Multikulturelle Armee

Juden, Muslime, Drusen, Christen in israelischen Einheiten

von Peter Sichrovsky © Bild: News/Ricardo Herrgott

Während eines Besuchs in Israel wurde ich zu einer Hochzeit eingeladen, einer ungewöhnlichen Hochzeit, einer Hochzeit zwischen einer jüdischen Frau und ihrem muslimischen Partner. Sie sprachen beide fließend Hebräisch und Arabisch, sprangen in den Sprachen hin und her und antworteten den wenigen Gästen, zu denen ich gehörte, auf Englisch oder Französisch. Nora, eine Studentin der Medizin, aus einer sephardischen Familie, die vor vielen Jahren aus Marokko eingewandert war, und Masud - das beeindruckte mich besonders -, Araber, Moslem und Offizier der israelischen Armee. Beide planten, die unterschiedlichen Gebräuche so weit wie möglich zu berücksichtigen, respektvoll gegenüber den Traditionen der beiden Familien. Doch der Plan war nicht so einfach durchzusetzen - ein Großteil der Verwandten boykottierte die Hochzeit. Von den religiösen Gesetzen her darf ein muslimischer Mann eine Frau aus einer anderen Religion heiraten, einer Muslimin ist dies verboten. Im Judentum betrifft das beide. Gläubige jüdische Frauen und Männer sollten nie außerhalb ihrer Religion heiraten.

Henna-Abend

Nora suchte den Kontakt zu den Schwestern von Masud und schlug einen traditionellen Henna-Abend vor, wenn am Vorabend einer arabischen Hochzeit Hände und Füße mit Henna-Mustern verziert werden. Die Schwestern sagten ab. Auch der Junggesellen-Abend, zu dem Masud einlud, fand nicht statt, jeder hatte eine andere Ausrede, warum er nicht kommen konnte. "Es ist der Druck in den Familien", sagte Masud, "es ist immer noch ein Tabu in den beiden Welten, sie leben nebeneinander mit wenig Kontakt, es gibt kaum Hochzeiten." Zur Hochzeitsfeier kam er in Offiziers-Uniform der israelischen Armee und schockte die wenigen Verwandten und Freunde, die trotz aller Widerständen gekommen waren. Ich fragte ihn, ob er die Ausnahme unter den Arabern sei. Er lächelte und sagte: "Sicher, es sind nur wenige von uns in der Armee, es werden jedoch von Jahr zu Jahr mehr. Viele Araber, die sich melden, sind Christen. Sie sind die Minderheit in der palästinensischen Minderheit." Ich sollte mir die Interviews mit Alaa Waheeb ansehen, der sei der erfolgreichste Araber im Militär, sagte er beim Abschied.

Existenzrecht

Der 32-jährige Major Alaa Waheeb, Leiter des militärischen Ausbildungszentrums Tze'elim, ist der Offizier mit dem höchsten Rang unter den muslimischen Arabern. Er war nicht nur jahrelang Soldat, sondern unter seiner Leitung werden jetzt jüdische Soldaten ausgebildet.

"Ich komme aus einem Dorf, in dem die Bevölkerung nicht einmal das Existenzrecht Israels anerkennt", sagte er in einem Interview. Seit mehr als zehn Jahren sei er jetzt in der Armee und habe immer noch mit Vorurteilen und Schwierigkeiten zu kämpfen. Von Seiten seiner Familie, den Bewohnern des Dorfes, wo er aufwuchs, die ihn als Verräter beschimpfen, als auch vom Militär, das ihn lange Zeit misstrauisch beobachtete.

Begonnen habe sein Umdenken im Alter von zwölf Jahren als er mit anderen Jugendlichen Steine und Brandsätze auf israelische Soldaten warf. Plötzlich sei ihm der Gedanke durch den Kopf gegangen, ob er tatsächlich sein Leben lang Steine werfen möchte. Er beschloss, nach Hause zu gehen, sich nicht mehr an den Ausschreitungen zu beteiligen, wurde als Feigling beschimpft, später als Kollaborateur.

Während seiner Ausbildung hätten Kinder ihn in seinem Dorf angespuckt, mit Steinen beworfen, ihn als "Jude" beschimpft. Doch er hielt durch, beendete seine Ausbildung und blieb in der Armee.

Gefängnis

In den ersten Jahren war er Mitglied einer Einheit an der Grenze zu Gaza. Eines Tages habe eine arabische Frau mit einem Messer einen israelischen Soldaten angegriffen, er sprach sie auf Arabisch an, und sie brach in Tränen aus. Nach der Verhaftung zeigte sie einer Soldatin ihren Körper, übersät mit offenen Wunden nach Schlägen ihres Ehemannes, weil sie angeblich die Ehre der Familie verletzt habe. Sie wollte niemanden töten, doch ein Gefängnis in Israel schien ihr sicherer, als zuhause zu bleiben.

