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Bibiana Beglau: "Da soll ich nicht Angst haben?"

Schauspielerin - Bibiana Beglau: "Da soll ich nicht Angst haben?" © Bild: imago images / Future Image

Über Jahre prägte Bibiana Beglau Martin Kušejs Münchner Direktion, nun wird sie zu einer Schlüsselgestalt des Burgtheaters. Ihr Mephisto, der dort zu sehen ist, wurde vom österreichischen Schriftsteller Clemens J. Setz inspiriert

Auf dem schlanken Rücken ziehen zwei Wunden blutverkrustete Furchen. Wo einst die Flügel eines Engels flatterten, der Gott ganz nahe stand, blieben nur Löcher. Denn der Engel ist gefallen, die Flügel sind ausgerissen, und er sucht die Menschen als Teufel heim. Die anmutige Gestalt, die diese Wunden mit Würde trägt, ist Bibiana Beglau, Mephisto in Martin Kušejs Inszenierung des Goethe'schen "Faust". Der "Burg"-Chef hat sein Werk vom Münchner Residenztheater mitgenommen und zeigt es nun in Wien.

Der Gedanke, den Mephisto mit Wunden auszustatten, kam Beglau bei der Lektüre von Clemens J. Setz' Erzählband "Die Liebe zur Zeit des Mahlstädter Kindes". Der Österreicher ersann da das surreale Bild der jungen Frau, die das ihr gewachsene Flügelpaar mit einer Schere entfernt. "Das ist ein bisschen eine Verbeugung vor Setz. Ich bin ein Fan von ihm", sagt Bibiana Beglau. Die 48-Jährige ist eine der zentralen Schauspielerpersönlichkeiten in Martin Kušejs Ensemble. Schon in der ersten Woche seiner Direktion war sie in Albees Ehestandshölle "Wer hat Angst vor Virginia Woolf?" zu sehen, einer Übernahme aus München wie auch Goethes "Faust" mit Bibiana Beglau als Mephisto, beide in Kušej-Regie.

Mephisto sei eine gottverlassene Wesenhaftigkeit, sagt sie. "Man kann auch fragen, warum wir Menschen uns etwas erfunden haben, das wir Teufel oder Lucifer nennen. Alle Negativbegriffe haben wir in eine Schwärze hinabgesenkt. Die Verachtung, die Verzweiflung, die Demütigung, die Trauer, die Schande, die Einsamkeit, das Versagen, die Angst, die Rache, die Wut. Die großen negativen Begriffe kulminieren in einem Wesen. Wenn ich darüber spreche, empfinde ich das als tieftragisch. Damit kann ich mich solidarisieren."

Glanz der Aufführung

Der Mephisto hatte ihr 2014 den deutschen Theaterpreis, den "Faust", verschafft. Beglau gebe der "weithin tobenden Aufführung Schauspielerglanz", schrieb die "Zeit". Der Deutschlandfunk attestierte: "Beglau rettet die Aufführung." - "Man macht doch Theater nicht alleine", sagt Beglau. Ohne Werner Wölbern, den Faust, der ihren Schabernack aushalte, oder ohne die Liebe zu Andrea Wenzl, der Margarete, oder ohne den Regisseur Martin Kušej, der sich ihre Ideen anhört, wäre das alles gar nicht möglich.

Ihre Schauspielausbildung hatte die 1971 in Braunschweig geborene Tochter eines Bundesgrenzschützers -er wachte noch zwischen der BRD und der DDR -und einer Krankenschwester ihren Eltern zunächst verheimlicht. "Wenn man nicht aus einem künstlerischen Kontext kommt, sehen die Eltern schon die Kellerwohnung, die verschimmelte Brotrind, und wie sie das Kind bis zum Sankt-Nimmerleins-Tag unterstützen müssen."

Den Durchbruch verschaffte ihr die Darstellung einer RAF-Terroristin in Volker Schlöndorffs Film "Die Stille nach dem Schuss" - sie brachte ihr anno 200o bei den Berliner Filmfestspielen den Silbernen Bären als beste Schauspielerin. Am Theater prägten sie bedeutendste Regisseure: Einar Schleef, Christoph Schlingensief, Frank Castorf, Dimiter Gotscheff, mit dem sie für die Salzburger Festspiele Peter Handkes "Immer noch Sturm" erarbeitete. Von den Genannten ist nur noch Castorf am Leben und Werken. "Ich hatte das große Glück gehabt, dass ich diese Begegnungen stattfinden lassen konnte", sagt sie.

Mit Blick auf Sissihausen

Martin Kušej hat sie auf einer Party in Hamburg kennengelernt. 2005 holte er sie für Grillparzers "König Ottokars Glück und Ende" nach Salzburg und ans Burgtheater, wohin später auch "Immer noch Sturm" wanderte. Als Kušej 2011 das Münchner Residenztheater übernahm, wurde sie eine seiner zentralen Schauspielerinnen. 2014 war sie mit Aufführungen aus Kušejs Haus sogar zweimal beim Berliner Theatertreffen -Heiner Müllers "Zement" in Gotscheff-Regie und Castorfs Dramatisierung von Célines "Reise ans Ende der Nacht".

"Berserkerin" nannte sie einmal der "Spiegel". Packt sie nicht manchmal die Angst, wenn sie sich ganz dem Spiel hingibt? Angst habe sie nur davor, im Spiel nicht wahrhaftig zu sein. "Wenn ich auf der Bühne stehe und lüge, finde ich das krass. Manche sparen sich ihre Tickets vom Mund ab. Wenn ich diesen Leuten etwas biete, was nicht wahrhaftig ist, empfinde ich das als einen Affront gegen das Publikum. Ich weiß aber nicht, ob ich diese Wahrhaftigkeit immer schaffe. Und da soll ich nicht Angst haben?"

Noch etwas: Ist Wien schon Ihr Zuhause? Ihr Leben sei Berlin, Wien sei fürs Erste Arbeit, sagt sie. "Noch fühle ich mich als Gast in dieser Stadt, an diesem Theater und in diesem Land." Begegnungen mit den Kolleginnen Birgit Minichmayr und Caroline Peters seien eine Freude. Mit Peter Simonischek präsentierte sie den Film "Crescendo" in Potsdam, der nächstes Jahr ins Kino kommt. "Wenn von außen versucht wird, Gräben im Ensemble aufzureißen, kann man das machen, aber ich finde das ziemlich seltsam."

Und mit Blick auf die Hofburg von einem Fenster des Burgtheaters analysiert sie: "Da drüben ist ,Sissihausen', hier ist das Burgtheater. Früher hatte der Bürger den höfischen Skandal. Ist das, was hier in diesem schönen Gemäuer passiert, nicht eine ganz schöne Abwechslung? Könnte man das nicht auch mit einem Augenzwinkern sehen?" Wie lange sie am Haus bleiben wird? Das ist noch nicht entschieden. "Wenn es nicht funktioniert, will ich auch niemanden belästigen."

Aber bevor das geschieht, wachsen dem Teufel Engelsflügel.

Dieser Artikel erschien ursprünglich in der News Ausgabe Nr. 39/19

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