Leben von

Ungarische Realität

Wiener Festwochen: Exzellentes Kammerspiel über Rassismus im Ungarn der Gegenwart

Leben - Ungarische Realität © Bild: Marcell Rév

In kompakten 100 Minuten erzählt der ungarische Theatermacher Kornél Mundruczó mit seinem Stück „Scheinleben“ („Látszatélet“) von der Unterdrückung der Roma durch die rechte Regierung. Márton Ághs Bühne, ein rotierendes Haus, fasziniert.

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Das Antlitz einer älteren Frau prangt auf einer Leinwand. Sie wird vom Beamten eines Inkasso-Büros verhört. Zwanzig Minuten lang sieht man nur dieses Gesicht, das sich verteidigt, schelmisch scherzend und leidvoll klagend um ihr Recht auf einen Platz zum Leben in Ungarn ringt. Sie soll delogiert werden, wie so viele, die der Minderheit der Roma angehören. Nicht einmal die Rettung will kommen, als sie einen Herzanfall bekommt. Was Regisseur Kornél Mundruczó mit seiner Truppe des Budapester Proton Szinhaz (Proton Theaters) in „Scheinleben“ erzählt, ist Realität in unserem Nachbarstaat. Roma und Sinti werden unterdrückt. Der Sohn der Frau hat bereits in der Schulzeit versucht, sich durch Bleichmittel eine andere Identität zu geben. Als Teenager hat er die Familie verlassen.

Das Ereignis ist die Bühne

Als er zurückkehrt, ist die Wohnung verwüstet. Vergangenheit und Gegenwart gehen ineinander über. Was bleibt, ist die Zerstörung. Das hat Márton Ágh mit seiner Bühne faszinierend dargestellt. Auf die kleine Bühne der Halle G des Museumsquartiers hat Ágh eine mit Möbeln überfrachtete Wohnung als ein drehbaren offener Kubus gestellt. In atemberaubender Langsamkeit wird dieser zum Rotieren gebracht. Tische, Sessel kippen, die Einrichtung zerfällt, Nüsse rollen unter dem Sofa hervor, aus Kästen fallen Dosen, Flaschen, trockene Nudeln, Gegenstände, die man im Alltag braucht, zeugen von vernichteten Existenzen.

In diese Zerstörung kehrt der Sohn des Hauses zurück. Er findet er einen fremden, blonden Buben vor. Neue Mieter, eine Roma-Mutter mit ihrem Sohn, waren eingezogen. Ob das Kind real ist oder ob dieser Sohn mit seinem Ego aus der Vergangenheit konfrontiert ist, bleibt zunächst offen. Dieses Ich aber will er töten. Der auf eine Leinwand projizierte Abspann erklärt die realen Hintergründe des Stücks. Ein Roma-Bub wurde in einem Bus getötet. Hunderte demonstrierten daraufhin gegen Rassismus in Ungarn. Der Täter aber, war selbst ein Roma. Kornél Mundruczó und Márton Agh haben mit ihrem formidablen Ensemble, Lili Monori, Roland Raba, Annamaria Lang, Zsombor Jeger und Dariusz Kozma, gezeigt, wie Theater heute ausdrucksstark die Wirklichkeit abbilden kann. Die Wiener Festwochen haben das Stück zur Uraufführung gebracht. Und das ist in jeder Hinsicht festspielwürdig.

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