Schlaglichter aus Florida

Spielplatz für pensionierte Millionäre

von Ein Seniorenpaar spielt Golf. © Bild: iStockphoto.com/shapecharge

Die typischen Mr und Mrs Smith aus Chicago, erfolgreiche Anwälte oder Besitzer eines Bauunternehmens oder einer Werbeagentur, die sich nach ihrem 60. Geburtstag aus den Geschäften zurückgezogen haben, ihr Haus in den nördlichen, noblen Vororten verkauften, leben jetzt in Naples, Sarasota, Jacksonville -beliebte Städte für Pensionisten an der Ostküste -oder sonst wo in Florida. Dort erwerben sie meistens ein Haus in einer "Gated Community"(abgeschlossene Wohnanlage), eingezäumt mit hohen Mauern und Eisentoren an den Eingängen, die sich ferngesteuert für die langsam gleitenden, schweren Limousinen öffnen. Diese Siedlungen bieten Schwimmbäder, Klubräume für Lesungen, Musikveranstaltungen und Bridge-Turniere, Restaurants, Tennisklubs und natürlich Golfplätze. Nicht zufällig wird Naples als "Golf Capital of the World" bezeichnet.

Ideales Winterwetter

Mit 22 bis 28 Grad während der Wintermonate bietet Florida das ideale Wetter, um sich hier zur Ruhe zu setzen. Die meisten hier lebenden Pensionisten verlassen Florida im April oder Mai, wenn die Temperaturen bis zu 45 Grad steigen bei hoher Luftfeuchtigkeit, und verbringen den Sommer in Chicago, Colorado oder New York. Etwa 20 Prozent der 22 Millionen Einwohner von Florida sind Pensionisten.

Die Straßen der zahlreichen "Gated Communitys", in denen ein Haus dem anderen gleicht und jeder Vorgarten dem des Nachbarn, haben unterschiedliche Immobilien-Preise. Von ein bis zwei Millionen für ein bescheidenes Haus mit drei Schlafzimmern, weiter zur nächsten Straße, wo jene stehen für fünf Millionen mit größeren Gärten und sechs Schlafzimmern bis zur Straße mit mehrstöckigen Villen auf großen Grundstücken an einem See, die zehn Millionen und mehr kosten. Alles muss seine Ordnung haben, niemand soll neben jemandem wohnen, der mit Überfluss den Nachbar in die Unsicherheit drängt. Am Morgen wird Tennis oder Golf gespielt, Bridge am Nachmittag, am Dienstag lädt der von gegenüber zum Abendessen ein und am Mittwoch der zwei Häuser weiter, und einmal pro Woche stirbt einer in der Siedlung, und dann trifft man sich beim Begräbnis. Das Durchschnittsalter der Bevölkerung in Pensionisten-Zentren wie Palm Beach liegt bei 70, in Naples bei 66 Jahren, und selbst in der größten Stadt, Miami, bei 41 Jahren. Florida ist nach Maine der "zweitälteste" Bundesstaat der USA.

Unternehmer und Briefträger

Naples hat etwa 20.000 Einwohner, die das ganze Jahr hier leben, und 300.000 während der Wintermonate. Für Wohnungen, die bei einer Jahresvermietung nicht viel mehr als in Wien kosten, zahlt man für eine Kurzzeit-Miete während der Wintermonate bis zum Zehnfachen. Von Dezember bis März quellen Naples und andere Städte an Floridas Küste über. Die teuersten Orte sind Palm Beach, Bal Harbour und Pinecrest, während man in Cape Coral, Fort Myer und Edgewater um einen Bruchteil der Kosten leben könnte, deshalb ziehen sowohl pensionierte, wohlhabende Unternehmer wie auch - wenn auch weitaus weniger -Polizisten und Briefträger in den "Sunshine State", wie Florida sich selbst bezeichnet. Die reiche Stadtverwaltung von Naples leistet sich sogar einmal im Jahr eine Einladung der Wiener Philharmoniker.

Im Zentrum von Naples reihen sich grell erleuchtete Restaurants und Geschäfte aneinander, vor denen Ferrari, Porsche und Bentley stehen, die Bäume sind geschmückt mit Lichtern wie zu Weihnachten, und auf den Gehsteigen zeigt man sich braungebrannt, Hemd oder Bluse weit aufgeknöpft, und fühlt sich als einer oder eine der Gesellschaft, die es geschafft hat. Ultimatives Luxussymbol ist ein Bentley-SUV, das man im flachen Florida so dringend braucht wie Schlittschuhe in der Sahara.

