Schengen

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Ein paar hundert Meter hinter dem Bahnhof von Hevlin ist Schluss. Die Schienen laufen dort direkt in einen mit Erde aufgeschütteten Rammbock aus Holz, der von dichtem Gestrüpp umrahmt wird. Aus. Ende. Gleich dahinter beginnt Österreich. Am Bahnhof in Laa an der Thaya wiederholt sich das Spiel. Gleise, die plötzlich enden, abgeschnitten, rausgerissen, schon vor langer Zeit. Dazwischen liegen zwei Kilometer Wiesen und Felder, die Thaya kreuzt die einstige Trasse. Und das wird - EU hin, Schengen her - wohl auch so bleiben.

Unmittelbar an die tschechischen Schienenstrangstümpfe grenzend, gab es eine kleine Eisenbahnbrücke. Die wurde im Zweiten Weltkrieg zerstört und nie wieder aufgebaut, bald darauf die Gleise entfernt. Jahrzehnte verstrichen, in denen Kalter Krieg und Klassenfeindschaft die nachbarschaftlichen Beziehungen auf Sparflamme hielten. Seit mehr als 60 Jahren existieren Hevlin und Laa an der Thaya eisenbahntechnisch gesehen Rücken an Rücken, jeder blickt gezwungenermaßen stur ins eigene Land. Während man über die Straße spielend leicht und - bald schon - ohne Pass pendeln kann, ist an eine Wiederbelebung der Bahnstrecke offenbar nicht zu denken.

Kein Interesse am Schienen-Grenzübergang
Die Verbindung Laa-Hevlin "findet zur Zeit nicht statt", sagt Hans Wehr, Geschäftsbereichsleiter Planung bei der ÖBB-Infrastruktur Bau AG, im Gespräch mit der APA. "Die Verkehrsministerien beider Länder haben kein Interesse an einem Schienen-Grenzübergang." Vor 20 Jahren, da wäre Interesse vorhanden gewesen, aber eben keine Chance auf eine Umsetzung. Heute ist es eigentlich genau umgekehrt. Denn auch Wehr gibt zu, dass "die Kosten im Vergleich zu anderen Projekten relativ gering" wären. Dennoch bestehe einfach "keine besondere Verkehrsbedeutung", zumindest nicht "in den nächsten sechs bis sieben Jahren".

Über das Leben in Hevlin
Hevlin, das ehemalige Höflein, ist ein nicht allzu heftig pulsierendes Grenzstädtchen, die Durchzugsstraße wird flankiert von Gartenzwerg-Armeen aus Plastik, Kinder strampeln auf ihren Rädern um die Wette, Frauen unterhalten sich über ihre Kinderwagen hinweg, in den Vorgärten wird Laub gerecht. Der Bahnhof liegt abseits, im hinteren Teil Hevlins, wo Hühner furchtlos die holprigen Gassen bevölkern und motorisierte Fahrzeuge eher einen Störfaktor darstellen. Ein blubbernder Diesel-Schienenbus wartet vor einem Gebäude mit Holzveranda und auch sonst jeder Menge k.u.k.-Flair auf die Abfahrt. Hevlin ist Endstation. Es geht immer nur in eine Richtung, via Hrusovany nach Brünn. Daran haben sich die Menschen längst gewöhnt.

Nur 300 Meter Schienen
Auf österreichischer Seite ist das eigentlich genauso. Nur wenige glauben noch an grenzüberschreitende Gleise. Bürgermeister Manfred Fass (ÖVP) ist einer davon: "Es schaut eigentlich gut aus. Das Land Niederösterreich ist dahinter, das Projekt hat oberste Priorität." Jungbunzlauer, der große Zitronensäure- und Melasseproduzent im Westen von Laa habe großes Interesse an einem Gleisanschluss ins ehemalige Kronland und plane viel Geld in Schieneninfrastruktur zu investieren, auch die Stadt selbst bekomme durch die Therme immer mehr Besucherzuspruch von jenseits der Grenze. "Bei uns wäre es kein Problem, es müssen ja nur 300 Meter Schienen gelegt werden", so Fass.

Irgendwie laufen die Meinungen von Fass und Wehr ebenso auseinander wie die Gleise von Hevlin und Laa. Das Gemeindeoberhaupt ortet nämlich sehr wohl Zustimmung der beiden Bahnverwaltungen, sieht aber in der Finanzierung einen "Stein, den man nicht leicht beiseiteschieben kann". Größte Hürde dabei dürfte die Brücke sein, die es total neu zu errichten gilt. "Das sollte jetzt möglich sein, die Tschechen bekommen dafür Geld von der EU." Auf jeden Fall wäre eine Bahnverbindung, so Fass, ein "super Impuls" für den gesamten Wirtschaftsraum, außerdem würde sie den Individualverkehr entlasten. Der Laaer Bürgermeister rechnet mit einem Baubeginn der Strecke "in den kommenden drei bis vier Jahren".

Die Aussagen aus dem hohen Norden sorgen bei den ÖBB maximal für Erstaunen. "Es muss zuerst ein bilateraler politischer Wille vorhanden sein", formuliert Wehr vorsichtig, und setzt zur Beruhigung nach, dass ein derzeitiges Nein zum Wiederbelebungsprojekt ja keines "auf ewige Zeiten" sei. Fest steht lediglich, dass Laa und Hevlin noch länger eine Gemeinsamkeit haben werden: nämlich eine Endstation zu sein. (APA/red)