Das Ortnerprinzip von

Großer Mann, ganz klein

Julia Ortner über Hans-Jörg Schellings Ankunft in der harten politischen Realität

Julia Ortner © Bild: News

Vor zwei Jahren war Hans Jörg Schelling noch der schwarze Star. Ein Multimillionär und erfolgreicher Manager mit der angenehm sturen Präsenz eines Vorarlberger Großgrundbesitzers. Man hoffte, dass so einer den Staatshaushalt in Zeiten der Budgetnöte auf Vordermann bringen kann, in seiner Firma hat der hochgewachsene Unternehmer das früher ja auch geschafft, später war er Chef des Hauptverbands der Sozialversicherungsträger.

Dann erlebte Schelling das, was fast alle tüchtigen Leute erleben, wenn sie in die Politik gehen. Die große Ernüchterung, dem Ruhm folgen die Niederungen des Tagesgeschäfts. Der Manager erscheint wie die Hauptfigur in dem Film „Lost in Translation“, also irgendwo verloren zwischen eigener Identität und fremder Politikwelt. Die mühsamen Koalitionskollegen und die übliche heimische Überhöhungs- und Herabwürdigungskultur machen einem das Leben schwer: zuerst der Held, dann der Typ, von dem man auch nicht mehr so viel Kraftvolles hört.

Insofern ist Finanzminister Schelling jetzt mit seiner zweiten Budgetrede so richtig angekommen. Da helfen auch keine Shakespeare-Zitate mehr, selbst wenn das ein paar Journalisten begeistern mag: „Wir alle wissen, dass Worte keine Schulden bezahlen“, sagt Schelling in seiner Rede. Für die Zukunft kündigt er an, die nächsten Schritte zur „schwarzen Null“ setzen zu wollen – das Budget 2017 birgt allerdings wenig erfreuliche Überraschungen. „Runter mit den Schulden. Runter mit den Ausgaben. Runter mit den Steuern“ – mit solchen Slogans bekundet Schelling Willensstärke, bei der Umsetzung hilft ihm das aber leider wenig. Großer Mann, ganz klein.

Mit dem „Stillstand“ in der Politik tut sich der Minister schwer, wie er vor Kurzem in der „Kleinen Zeitung“ sehr o en erzählt hat: „Die Menschen leben in der Realität, aber die Politik hängt noch in der Vergangenheit.“ Auch seine ÖVP: „Es gibt Ideen, die ich vorbringe, die dann von der eigenen Partei zu 30 Prozent gekappt werden. Wenn man in die Koalition geht, verliert man noch einmal 30 Prozent.“ Schellings Fazit: „Es ist mühsam. Manchmal bin ich mit meiner Geduld am Ende.“

Kein kontrollierter Politsprech, das zeigt, dass Schelling doch noch eine Art Nichtpolitiker in der Politik ist. Der Finanzminister hat mir zum Beispiel schon im Juni 2015 als Gast der ORF-„Pressestunde“ erklärt, sicher nicht bleiben zu wollen, falls die ÖVP mit der FPÖ in eine Koalition gehen sollte – eine derartige Frage beantwortet in der Regel kein Politiker so klar und ohne jede Not.

Da Straches Truppe nach diversen Umfragen bei Neuwahlen Chancen auf Platz eins hätte, haben wir diese Woche vielleicht schon die letzte Budgetrede von Hans Jörg Schelling erlebt.

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