Aus einem dieser Häuser einer "Gated Community" in Naples, wo ich einen Freund besuchte, machte ich mich früh, morgens auf den Weg zum nächsten Starbucks, das außerhalb der Siedlung lag. Rund um das Café auf dem Parkplatz standen Autos hintereinander, die Schlange ineinander gedreht wie eine Schnecke, bis ich erkannte, dass sie sich vor dem Drivein- Fenster des Cafés anstellten. Selbst als Fußgänger musste ich 20 Minuten warten, bis ich den Pappbecher mit dem Filterkaffee bekam.

Es sei das einzige Café in der Gegend, erklärte mir mein Bekannter. Früher habe es Bäckereien gegeben mit frischem Gepäck und warmen Getränken. Die seien alle verschwunden, weil sie die hohen Mieten nicht zahlen konnten. Nur Starbucks sei übriggeblieben. Der perfekten Luxuswelt hier fehlen die angenehmen Nebensächlichkeiten, die wir von Europa gewohnt sind.

Rechtskonservativ

In der einst stabilen Hochburg der Demokraten veränderte sich in den letzten Jahren das politische Gleichgewicht zu Gunsten der Konservativen. Florida-Gouverneur Ron DeSantis, ein möglicher rechtskonservativer Kandidat der Republikaner für die nächsten Präsidentenwahl, machte sich bisher wenig bemerkbar mit Vorschlägen zur Reduzierung der Einkommensungleichheit, die in Florida eine der größten ist in den USA, und der Einkommensverluste der ärmeren Schichten, sondern schockte das liberale Amerika mit Gesetzen über Verbot des Unterrichts in Schulen über Homosexualität ("Don't say gay bill") und Rassismus.

Als Disneyland - mit mehr als 50 Millionen Besuchern pro Jahr eine der wichtigsten Einnahmequellen des Bundesstaates - daraufhin Spenden an die Republikaner stornierte und gegen das "Anti-Gay- Gesetz" protestierte, drohte die Regierung, die steuerlichen Sonderkonditionen für Disney zu beenden. Eine Verschärfung der Abtreibungsgesetze ist geplant, und Wähler und Wählerinnen mit Vorstrafen - viele von ihnen Afroamerikaner -dürfen ihr Wahlrecht nur ausüben, wenn sie schuldenfrei sind. Florida entwickelt sich neben Texas und Oklahoma zu einem politischen Testmarkt, wie weit die Republikaner mit ultrakonservativer Politik gehen könnten.

Im Süden Floridas rund um Palm Beach liegt der private Golfklub Mar-a-Lago - Trumps neues Zuhause -mit einem Jahresticket für Mitglieder um 200.000 Dollar. Hier siedelten sich wohlhabende Unterstützer des ehemaligen Präsidenten an, bekannte Journalisten von Fox News, streng religiös Christen und Juden, die die lockeren Covid-Regeln in Florida schätzten, Abtreibungsgegner, treue Mitarbeiter aus seiner Administration, und bildeten eine rechtskonservative Power-Group innerhalb der Republikaner.

Schlechte Laune unerwünscht

Am Strand von Naples ist von all den Problemen nichts zu spüren. An Nachmittagen und Wochenenden sitzen arm und reich neben einander meist kreisförmig in Gruppen mit Freunden und Familie auf Klappsesseln oder Badetüchern im weichen, weißen Sand. Die einen reinigen möglicherweise die Straßen während der Woche, und andere leben in den teuren Villen. Aus großen Kühltaschen werden Bier, Limonade, gebratenes Huhn und Hamburger verteilt. Alle lieben das Strandleben und die Strandaktivitäten, es wird geredet, gescherzt, gelacht, mit Bällen gespielt, Sandburgen werden gebaut, nur im Meer ist kaum jemand. Manchmal gehen sie ein paar Schritte, bis das Wasser die Knie erreicht, um sich abzukühlen, das war's dann schon. Die Sportlichen marschieren lieber frühmorgens auf der endlos langen geradlinigen harten Spur, wo das Wasser den Strand erreicht, grüßen einander und lächeln.

Im "Sunshine State" ist schlechte Laune unerwünscht. Aus Wien kommend wirkt die Freundlichkeit und perfekte Bedienung in Restaurants und Geschäften - egal, wie billig oder teuer sie sind -fast schon verdächtig. In Cafés wird man von Gästen am Nebentisch angesprochen, in den Tennisanlagen in den öffentlichen Parks zum Spielen eingeladen. Das Faszinierende an Florida sind nicht die luxuriösen Apartmenthäuser und Villen, der Ferrari und der Bentley vor den teuren Restaurants und nicht jene leere, inhaltslose Angeberei der "Wir haben" im Vergleich zu den "Ihr nicht haben". Es ist eine Atmosphäre, die von den einfachen Menschen getragen wird und -trotz oft schwierigem Alltag -eine positive und optimistische Grundstimmung vermitteln, die man in Europa als oberflächlich verachtet und dennoch vermisst.