"Schlachthäuser profitieren davon,
wenn Tierärzte wegschauen"

Eine österreichische Tierärztin schildert die Zustände in einem Schlachthof

Eine ehemalige Fleischuntersuchungstierärztin aus Oberösterreich enthüllt Unappetitliches aus einem Schlachthof. Sie wirft der Politik Versagen vor.

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Schlachthof © Bild: Ralph Orlowski/Getty Images

Sie haben zehn Jahre lang als Tierärztin in der Fleischbeschau in einem Schlachthof gearbeitet. Wie ist es Ihnen dabei gegangen?
Als Tierarzt am Schlachthof ist man von vielen Seiten einem großen Druck ausgesetzt. Auf der einen Seite vom Amtstierarzt, dem ich direkt berichten muss. Auf der anderen Seite von der Wirtschaft, weil viele Arbeitsplätze an einem Betrieb hängen. Das geht immer über alles. Über den Tierschutz. Über die sozialen Belange. Man bekommt keine Rückendeckung. Da kann man nicht einfach sagen: Stopp, hier wird nicht mehr weiter geschlachtet, bevor nicht alle Mängel behoben sind. Dann hat man gleich eine Klage am Hals wegen Verdienstausfall oder Lohnausfall oder ähnlichem. Deshalb hält man sich zurück.

Gab es denn Grund zur Beanstandung?
Eines der größten Probleme war meist die Betäubung der Schweine. Die wurde oft nicht ordnungsgemäß durchgeführt. Es ist auch vorgekommen, dass vergessen wurde, das Schwein zu stechen, also zu töten. Dann kam es vor, dass das Tier noch am Leben war, wenn es in den Brühkessel geworfen wurde. (Anmerkung der Redaktion: Nachdem die Schweine ausgeblutet sind, werden sie in den Brühkessel geworfen. Eine Art Badewanne mit 60 Grad warmen Wasser, aus der die Tiere sauber weiter zur Enthaarung gelangen.)

Warum passiert so etwas?
Weil viel zu schnell gearbeitet werden muss. Bei uns wurden zum Beispiel die Tiere mit CO2 betäubt. (Anmerkung der Redaktion: Dabei werden die Schweine in eine Transportgondel (eine Art Käfig) gesperrt, der anschließend mit Gas(CO2) geflutet wird.) Dabei ist es wichtig, dass die Konzentration des Gases und die Dauer der Begasung stimmt. Unsere Gondel war für vier Schweine zugelassen. Es war jedoch üblich, dass sechs oder sogar sieben Schweine drinnen waren, weil sie gewaltsam hinein getrieben wurden. Keiner kann mir erzählen, dass dann die Konzentration des Gases, die aus Kostengründen sowieso immer eher zu niedrig und die Dauer zu kurz eingestellt waren, wirklich vollkommen ausreicht. Mal ganz abgesehen vom Stress, dem die Schweine beim gewaltsamen Hineintreiben ausgesetzt sind. Ich habe darüber einmal mit meinem vorgesetzten Amtstierarzt gesprochen. Der meinte nur, dass die Tiere ja von alleine in die Betäubungsgondel laufen, da könne man nichts machen. Wenn man immer wieder mit solchen Aussagen vom Amt konfrontiert wird, dann ist irgendwann mal der Ofen aus. So war das bei mir.

Wie viele Anzeigen haben Sie in Ihrer Zeit als Tierärztin auf diesem Schlachthof gemacht?
Ich habe drei Anzeigen gemacht. Das erscheint jetzt nicht viel. Aber das ist ja auch nur bei den ganz extremen Fällen gewesen. Alles andere habe ich aus den genannten Gründen sowieso schon versucht mit Kommunikation zu regeln. Aber selbst bei den Anzeigen ist nie etwas herausgekommen. Von einem Kollegen weiß ich, dass er einmal eine Anzeige gemacht hat und der Schlachthof dann 300 Euro Strafe zahlen musste. Das ist doch lächerlich.

