Scharner ortet Modetrend: WM-Favoriten fahren derzeit noch auf Energiespar-Modus

Analyse: "Große Nationen agieren kräftesparend" Klage der Engländer über Hitze "gute Ausrede"

Paul Scharner hat in den ersten Spielen der Weltmeisterschaft in Deutschland einen Modetrend ausgemacht, der für die Fans alles andere als ein Augenschmaus ist. "Die großen Nationen agieren kräftesparend. Sie wollen drei Punkte einfahren, und das war's dann", erklärte der österreichische Team-Verteidiger, der die Endrunde im Heimaturlaub via TV-Gerät intensiv mitverfolgt.

Besonders augenscheinlich wurde diese Entwicklung bei den 1:0-Siegen von England und Portugal. Beide Teams begannen druckvoll und gingen früh in Führung, fielen dann aber in der zweiten Hälfte zurück. "Für die Fans ist das kein Leckerbissen. Aber im Prinzip ist klar: Das Turnier ist lang, und die Mannschaften mit Titelchancen wollen keinen Kräfteverschleiß riskieren. In der Gruppenphase gibt es einen gewissen Klasseunterschied, daher können es sich gewisse Teams leisten, zurückzuschalten."

Den Beteuerungen der Engländer, wonach die Hitze schuld an ihrem Einbruch gegen Paraguay gewesen sei, wollte der Niederösterreicher keinen Glauben schenken. "Wahrscheinlich ist das nur eine gute Ausrede, damit sie nicht zugeben müssen, dass sie abgeschaltet haben. Das sind alle ausgebuffte Profis, die wissen, wie sie das richtig rüberbringen."

Der Wigan-Legionär ortet bei seinen Wahl-Landsleuten noch gehöriges Steigerungspotenzial, vor allem wenn Wayne Rooney zurückkehrt. "Er ist ein absoluter Weltklasse-Spieler. Aber alle erwarten sehr viel von ihm, ich weiß nicht, ob der Druck für ihn nicht zu groß ist. Immerhin ist er ja erst 20 Jahre alt."

Scharner glaubt nicht an England
Selbst mit dem ManU-Jungstar in einer guten Form werden die Engländer nicht den Titel holen, prophezeite Scharner, der auf Brasilien als Weltmeister tippt. "Ich bin der Meinung, dass sie über Platz drei nicht hinauskommen werden." Grund dafür sei auch das nicht ungetrübte Verhältnis einiger Internationaler zum scheidenden Teamchef Sven-Göran Eriksson nach der "Scheich-Affäre". "Es herrscht nicht die optimale Ruhe. Möglicherweise ist Eriksson nicht mehr die große Autorität", vermutete Scharner.

Der englische Verband habe auf dieses Problem aber richtig reagiert. "Immerhin sitzt ja der nächste Teamchef Steve McClaren auch auf der Bank. Da dürfen sie sich nicht spielen." Lockerheit wäre auch im zweiten Gruppenspiel des Weltmeisters von 1966 am Donnerstag in Nürnberg gegen Trinidad & Tobago fehl am Platz, ergatterten die Mittelamerikaner doch gegen Schweden ein sensationelles Remis.

"Es wird genauso rennen wie gegen Paraguay. England wird gut beginnen, in Führung gehen und sich dann zurückziehen. Das Spiel endet 1:0", prognostizierte der Verteidiger, der einen Vorschlag parat hätte, wie schon mit WM-Beginn mehr Spannung aufkommen könnte. "Es sollte keine Gruppenspiele mehr geben. 64 statt 32 Mannschaften sollten dabei sein und die WM nur in K.o-Spielen ausgetragen werden", forderte Scharner. "Dann geht es anders zu Sache, und die Zuschauer hätten auch mehr Freude."

(apa/red)