im Völkerkunde-Museum Menschen in Vitrinen platziert und so eine "Meditation über Rassismus" erzeugen möchte.

Recycelte Menschen
Die Performance-Gruppe God's Entertainment wird am Wiener Karlsplatz Menschen recyceln, indem Langzeitarbeitslosen und Sozialhilfeempfängern mit neuer Kleidung und einem per Glücksrad gewählten Beruf eine neue Identität gegeben wird. Rimini Protokoll setzen auf der Bühne statistische Zahlen über Wien mit 100 repräsentativen Menschen um. Einen irrwitzigen Eindruck hinterließ auch das estnische Stück "Wie man dem toten Hasen die Bilder erklärt" von NO99, die mit Joseph Beuys im Gepäck durch alle Formen zeitgenössischer Bühnenavantgarden performen.

Jelinek-Inszenierungen
Daneben stehen die zwei Jelinek-Inszenierungen "Die Kontrakte des Kaufmanns" und "Rechnitz - Der Würgeengel", die Tschechow-Entsentimentalisierung "Nach Moskau, nach Moskau" von Frank Castorf oder Kornel Mundruczos Vision einer totalitären Elite ("Das Eis"). Aus dem Tanztheaterbereich sind Alain Platels "Out of Context" und Meg Stuarts" Do Animals Cry" hervorzuheben. Als einen richtigen "Reißer" kündigte zudem Bondy seine "Helena" nach Peter Handkes Euripides-Adaption mit Birgit Minichmayr an - "mit Kidnapping, einem bösen Tyrann, der Flucht von der Insel". Er habe das Stück "vom Wiener Schmäh entschlackt" und dramatischer inszeniert, so Bondy.

Indendant inszeniert Schnitzler
Noch bevor die Festwochen am 14. und 15. Mai mit zwei großen Gratis-Konzertveranstaltungen am Rathausplatz eröffnet werden, stellt sich der Intendant selbst mit seiner englischen Schnitzler-Adaption "Sweet Nothings" (ab 10. Mai) dem Publikum. Insgesamt stehen den Festwochen heuer ein Budget von 14,3 Millionen Euro zur Verfügung, erläuterte Geschäftsführer Wolfgang Wais zum Abschluss, Einnahmen von 3,5 Millionen Euro stehen dabei Subventionen der Stadt von 10,8 Millionen Euro gegenüber. Als Hauptsponsoren treten A1, Casinos Austria und Raiffeisen auf, mit letzteren wurde im Looshaus bis 20. Juni auch eine Festwochen-Lounge eingerichtet.

(apa/red)