Konnten Sie wenigstens alle Schweine vor der Schlachtung einmal begutachten?
Absolut nicht. Ich habe geschaut, wenn ein Lkw ankam, dass ich dann da war und schauen konnte wenn die Schweine vom Lkw abgeladen wurden. Da konnte ich die Tiere relativ einzeln betrachten. Ob die Schweine verletzt waren, oder laufunfähig waren oder Probleme mit der Atmung hatten oder sogar schon tot waren. Aber das Problem war, dass mir oft nicht Bescheid gesagt wurde, wenn ein Lkw ankam. (Anmerkung der Redaktion: Die Tierärztin musste nicht nur die lebenden Tiere, sondern auch das geschlachtete Fleisch am Fließband untersuchen. Gestoppt wurde das Band nicht.)
Es fehlte einfach die Bereitschaft zur Zusammenarbeit. Die Schlachthäuser profitieren ja auch davon, wenn Tierärzte wegschauen oder ihre Arbeit aus Zeitdruck nicht ordnungsgemäß erledigen können. Denn ein nicht gehfähiges Schwein muss an Ort und Stelle (zum Beispiel am LKW) betäubt und geschlachtet werden. Das stört und verlangsamt den Schlachtablauf und kostet Geld. Auch am Transport verendete Tiere, gelangen so manchmal in die Schlachtkette und werden verwertet. Kein Verdienstausfall für den Bauern und mehr Gewinn für den Schlachthof.

Essen Sie noch Fleisch?
Nicht aus dem Supermarkt. Mein Mann ist Jäger. Er ist unser Fleischlieferant.

Wie es in Österreichs Schlachthöfen zugeht und welcher Fleischhauer in Wien noch selbst schlachtet, lesen Sie im im aktuellen News im Zeitschriftenhandel oder als E-Paper Version.

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Kommentare

rosebud12 melden

Ich bin erstaunt, dass über die Schlachthofzustände, egal ob in Österreich oder anderswo, so wenig Menschen Bescheid wissen. Informieren sich die Leute nicht woher das Fleisch auf ihrem Teller kommt und wie das Tier getötet wurde? Das kann man alles ohne großen Aufwand ermitteln.
Ich bin jedenfalls froh, dass endlich auch in den Medien darüber berichtet wird.... und Tierschutzorganisationen

rosebud12 melden

kämpfen schon ewig gegen diese Mißstände an, sie sind nicht auf Tauchstation, wie kommentiert wurde. Ihnen sind einfach die Hände gebunden, weil die Amtstierärzte im Sinne der wirtschaftlichen Interessen handeln.

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Erstaunt ? Auch erstaunt darüber, wie wenige genau wissen wollen, wie eine Leichenwäsche im Detail abläuft ? Beides sind keine schönen oder angenehmen Szenarien. Wieso ist es dann erstauntlich, dass sich Menschen eher ungern damit beschäftigen ?

rosebud12 melden

Da sehe ich aber schon einen Unterschied. Das eine betrifft die Herkunft und 'Weiterverarbeitung' von Nahrung, die jeder Menschen zum Leben braucht, das andere betrifft zwar auch jeden Menschen, jedoch brauche ich das nicht wissen um leben zu können. Es erstaunt mich, dass viele Menschen ganz genau wissen wollen, ob das Gemüse/Obst bio ist und der Mais nicht genmanipuliert, ob das Brot aus der

rosebud12 melden

regionalen Umgebung kommt und mit Freilandeiern gebacken wurde usw. Aber woher das Fleisch stammt und die damit verbundenen Qualen der Tiere, sowohl bei der Haltung als auch bei der Schlachtung will keiner wissen. Wovor scheuen sich die Menschen? Etwa davor, dass ihnen der Appetit auf Schnitzel vergehen könnte? Die Wahrheit ist in jedem Fall für den Menschen zumutbar.

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Bio und regionale Umgebung sind eben Werbemaschen, auf die die Menschen ansprechen. Ähnlich wie die eigenen Kinder immer die besten sind, sind offensichtlich auch die regionalen Wirtschaftsgüter immer die besten. Logisch bzw objektiv haltbar ist das nicht, aber die Menschen empfinden es so.
Wovor die Menschen scheuen ? Gegenfrage: welcher persönliche, subjektive Gewinn würde sie erwarten ?
Jemand, der diese unangenehmen Wahrheiten ausblendet und glücklich sein Schnitzel isst gewinnt was genau, wenn er sich die Schlachthausszenarien vor Augen hält ? Wie fühlt er sich sodann besser ?

Egal was du isst, der Großteil deines Essens wurde schon unzählige Male gegessen, verdaut, gegessen, verdaut, etc...
Praktisch die gesamte Biomasse (inklusive unserer Körper) ist unzählige Male recyclierte Sch....
Was aber bringt es für einen persönlich, sich das bei jedem Bissen zu vergegenwärtigen ?

