Spitzentöne von

Ein Festival muss leuchten

Heinz Sichrovsky über die durchwachsene Bilanz der Salzburger Festspiele

Heinz Sichrovsky © Bild: News

Haben die Salzburger Festspiele eigentlich schon begonnen? Schwer zu beantworten – sicher ist nur, dass sie schon fast wieder vorbei sind. Seit der damalige Intendant Pereira die „Ouverture spirituelle“ ersonnen hat, beginnen die Festspiele ja nicht mehr. Sie schlenzen sich eine Woche lang mit sakralen Konzerten der Eröffnung entgegen. Um dafür wenigstens das Minimum überregionaler Wahrnehmung zu erzeugen, wurde auch die „Jedermann“- Premiere vorverlegt. Seither ist auch Hofmannsthals verlogenes Werk in der halben Unauffälligkeit versunken. In diesem Jahr wirkte sich das allerdings fatal aus, denn das aus wirtschaftlichen Gründen reduzierte Programm hätte jeden Existenznachweis gebraucht. Anders formuliert: Wenn man nur je drei Opern- und Schauspielneuinszenierungen bietet, müssen zumindest je zwei herausragend sein. Waren sie aber nicht (und ich greife im Folgenden auch auf Wahrnehmungen meiner Kollegin Susanne Zobl zurück).

Am schlimmsten hat es den interimistisch zum Intendanten erhobenen Theaterchef Sven-Eric Bechtolf getroffen, einen großen Schauspieler, der sich im Gefolge anderer Verpflichtungen leider aus dem Kerngeschäft genommen hat. Seine systematische Ausgrenzung von Theatertrends ist ihm anzurechnen (und nicht vorzuhalten). Die heuer gebotene „Komödie der Irrungen“ aber hatte mit sorgsam gearbeitetem, psychologisch unterfüttertem Schauspielertheater nichts gemein. Jeder sommerliche Wald-und-Wiesen-Shakespeare in den diversen Umländern hat einschlägig mehr zu bieten als die Arbeit des Briten Henry Mason.

Dass Bechtolf für Goethes „Clavigo“ den angesehenen Deutschen Stephan Kimmig verpflichtete, ist nachvollziehbar. Kimmig aber scheint namens der Kollegenschaft Vergeltung geübt zu haben: Seine Arbeit glich einer rüden Parodie auf das, worüber man sich vor zwei Jahrzehnten sehr erregt hat.

Von allen Restgeistern verlassen scheinen die Erben Bert Brechts. Seit einem halben Jahrhundert terrorisieren sie im Namen der Authentizität die Theaterwelt. Zuletzt verboten sie eine „Baal“-Inszenierung von Frank Castorf. Den Salzburgern aber genehmigten sie eine vom Blatt buchstabierte, aber musikalisch beschämende Adaption der „Dreigroschenoper“. Tonsetzer Martin Lowe – seine Urheberschaft am Abba- Musical „Mamma Mia!“ wird in den Programmunterlagen hervorgehoben – hat Kurt Weills kantige, geniale Partitur magenhebend eingedickt. Co-Regisseur Bechtolf hätte das unterbinden müssen. Bechtolf hat auch Mozarts „Figaro“ inszeniert, den dritten und letzten Teil eines Zyklus, aus dem der neue Mozart-Stil generiert werden sollte. Davor bewahre uns Gott der Herr, und das Problem war nicht Bechtolfs pfiffige, freundlich traditionelle Regie. Mit dem Mannheimer Generalmusikdirektor Dan Ettinger am Pult und einer Besetzung, die bessere Opernhäuser maximal im Repertoire durchließen, hat man den Vertretungsanspruch der Festspiele¬– worauf auch immer – schwer beschädigt.

Dass das Gelingen einer Opernproduktion in erster Linie vom Dirigenten und von den Sängern abhängt, ist eine in Vergessenheit geratende Allerweltserkenntnis. Die Inszenierung aber kann der Produktion den Rest geben¬– und zwar in beide Richtungen. So wäre Wolfgang Rihms „Eroberung von Mexico“ mit dem Dirigenten Ingo Metzmacher und den Protagonisten Angela Denoke und Bo Skovhus auch in einer schwächeren als Peter Konwitschnys Regie ereignishaft verlaufen. Dessen blitzgescheite Reduktion des Historienmysterienstücks auf eine Beziehungsgeschichte aber finalisierte den Triumph. Beethovens gut besetzter, von Franz Welser-Möst packend dirigierter und von den Philharmonikern ideal umgesetzter „Fidelio“ hingegen scheiterte an der Regie Claus Guths: Die Tilgung der gesprochenen Texte ließ das dramatische Gerüst in sich zusammenbrechen. Ja, Anna Netrebko und Cecilia Bartoli haben in Wiederaufnahmen verdient reüssiert. Ein Festival erster Kategorie aber muss nicht nur glänzen, es muss leuchten, und dazu bedarf es konsequenter Höchstqualität in allen Formationen. Es braucht dazu kein Motto, nicht einmal ein Konzept und kann sich aller Stile bedienen. Wenn nur deren jeweils beste Repräsentanten aufgeboten sind.

Was meinen Sie? Schreiben Sie mir bitte: sichrovsky.heinz@news.at

Kommentare