Schadstoffe in Containern von

Das Gift aus Übersee

Österreich: Zollbeamtin erleidet nach Kontrollen von Waren einen Lungenschaden

  • Container-Terminal
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    Kleidung, Schuhe, Matratzen, Kinderspielzeug und Lebensmittel - Sie alle kommen in Containern zu uns. Mit im Gepäck verstecken sich hochgiftige und krebserregende Stoffe.

  • Container-Messung am Wiener Hafen
    Bild 2 von 11 © Bild: Klemencic Daniela

    Am Wiener Hafen wurden 2011 insgesamt 440.000 Containereinheiten umgeschlagen.

Ihr Beruf macht sie krank. Gefährliche Schadstoffe aus Import-Containern ruinieren ihre Gesundheit. Susanne M.* ist Zöllnerin. "Ich habe jahrelang Kopfschmerzen gehabt, aber sie nicht mit meinem Arbeitsplatz in Verbindung gebracht", sagt die 39-Jährige. Susanne M. muss jetzt mit den Folgen leben. Weil die Schutzmaßnahmen für Zollbeamte in Österreich nicht ausreichen, weil es keine Messgeräte gibt, weil es offiziell kein Problem gibt. Dabei trifft das Gift aus dem Container jeden.

Susanne M. muss laut Vorschrift Import-Container kontrollieren, sie gegebenenfalls betreten und den Inhalt entpacken. Ohne zu wissen, ob dort das Gift lauert. Die Gefahr ist unsichtbar und oft geruchlos. International vorgeschriebene Kennzeichnungen, wie Totenköpfe und schriftliche Hinweise, findet man so gut wie nie. Sie gehen verloren, werden abgerissen auf dem Weg von Übersee bis zu uns. Von 2003 bis Mitte 2009 öffnet Susanne M. zahlreiche Container und begutachtet Waren. Immer wieder bricht sie körperlich zusammen. Einmal fällt sie einen ganzen Tag lang aus. Ein mit Schuhen beladener Container raubt ihr die Kraft. Irgendwann wird die 39-Jährige dann misstrauisch. Sie informiert sich über die Problematik von Schadstoffen in Containern.

Zu spät – Anfang 2010 erkrankt sie schwer. Lungenschaden lautet die Diagnose: "Bei Ihrer Berufskrankheit handelt es sich um eine durch chemisch-irritativ oder toxisch wirkende Stoffe verursachte Erkrankung der tieferen Atemwege und der Lunge mit objektivem Nachweis einer Leistungsminderung von Atmung und Kreislauf", heißt es 2011 in dem Bericht der Versicherungsanstalt öffentlich Bediensteter (BVA). Damit hält Susanne M. die Bestätigung schwarz auf weiß in Händen: Die Gift-Container machen krank.

Giftiges Gesetz

Den Chemikalien kann man kaum entgehen. Laut EU-Vorschrift müssen Vollholz-Importe aus außereuropäischen Ländern aufgrund von Schädlingen seit 2005 begast oder mit Hitze behandelt werden. Doch auch die Waren selbst werden begast, um die Produkte haltbar zu machen. Die weitaus größere Gefahr verbirgt sich jedoch in Industriechemikalien. Ein Großteil der Container-Waren stammt aus Billigproduktionsländern in Südostasien, dort kommen mitunter verbotene Chemikalien zum Einsatz. Restgase aus der Herstellung und der Behandlung von Verpackungen und Waren vermischen sich in den Containern dann zu einer toxischen Wolke. Von Textilien, Schuhen und Matratzen über Möbel und Elektroartikel bis hin zu Nahrungsmitteln - in sämtliche Warengruppen schleicht sich das Gift ein.