Wenn etwas "moralisch geboten" ist heißt das nicht unbedingt, dass die Menschen dadurch motiviert sind oder motiviert sein müssen. Ist in der Regel auch nicht so - die Moral kommt erst dann ins Spiel, wenn man etwas nicht sowieso aus Eigeninteresse machen würde.

Annforever melden

Es gibt nur ein Ungeheuer unter den Tieren und das nennt sich Mensch.
Befreit von Intelligenz, Werten und gesunder Emotion werden Tiere von Menschen gequält um den Erhalt der Konsumgesellschaft zu garantieren. Um Fleisch zu essen muss kein einziges Tier qualvoll dafür sein Leben lassen. Um Billigware minderer Qualität zu bieten um die Masse zu bedienen jedoch schon.

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Aha, und wenn zum Beispiel ein Wolfsrudel ein Schwein erlegt, leidet das Schwein dann weniger ? Selbstgeißelung mag ja für manchen ganz lustig sein - sollte aber, um auch etwas Anderem als der bloßen geistigen Onanie zu dienen, die richtigen Argumente haben.

bergfrau melden

Da staunt man sehr über eine Tierärztin ,wenn sie bei MIßständen Angst hat diese zu melden . Frage "Für was ist die dann da "????

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Tja, wir sehen hier Differenzen zwischen Theorie und Praxis.

strizzi1949
strizzi1949 melden

Wo sind eigentlich all die Tierschutzorganisationen, die von uns für jeden entlaufenen Wellensittich Spenden verlangen? Die sind alle auf Tauchstation, bei diesem Thema!
Ich rufe alle Österreicher auf, ihre Spenden an diese Organisationen einzustellen, bis diese sich darum kümmern, dass unsere Schlachthöfe gesetzeskonform arbeiten! Und jeder "Amtstierarzt" der bisher weggeschaut hat, gehört SOFORT

strizzi1949
strizzi1949 melden

seines Postens enthoben! UND - die Strafen für die Firmen gehören mindestens verzehnfacht! Vielleicht sollte man auch dem zuständigen Minister eine Amtshaftungsklage anhängen!

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Nicht nur bei Schlachthöfen, sondern generell ist es für Betriebe in der Praxis unmöglich, völlig gesetzeskonform zu operieren. Auch ist es für eigenes und auch amtliches Kontrollpersonal in der Praxis unmöglich, eine umfassende Kontrolle durchzuführen. Daher beschränkt sich das Szenario in der Praxis eher auf außergewöhnliche Missstände - so wie im Verkehr Geschwindigkeitsüberschreitungen um einige wenige km/h in der Regel auch nicht geahndet werden.

Stelle dir nur vor, eine Amtsperson würde dich ermahnen, nur weil du wie gewohnt zum Auto gehst, dich reinsetzt, dich anschnallst, es startest und losfährst. Weil du nicht, wie du es eigentlich bei jedem Fahrtantritt tun müsstest, die Verkehrssicherheit des Kfz überzeug zu prüfen (z.B. Beleuchtung).

Und so wie im Straßenverkehr ist es auch bei Betrieben inklusive Schlachthöfen - es gibt Übertretungen die in gewissen Maße toleriert werden (müssen), wie geringfügige Geschwindigkeitsübertretungen, und andere, bei denen es keine Toleranz gibt wie geringfüge Überschreitungen der Promillegrenze.

Oberon
Oberon melden

Den Vorwurf, nichts zu tun, sollte man den Behörden machen und den Vorwurf, wegzuschauen, um nicht "anzuecken", den Tierärzten.
Konsumenten wissen oft nicht, was in den Schlachthöfen vorgeht, und sie sollen es auch nicht wissen. Sicher, vielen Fleischessern wird es wurscht sein, ob Tiere unnötig leiden müssen, ich zähle mich aber nicht dazu.
Gut, dass es Menschen gibt, die sich für .......

Oberon
Oberon melden

... die gute Sache einsetzen und sich auch nicht durch Drohgebärden, von wem auch immer, beeindrucken lassen.

Dann mal guten Appetit. Kaum zu glauben was in manchen Bereichen alles möglich ist, die Bürger und Konsumenten aber nicht sonderlich zu interessieren scheint. Schade, wie abgebrüht wir teilweise schon sind.

Hauptsache wir haben gleich 9 verschiedene Tierschutzgesetze. Viele Verwaltungsbeamte in ihren weich gepolsterten Sesseln haben noch nie einen Schlachthof betreten. Es genügt wenn sie sich selber verwalten.

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