Die erste Salzburger Premierenrunde von

Wie man Scheitern in
einen Triumph verwandelt

Die erste Salzburger Premierenrunde - Wie man Scheitern in
einen Triumph verwandelt © Bild: APA/BARBARA GINDL

Im Gegensatz zum vorigen Sommer verzichtet man heuer bei den Salzburger Festspielen auf die Unfallversicherung durch große Namen

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Die erste, in der öffentlichen Wahrnehmung entscheidende Premierenrunde dieser Salzburger Festspiele bietet vor allem im Opernbereich erhellende Aufschlüsse: über Scheitern und Gelingen und über die letztlich siegende Kraft des Risikos.

Im Gegensatz zum vorigen Sommer – dem ersten des Festspiel-intendanten Markus Hinterhäuser – verzichtet man heuer auf die Unfallversicherung durch große Namen: keine Netrebko, kein Muti, kein Currentzis im szenischen Programm. Dafür echte Experimente und Hochrisikokonstellationen, die vom Publikum durch erstaunlich stürmischen Zulauf bevorschusst wurden.

Und tatsächlich ist schon die eröffnende, umfassend misslungene „Zauberflöte" im Scheitern interessanter als anderswo die behäbige Repetition des Immerdagewesenen. Die Regisseurin Lydia Steier legt sich mit dem schwachen und wirren Libretto von Schikanender und Gieseke an, indem sie die Prosa an einen erzählenden Großvater (Klaus Maria Brandauer, die exzellent agierenden Drei Knaben zu Füßen) delegiert. Das ließe sich schon rechtfertigen, scheitert aber an der Geschwätzigkeit der Durchführung und der mangelnden intellektuellen Durchdringung: Der Urahn, der über Mikroport zum Teil in die Musik brüllt (was nicht zu rechtfertigen ist), erzählt immer nur das ohnehin allseits Erkenntliche. Wo er benötigt würde (beim berühmten Bruch in der Sprecherszene), ist er nicht da.

Von penetranter Überpräsenz hingegen sind die jede Ecke des Großen Festspielhauses in Beschlag nehmende Ausstattung und der Dirigent Constantinos Carydis am Pult der Wiener Philharmoniker: Der Sinn seiner Tempo-Exzesse erschließt sich nicht, hier waltet zumindest der Verdacht des eitlen Selbstzwecks. Unter den insgesamt ordentlichen Sängern interessiert Matthias Goerne, ein Sarastro im falschen Fach, der die Rolle dennoch reizvoll in Schwung bringt.

„Salome"

Die schalen Rückstände dieser Eröffnungspremiere wurden am folgenden Abend vom Sturm des Außerordentlichen weggerissen. Richard Strauss’ „Salome" erwies sich als Ereignis von festspielhistorischer Dimension. Der Regisseur und Ausstatter Romeo Castellucci verlegt die blutigen biblischen Ereignisse ins Reich der Archetypen, in dem alle großen Mythen und Märchen wurzeln: das heranwachsende Mädchen im Konflikt zwischen Kind- und Frausein. Der erotische Konflikt mit der Mutter, die Sexualität als Lockung und Bedrohung, repräsentiert in Personalunion durch den Propheten Jochanaan, der hier ein schwarzes, wildes Tier ist und dem das Symbol des Pferdes zugeordnet ist; der notzüchtigende Vater: All das fügt sich zum überwältigenden Gesamtkunstwerk, das nicht herstellbar wäre, entfesselten Franz Welser-Möst und die Wiener Philharmoniker nicht feinst differenzierte Farbpracht und die Art Rausch, die sich nie in pauschalem Schwelgen erschöpft.

Welser-Möst trägt die litauische Sopranistin Asmik Grigorian in der höllisch heiklen Titelpartie auf Händen, und das Resultat zählt zum Aufregendsten, das man in der langen Interpretationsgeschichte dieser Rolle erleben konnte. Die nicht riesige Stimme sitzt perfekt, entfaltet leuchtende Strahlkraft mit der gewissen, die Erotik befördernden Sprödigkeit, die Gestaltung ist von selbstentäußernder Intensität. Der Tanz, in steinerner Bewegungslosigkeit auf einem Podest, ist der stummer Schrei eines missbrauchten Mädchens –atemberaubend. Die Besetzung insgesamt ist exzellent – mehr in der Print-Ausgabe.

„Penthesilea"

Von der Beschwernis des Immergleichen, das man schon eine Million Mal gesehen zu haben meint, zeugt hingegen die erste Schauspielpremiere. Kleists rasende, schwer aufführbare „Penthesilea" entwirft das albtraumhafte matriarchale (heute würde man sagen: radikalfeministische) Gegenmodell zur Männer welt des trojanischen Kriegn: eine Enklave der Frauen, in der Männer zum Zeugen gefangen und dann verstoßen werden. Der männliche Nachwuchs wird getötet, der weibliche in die Kampfmaschinerie trainiert. Nun verfällt aber just die Amazonenkönigin Penthesilea dem griechischen Supermann Achill, und das archaische Ritual wird unter katastrophalen Umständen außer Kraft gesetzt.

Der verdiente Regisseur Johan Simons reduziert das Werk auf eine Zweipersonenfassung - Jens Harzer und Sandra Hüller erzählen und spielen das Stück zwei Stunden lang auf schwarzer Bühne, in der Erwartbarkeit der nicht mehr zu vermeidenden Unterhosen- und Schniedelwutz-Ästhetik. Ohne Konzentration auf die herrliche Sprache ist aber jeder Versuch an Kleist zum Scheitern verurteilt. Und Harzer agiert zwar auf der Höhe der Aufgabe, doch Sandra Hüller, erkennbar schon aus der Mikroport-Generation, legt ein psychologisch und vor allem sprachlich-sprechtechnisch schwaches Rollenporträt vor.

Nach langweiligen drei Vierteln belebt sich das Geschehen in der letzten halben Stunde. Dennoch wäre eine Lesung mit Harzer vorzuziehen gewesen.

Mehr zum Salzburger Festspielbeginn lesen Sie in der News Print-Ausgabe vom 3. August.

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