Zoll: "Messungen sind nicht notwendig"

NEWS.AT will es genau wissen. Im Rahmen einer Zollschulung darf die Redaktion am Wiener Hafen, dem größten Container-Terminal in Österreich, Messungen durchführen. Dort weiß man um die Gefahr von Schadstoffen, die in den Waren der Container lauern. Der Terminalbetreiber WienCont, ein Unternehmen der Wien Holding, rüstet seine Spediteure mit Atemschutzmasken aus, die an ein Sauerstoffgerät angeschlossen sind. Auch stehen sogenannte Prüfröhrchen zur Messung einzelner Substanzen zur Verfügung. "Sogar einzelne Firmen wie Lidl, Ikea und Baumax messen mittlerweile die Container vor dem Entpacken, um die Mitarbeiter zu schützen", erklärt Thomas Wielander, Leiter der Zoll- und Truckingabteilung bei WienCont. Über 440.000 Containereinheiten landen 2011 im Wiener Hafen, 12.000 davon werden in Österreich verzollt. Der Zoll in Wien schützt seine Mitarbeiter mit Handschuhen und Mundschutzmasken. Ein Messgerät besitzt der Zoll nicht.

300.000 Küchenschürzen aus China

Daher sucht NEWS.AT selbst bei Behörden, Herstellern und Umweltstellen nach einem geeigneten Gerät. Und wird schließlich bei der Freiwilligen Feuerwehr (FF) Schwechat fündig. Sie stellt ein rund 45.000 teures GDAII-Messgerät zur Verfügung. Gemeinsam mit WienCont, dem Zoll, Schadstoffexperten der Freiwilligen Feuerwehr Schwechat und dem Greenpeace-Experten Herwig Schuster überprüft die Redaktion am 10.Mai 2012 zwei Container. Die Messungen erfolgen nicht unter idealen Bedingungen, da das Gerät über keine spezielle Sonde verfügt. Ein Schlauchende steckt im Container, das andere hält Schadstoff-Experte Markus Michel an die Öffnung des GDAII an. Außenluft strömt mit ein. Dennoch entdeckt der Sensor giftige Schadstoffe. Während sich ein begaster Container mit Granitsteinen als unbelastet erweist, schlägt das Gerät bei einer Lieferung von 300.000 Küchenschürzen aus China aus.

Die Sensoren entdecken den giftigen Stoff Dicyclohexylamin, wenn auch in sehr geringen Mengen. Die Substanz entsteht unter anderem bei der Herstellung von Farbstoffen und Insektiziden, kann über die Haut aufgenommen werden und wirkt ätzend. Atmet man den Dampf ein, können Lungenödeme auftreten. Die EU-Gefahrstoffkennzeichnung stuft die Substanz als umweltgefährdend ein.

Begaster Reis

"Es hat einen Erkrankungsfall in Wien gegeben. Ein Speditionsmitarbeiter ist 2011 mit begastem Reis in Kontakt gekommen. Er hat einen Ausschlag auf der Hand bekommen", sagt Zollschul-Leiter Christian Führnstahl von der Abteilung für Betrugsbekämpfung im Bundesministerium für Finanzen (BMF). Messungen für den Zoll seien nicht notwendig, da der Spediteur die Ware aus dem Container holen muss, so der Schulungsleiter. Der Zoll betrete das Innere nur bei Verdacht auf Schmuggel. Und bisherige Messgeräte hätten bei Tests keine verlässlichen Ergebnisse geliefert. In der Zollschulung lernen die Beamten außerdem: Vor der Öffnung muss immer ein Sicherheitsabstand von 20 Metern eingehalten werden, mit Standplatz gegen die Windrichtung. Kontrolliert werden nur rund 2 Prozent der zu verzollenden Container.

Dabei beweisen einmalige offizielle Messungen in Österreich, die Container vergiften auch uns. Am 3. Juni 2009 werden im Binnenland-Terminal in Salzburg Container auf Schadstoffbelastungen untersucht. Die Messungen führen Experten auf Initiative des gewerkschaftlichen Betriebsausschusses des Zollamtes durch. Die Gewerkschaft lädt auch den Betreiber des Containerterminals und Vertreter des Bundesministeriums für Finanzen (BMF) ein. Verwendet wird ein GDAII-Messgerät, das international bereits erfolgreich zur Schadstoffmessung bei Containern eingesetzt wird. Das Resultat bestätigt die Befürchtungen: Vier von fünf Containern überschreiten die Grenzwerte, drei davon deutlich. Nur ein Container kann als ungefährlich eingestuft werden.