Zwischen 5.000 und 10.000 Palästinenser sind derzeit in der israelischen Armee.

Die Muslime unter ihnen schwören den Eid auf den Koran, Christen auf die Bibel. Etwa 1.000 haben sich aus arabischen Staaten gemeldet, darunter Libanon und Syrien, "vielleicht als Teil des Wandels, den die Region durchmacht", sagte Waheeb, "wir konnten es kaum glauben." Als Reaktion eröffneten die Armee ein eigenes Rekrutierungsbüro für Araber am Stützpunkt Michve Alon in Galiläa.

"Als Kinder hörten wir von unseren Eltern, dass der Holocaust eine Erfindung der Juden sei", erzählte Waheeb, "als wir im Ramen unserer Ausbildung nach Auschwitz fuhren, war ich geschockt, ich konnte nicht glauben, was ich gesehen hatte." Er definiert sich heute als ein "Zionist Israeli Arab", würde nie seinen muslimischen Glauben aufgeben und sieht im Zionismus eine Chance für Menschen verschiedener Religionen, Sprachen, unterschiedlicher Herkunft, zusammenzuleben.

Seelenwanderung

Von den 150.000 Drusen, die in Israel leben, haben die Hälfte der jungen Männer und Frauen den Militärdienst absolviert, etwa 15 Prozent sind in der Armee geblieben. Salman Haake, einer der führenden drusischen Offiziere, Leutnant einer Panzereinheit, wurde vor wenigen Tagen während der Kämpfe in Gaza getötet. Brigadegeneral Dr. Tarif Bader ist der erste Druse in der Funktion des obersten Sanitätsarztes der israelischen Armee.

Drusen sprechen Arabisch, ihr Glaube ist stark von islamischer Tradition beeinflusst. Bereits im elften Jahrhundert spalteten sich die Drusen vom Islam ab. Der entscheidende Unterschied zu Islam, Christentum und Judentum ist der Glaube an die Seelenwanderung, die Seele lebt mit dem Tod in einem Neugeborenen weiter. Die Gemeinschaft der Drusen akzeptierte von Beginn an den Zionismus, sieht Israel als ihre Heimat und versuchen nicht, ihre religiösen Regeln und Rituale einer Gesellschaft aufzuzwingen. Ihr Symbol ist ein fünfzackiger fünffarbiger Stern. Jede Farbe symbolisiert ein Prinzip des Glaubens: Grün für Verstand, Rot für die Seele, Gelb für das wahrhaftige Wort, Blau für die Ursache eines Wirkungsprinzips und Weiß für die Wirkung. Arin ist eine arabische Christin in der Armee. Sie erzählte in einem Interview: "Ich habe mir vorgenommen, Jus zu studieren, aus dem ewigen Opfergehabe der Araber auszubrechen und zur Armee gehen. Genau das habe ich getan. Ich lebe nicht in Palästina, ich lebe in Israel. Ich bin Israelin. Das ist mein Leben, das ist meine Heimat." Viele Freiwillige aus christlich-arabischen Familien fühlen sich ausgeschlossen und diskriminiert unter muslimischen Palästinensern. Sie versuchen, diese Gesellschaft zu verlassen, wollen keine Araber mehr sein, sondern Israelis wie Juden und Drusen. "Am Anfang war es ein Schock für viele", erzählte sie, "in Nazareth, wo ich herkomme, eine Frau in Uniform der israelischen Armee. Niemand wollte mit mir zu tun haben. Es war ein schwieriger Weg. Jetzt, vier Jahre später, geht es mir gut, ich kann mit der Ablehnung besser umgehen, habe viele neue Freunde, bin angekommen in einer neuen Wirklichkeit."

Hochzeit

Zurück zur Hochzeit von Nora und Masud, die eigentlich keine Hochzeit war, da Israel standesamtliche Zivilehen nicht anerkennt, nur religiöse Trauungen. Die beiden hatten in Paris geheiratet mit einem liberalen Rabbiner und Imam. Jetzt wollten sie in Israel ihre Familien, Freunde und Freundinnen zu einem Fest einladen. Doch es kamen nur ein paar Studentinnen, die mit Nora studierten, und ein paar Kameraden von Masud.

Ich war rein zufällig dabei, wohnte im selben Hotel, und als ich die Stiegen hinunterlief, weil der Lift nicht kam, hörte ich Musik durch eine verschlossene Tür, stand lauschend davor, als sie aufging und ein Mann in Uniform vor mir stand, der zur Toilette wollte und mich einlud, ich sollte doch reinkommen, sie würden eine Hochzeit feiern, und kaum jemand sei gekommen, es gäbe Musik, zu viel zu essen und lauter nette Leute.