Salzburger Festspiele von

„Rose Bernd“: Kraftvoll, beklemmend

Salzburger Festspiele - „Rose Bernd“: Kraftvoll, beklemmend © Bild: APA/BARBARA GINDL

Karin Henkel inszenierte Gerhart Hauptmanns Drama um eine Kindsmörderin als expressionistische Tragödie auf der Perner-Insel

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Eine Frau, herausgeputzt wie ein Pfingstochse, das Gesicht weiß geschminkt, die Augen schwarz umrandet, Lametta und bunte Bänder im Haar schreitet langsam aus der düsteren Bühne hervor. Sie ist Rose Bernd, eine junge Frau, die nichts vom Leben kennt als dienen. Sie wird am Ende ihr neugeborenes Kind erdrosseln.
Der deutsche Dramatiker Gerhart Hauptmann war Geschworener in einem Prozess um eine 25-jährige Kindsmörderin. Das Erlebte verarbeitete er zum Drama „Rose Bernd“. Szene für Szene analysiert er in seinem fünfaktigen Drama, was eine junge Frau zum Unfassbaren treibt.

Das macht Karin Henkel in drastischen Bildern mit der herausragenden Titeldarstellerin Lina Beckmann deutlich. Lebendiges Federvieh ist das einzige Naturalistische, das auf Volker Hintermeiers düsterer Bühne, eine Art Industriegebäude mit Friedhof im Hintergrund, zu sehen ist. Sie zeigt Bilder von großer Kraft, die zuweilen die der expressionistischen Holzschnitte Ernst Barlachs vermitteln.

Das erste Bild soll nicht täuschen

Vom ersten Bild sollte man sich nicht täuschen lassen. Ein Mann mit offenem Hemd und langem fettigem Haar, Christoph Flamm (Markus John) entledigt sich seiner Triebe an der geschmückten Rose. Mikrofone hängen von der Decke. Auf einem schwarzen, transparenten Vorhang prangt in Frakturlettern die Aufschrift: „Future is a fucking nightmare“ („Die Zukunft ist ein verdammter Alptraum“). Das mutet zunächst wie eine Szene aus inzwischen konventionellem, gegenwärtigem Stadttheater an. Doch das täuscht. Henkel lässt Hauptmann Kirchgänger als Chor wie in einer griechischen Tragödie auftreten. Mit ihren schwarzen Hüten und Anzügen muten diese Männer surreal an, als wären sie einem Gemälde René Magrittes entnommen. Starr wie ihre Ansichten agieren sie. Rose Bernd ist das Opfer dieser Gesellschaft. Bereits als Kind, nach dem Tod ihre Mutter muss sie dienen, Lücken füllen. Im väterlichen Haushalt wird sie zum Mutterersatz für ihre sechs Geschwister, im Haus der Flamms soll sie nach deren Tod deren Kind ersetzen. Als junge Frau will sie der Vater mit dem behinderten Buchbinder August Keil (Maik Solbach) verheiraten, um oll das Auskommen der Familie zu sichern. Als Rose von Flamm schwanger und vom Maschinisten Arthur Streckmann (Gregor Bloéb) vergewaltigt wird, entschließt sie sich zur Ehe mit Keil. Als ihm Streckmann bei einem Streit ein Auge ausschlägt, kommt es zum Prozess. Rose wird zum Meineid getrieben.

Atemberaubend, virtuos

Wie aus einer anderen Welt agiert Flamms gelähmte Frau (Julia Wieninger) als Rettungsboje von ihrem Krankenbett aus. Doch Rose ist verloren.
Atemberaubend, virtuos zeigt Lina Beckmann diese junge Frau, eine Getriebene, Gemarterte, Zerstörte, die in den Dumpfsinn zu fliehen versucht. Virtuos beherrscht sie das Idiom, das man als Kunst-Schlesisch identifiziert. Gespielt wird vom hervorragend geführten Ensemble ausgezeichnet. Gregor Bloéb stellt einen echten Kraftlackel mit Facetten und Schattierungen dar, denn niemand, so zeigt es Hauptmann, ist eindeutig gut oder schlecht. Maik Solbach zeigt mit hoher Virtuosität den Behinderten. Michael Prelle erfüllt die Figur des streng gläubigen, realitätsfernen Vaters. Julia Wieninger zeigt die karnke, aber resolute Flamm glaubwürdig. Martin Pawlosky macht aus dem Pastor Kleinert eine dämonische, aber hilflose artifizielle Figur.

Karin Henkel hat aus Hauptmanns naturalistischem Drama ein expressionistisches Kunstwerk und festspielwürdiges Theater geschaffen.