Schadstoffe sprengen Grenzwerte

In Hamburg, am zweitgrößten Containerhafen Europas, schützt der Zoll seine eigenen Mitarbeiter. Vor jeder Warenkontrolle, jeder Öffnung, überprüfen Beamte die Container auf Giftgase. "Täglich werden rund 15.000 bis 20.000 Container umgeschlagen. Davon werden pro Tag bis zu 10 aus Arbeitsschutzgründen vom Hamburger Zoll auf Schadstoffe hin gemessen", sagt Holger Riemann vom Hauptzollamt Hamburger Hafen. Rund 20 Prozent der untersuchten Container sprengen die am Arbeitsplatz erlaubten Grenzwerte. Fast immer steckt das Gift in Schuhen, Waren aus Weichkunststoff und Getreide: Diese Produkte stehen auf der Risikoliste.

Die Zollbeamten messen nur Container, die in Deutschland bleiben. Werden sie weiter nach Ungarn, Österreich oder ein anderes EU-Land transportiert, kontrolliert niemand. Entdeckt der Zoll in Hamburg einen Gift-Container, verlässt der Lkw den Terminal nicht. Die Besitzer der Waren, meist Firmen, müssen ein Schadstoffgutachten in Auftrag geben. Erst danach fertigt der Zoll den Container ab. Ein positives Gutachten verpflichtet den Eigentümer Maßnahmen zu treffen, um den Container zu entgiften. Von sich aus messen bisher nur wenige Firmen. Der Zoll in Hamburg prüft nicht aus Umweltgründen, sondern nur zur eigenen Sicherheit. Der Großteil der Container schlüpft daher ohne Überprüfung durch. Das Gift gelangt so ungehindert in den zollfreien Verkehr und letztendlich an den Konsumenten.

Gefährliche Arbeitsrichtlinien

In Österreich schrillt kein Alarm, Behörden und Politik schweigen. Die notwendigen Sicherheitsmaßnahmen fehlen. "Der Schutz der Kolleginnen und Kollegen im Zoll ist nicht ausreichend gewährt, weil er nicht dem aktuellen Stand der Technik entspricht. Es gibt weder Messgeräte noch Schutzanzüge. Es ist eine Selbstverständlichkeit, dass den Kolleginnen und Kollegen der österreichischen Zollverwaltung die qualitativ beste Schutzausrüstung zur Verfügung zu stellen ist", sagt der Salzburger Finanz- und Zollgewerkschafter Hans Lindinger. Nichts ändert sich. Auch nicht als Susanne M. schwer erkrankt.

Das Gegenteil passiert. Das Finanzministerium entschärft Anfang 2010 die Arbeitsrichtlinien für Zollbeamte im Umgang mit Containern. Der bisher vorgeschriebene Mindestabstand von 20 Metern beim Öffnen eines Containers zum Arbeitsplatz, wie er auch in Hamburg gilt, verschwindet aus der Richtlinie. Die Beamten sollen stattdessen auf kaum vorhandene Kennzeichnungen, Begasungslabel, abgeklebte Türen, verdächtige Gerüche und tote Insekten achten. Nur der Anmelder (Eigentümer der Ware oder Spediteur; Anm. der Red.) darf einen schadstoffbelasteten Container öffnen und die Ware auslegen. Eine gefährliche Arbeitsrichtlinie, besitzt doch nicht jeder Anmelder entsprechende Messgeräte oder eine geeignete Schutzausrüstung, um seine Mitarbeiter den Container ohne Gesundheitsgefährdung betreten zu lassen. Dennoch verpflichtet sie die Vorschrift dazu. Ungeklärt bleibt zudem, wie eine Schadstoffbelastung ohne Messgeräte überhaupt festgestellt werden kann und wer für die Erstellung von Sachverständigengutachten zuständig ist. In Österreich zerbricht man sich darüber noch nicht den Kopf. Die notwendige technische Ausrüstung wird in der Arbeitsrichtlinie gar nicht erst erwähnt und steht auch nicht zur Verfügung. Lediglich zwei Gasmasken des Bundesheeres schützen derzeit unsere Zollbeamten. Das Finanzministerium weist die Vorwürfe, der Schutz für die Mitarbeiter reiche nicht aus, ausdrücklich zurück.

