Schachspiel gegen Putin: Der Kreml sieht
in Garri Kasparow seinen Hauptfeind

Schachweltmeister setzt auch in Politik auf Offensive Protest gegen zunehmend autoritäres System Putin

Garri Kasparow (44) spielt gerne offensiv. Wie auf dem Brett setzt der Ex-Schachweltmeister auch in der russischen Politik auf Druck, um bei seinem Gegenspieler Wladimir Putin Fehler zu provozieren. Mit Unverständnis reagierten selbst kremltreue Medien auf die jüngste Polizeigewalt gegen Demonstranten in Moskau und St. Petersburg. Kasparow bringt bisher zwar nur einige tausend Putin- Gegner auf die Straße. Dennoch scheint die Machtelite im Kreml ein Jahr vor den Präsidentenwahlen niemanden mehr zu fürchten als Garri Kasparow und dessen Oppositionsbündnis Das andere Russland.

"Ich bin gar nicht der Spieler, ich bin nur eine der Figuren", beschreibt Kasparow seine Rolle in der Partie gegen den Kreml. Zwar plant Kasparow die Züge, doch zu große Ambitionen des früh ergrauten Schachgenies würden das bunt zusammengewürfelte Oppositionsbündnis sprengen. Kasparow ruft Liberale, Kommunisten, Nationalisten und unpolitische Bürger auf die Straße. Gemeinsamer Nenner ist der Protest gegen das aus ihrer Sicht zunehmend autoritäre System Putin.

Seit Monaten personifiziert Kasparow den Widerstand gegen die Machtausübung unter Putin. Der eher kleine Politiker wächst über sich hinaus, wenn er Alternativen zum herrschenden System formuliert. Der Wagemut und die Popularität als einst weltberühmter Schachspieler machen Kasparow aus Sicht des Kremls so gefährlich. Andere Politiker wie der von der Macht als korrupt dargestellte Ex-Regierungschef Michail Kasjanow oder der Skandalautor Eduard Limonow bieten genug Angriffsfläche für die PR-Attacken der kremlnahen Medien.

Kaum ruft Kasparow zu Demonstrationen auf, zieht die Staatsmacht ihre Truppen zusammen. 20 000 Polizisten gingen im März in Nischni Nowgorod gegen ein paar Dutzend Demonstranten vor. In Moskau sollten 9000 Mann den Marsch der Dissidenten verhindern.

"Wir haben mit unser Opposition kein Glück", seufzte Kremlsprecher Dmitri Peskow anschließend. Dem Präsidenten, der Parlament, Parteien und Medien weitgehend kontrolliert, scheint das Gespür für den Umgang mit Andersdenkenden zu fehlen. "Putin und seine Gesinnungsgenossen verstehen die Motivation der Demonstranten nicht, weil sie das Konzept der Bürgerrechte nicht verstehen", sagt der Politologe Stanislaw Belkowski.

Kasparow ruft seine Anhänger dazu auf, für eben diese Rechte auf die Straße zu gehen. "Wir können uns keine Proteste ausdenken", sagt der in Aserbaidschan geborene Politiker. Glaubt man Kasparow, dann ändert sich die Stimmung im Land zu seinen Gunsten. "Die Leute verstehen jetzt, dass alles von ihnen abhängt." Die harte Reaktion der Staatsmacht könnte Kasparow weiteren Zulauf bringen. Als "ohne jede Logik" kritisierte selbst die sonst Putin-treue Boulevardzeitung "Komsomolskaja Prawda" den massiven Polizeieinsatz.

"Jeder Versuch, Proteste außerhalb des Rahmens zu organisieren, den der Kreml vorgibt, erzeugt Panik in der Staatsführung", behauptet Kasparow, der sich einem stundenlangen Geheimdienstverhör unterziehen musste. Die Stabilität im Land, in den Augen vieler Putins wichtigste Errungenschaft, sei nur eine Illusion.

Die Proteste treffen den Kreml zu einer Zeit, in der die Machtübergabe völlig unklar ist. Putin darf gemäß Verfassung bei den Präsidentenwahlen im März 2008 nicht mehr antreten. Die Machtelite scheint derzeit in Rochaden hinter den Kremlmauern mit sich selbst beschäftigt. "Es sieht so aus, als habe Putin einfach keinen genauen Plan", schreibt das Nachrichtenmagazin "Russkij Newsweek".

Selbst ein paar tausend Demonstranten in Moskau und St. Petersburg erinnern den Kreml lebhaft an das Schreckgespenst der Orangenen Revolution in der Ukraine. Dort hinderten 2004 Hunderttausende die Mächtigen daran, per Wahlfälschung ihre Wunschnachfolge zu regeln. bisher schneidet Kasparow bei Umfragen denkbar schlecht ab. Doch der Ex-Schachweltmeister gibt sich gelassen: "Ich kenne nur eine Art von Umfragen, und das sind Wahlen." Doch dafür fehlt der Opposition um Kasparow bisher noch ein gemeinsamer Kandidat. (apa/red)