Sanfter Machtmensch und Optimist: Prodi läutet Beginn neuer politischer Ära ein

Ex-EU-Kommissionschef kämpfte mit ruhigen Tönen Schon mal Premier: 1998 von Kommunisten 'gestürzt'

Sanfter Machtmensch und Optimist: Prodi läutet Beginn neuer politischer Ära ein

Besonnenheit, Zurückhaltung, Zähigkeit und Optimismus: Mit diesen Eigenschaften ist der italienische Oppositionschef Romano Prodi zum Wahlsieger gegen den seit fünf Jahren amtierenden Medienunternehmer Silvio Berlusconi avanciert. Statt mit Egozentrismus, forschem Zweckoptimismus und vulgären Wähler-Beleidigungen schaffte es der oft introvertiert wirkende Wirtschaftsprofessor aus Bologna, die Wähler dazu zu animieren, Berlusconi abzuwählen und eine politische Wende in Italien einzuläuten.

Mit für italienische Verhältnisse ruhigen Tönen führte "Mortadella" bzw. "Tortellino" - wie er von seinen Widersachern wegen seiner Statur und Bologneser Herkunft oft genannt wird - eine Wahlkampagne, in denen vor allem der wirtschaftliche Aufschwung des stagnierenden Industriesystems im Vordergrund stand.

Wirtschaft ist das Salz im Leben Prodis, der 1939 in der Emilia Romagna im "roten Mittelitalien" als einer von sieben Brüdern geboren wurde. Nach dem Studium an der Universität von Mailand und an der London School of Economics stieg er zum Professor für Wirtschaft und Industriepolitik in Bologna und schließlich in Harvard (USA) auf. Seine politische Karriere begann er Ende der siebziger Jahre als Industrieminister im Kabinett des Christdemokraten Giulio Andreotti.

Prodi stand zwar dem linken Flügel der Christdemokraten nahe, doch den Spielregeln der Parteien wollte er sich nicht unterwerfen. So kehrte er der Politik nach fünf Monaten wieder den Rücken. Er machte sich fortan einen Namen als Wirtschaftssanierer. Von 1982 bis 1989 brachte er den chronisch defizitären Staatskoloss IRI - Institut für Industriellen Wiederaufbau - auf Sanierungskurs und führte den durch Parteibuchwirtschaft zerrütteten Konzern sogar in die Gewinnzone.

Im Februar 1995 kehrte er wieder auf die politische Bühne zurück und zwar ausgerechnet als Herausforderer des charismatischen Medienzaren Silvio Berlusconi. Prodi baute den bunt gemischten Mitte-Links-Block "Ulivo" (Olivenbaum) auf, mit dem er 1996 die Parlamentswahlen gewann. Mit Prodi kam erstmals nach dem Sozialisten Bettino Craxi in den achtziger Jahren ein Vertreter der Linken an die Macht. Der Wirtschaftsexperte setzte den Rotstift an und bescherte seinem Land die sofortige Teilnahme an der Währungsunion.

876 Tage blieb er als Chef der 55. Nachkriegsregierung an der Macht. Im Oktober 1998 entzog ihm Kommunistenchef Fausto Bertinotti im Streit um das Haushaltsgesetz und um die Pensionsreform die Gefolgschaft. Nach der Erfahrung als Regierungschef wechselte Prodi nach Brüssel als EU-Kommissionspräsidenten.

In seinen fünf Brüsseler Amtsjahren wurde der Euro als Bargeld eingeführt, die Gemeinschaft wurde von 15 auf 25 Mitglieder erweitert. Unter seiner Führung einigte man sich in Brüssel sogar auf eine EU-Verfassung. Trotzdem erfüllte Prodi nicht alle Erwartungen. Er galt als zu wenig tatkräftig, zu wenig kommunikativ, im Englischen zu wenig versiert und zu wenig visionär.

Noch aus Brüssel managte Prodi im Herbst 2004 sein Comeback auf Italiens politischer Szene. Seit November 2004 steht er wieder an der Spitze der italienischen Opposition. Bei den Regionalwahlen im April 2005 feierte sein Mitte-Links-Block, nun unter dem Namen "Unione", einen historischen Wahltriumph. Um seine Position als Oppositionschef und als Berlusconi-Herausforderer bei den Parlamentswahlen 2006 zu legitimieren, organisierte Prodi im vergangenen Oktober erstmals in Italien koalitionsinterne Vorwahlen nach amerikanischem Muster. Das Experiment wurde zu einem Erfolg für den besonnenen Pragmatiker, der von vier Millionen Wählern zum Spitzenkandidaten der Opposition bei den bevorstehenden Parlamentswahlen gekürt wurde.

In den vergangenen Monaten musste Prodi für den Zusammenhalt seines Bündnisses hart arbeiten, das aus elf verschiedenen, äußerst heterogenen Gruppierungen besteht. Hier kam ihm sein Vermittlertalent zu Gute. Die monatelang verheißungsvollen Umfragen beflügelten den begeisterten Hobby-Radrennfahrer und Familienvater, sodass er gegen den Medienprofi Berlusconi in beiden TV-Duellen vor der Wahl punkten konnte.

Prodi warf im Wahlkampf unermüdlich und manchmal schon gebetsmühlenartig seinem Kontrahenten Berlusconi vor, die Reichen immer reicher und die Armen immer ärmer gemacht zu haben. Er geißelte dessen Euro-feindliche Haltung und plädierte für eine Rückbesinnung auf die Werte der italienischen Verfassung, wie Religionsfreiheit und die Achtung des Gemeinwohls.

Wirtschaftspolitisch will Prodi - der nun tatsächlich die nächste Regierung anführen dürfte und schon vor Tagen proklamierte: "In Italien beginnt am 10. April der Frühling" - die Lohnsteuern senken, gleichzeitig aber die von Berlusconi abgeschaffte Erbschaftssteuer wieder einführen. Außerdem plant er eine Arbeitsmarktreform, die die Zahl der Zeitverträge deutlich reduzieren soll - im Gegenzug sollen die Lohnkosten bei Langzeitverträgen sinken.

(apa)