Politische Verantwortung

Seit 2003 weiß die Politik von der Schadstoffbelastung, wie das Finanzministerium offiziell mitteilt. In einer parlamentarischen Anfrage vom Oktober 2011 wirft FPÖ-Abgeordneter Doppler die Frage nach dem Schutz für Zollbeamte auf. Finanzministerin Fekter antwortet: "Die Problematik begaster und schadstoffbelasteter Container ist seit 2003 ein Thema der internationalen Zollverwaltungen und die österreichische Zollverwaltung widmet sich diesem Thema sehr ausführlich." In ihrem Schreiben erklärt sie, dass es keinen internationalen Standard zum Schutz für Zöllner gibt. Sie verweist auf die Arbeitsrichtlinie. Messungen, wie in Deutschland, hält Fekter für unnötig. Schließlich messen auch die Schweden und Ungarn nicht, heißt es in dem Schriftstück.

Sozialminister Hundstorfer wird ebenfalls 2011 mittels Anfrage mit der Problematik konfrontiert. Auch er sieht kein Problem. Materialen wie Schuhe, Textilien und Möbel seien zwar betroffen, doch seien die Begasungsmittel durch kontrollierte Entlüftung wieder entfernbar. Wie dieser Entlüftungsvorgang konkret aussieht, erwähnt er nicht. Er stützt sich wie Fekter auf die Arbeitsrichtlinie und führt den Hafen Wien als Beispiel an: "Dienstnehmer/innen des Zolls betreten Container erst nach Freigabe. Grundlage der Freigabe ist ein Nachweis, dass keine Gefährdung durch Begasungsmittel mehr vorliegt." Wie der Nachweis für eine Freigabe ohne eine Messung erbracht werden kann, darüber schweigt Hundstorfer.

Teurer Schutz

Die Politik bleibt also untätig. Und der Euro rollt. Die Container spülen Geld ins österreichische Wirtschaftsparadies. In Wien wurden 2011 über 440.000 Container umgeschlagen. Wirtschaftstreibende sparen sich Wartezeiten aufgrund von Messungen und das Geld für lästige Schadstoffgutachten. In Deutschland kostet ein Gutachten immerhin zwischen 200 und 250 Euro. Die Behörden sparen sich die Schutzausrüstung, Entlüftungssysteme und Messgeräte und behalten ihre zahlenden Kunden. Diese wandern sonst womöglich nach Ungarn, Tschechien oder Bayern ab. Dort misst man ebenfalls nicht.

Der Zoll ist nur ein kleines Zahnrädchen. Zuständig fühlt sich niemand. Weder Gesundheitsministerium noch Umweltministerium kontrollieren derzeit die schadstoffbelastete Ware. Eine Anfrage von Greenpeace zu dieser Problematik an das Umweltministerium bleibt bis heute unbeantwortet. Susanne M. zahlt den Preis für das Schweigen. Und mit ihr alle Konsumenten. Denn die schadstoffbelasteten Produkte landen letztendlich bei ihnen.

*Name und Alter von der Redaktion geändert

Kommentare

In welchem Land leben wir, tagtäglich werden Waren nach Österreich gebracht, die uns krank machen. Die Politik kennt die Problematik natürlich, aufgrund von wirtschaftlichen Interessen und Verantwortungslosigkeit wird weiter TATENLOS zugeschaut, danke österreichische Spitzenpolitik. Wie lange kann und wird es noch dauern, bis auch die "Dümmsten" in diesem Land sehen, was hier alles abgeht!

Wo bleibt eigentlich die Gewerkschaft bzw. die Arbeiterkammer?
Beiträge einheben können sie, aber ihre Mitglieder scghützen ist wohl zuviel verlangt !

Moni El

In der heutigen Zeit sollte alles billig sein und wenige überlegen, wo und wie das Enderzeugnis produziert wurde. Menschen müssen sterben,nur damit wir beispielsweise billige Kleidung anziehen können. Die Globalisierung hat ihre Schattenseiten. Nicht nur die giftigen Container, sondern auch die Herstellung selbst sollte beachtet und kritisiert werden.

Totentrompete

http://atv.at/contentset/2088526-die-fahnder interessant ab Minute 24, da ist auch ein Zöllner vergiftet worden und nicht "nur" ein Speditionsmitarbeiter, wie Herr Führnstall sagt.
Was geschah mit dem vergifteten Reis? Wurde dieser entsorgt oder an Konsumenten verkauft?

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