Salzburger Festspiele von

Lady Macbeth von Mzensk

Urgewaltig, bildmächtig und sarkastisch

Salzburger Festspiele - Lady Macbeth von Mzensk © Bild: APA/Gindl

Dirigent Mariss Jansons und Andreas Kriegenburg entfachen mit Schostakowitschs „Lady Macbeth von Mzensk“ fulminantes Musiktheater. Die zweite Opernpremiere der Salzburger Festspiele wurde im Großen Festspielhaus mit Ovationen bejubelt.

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Den feinsinnigen Regisseur Andreas Kriegenburg und den Ausnahmedirigenten Mariss Jansons für eine Zusammenarbeit zu engagieren, zeugt von der künstlerischen Kraft der Intendanz Markus Hinterhäuser. Hier werden nicht Stars versammelt, hier wird das formiert, was man in Film und Sport ein „Dream-Team“ nennt. Denn Kriegenburg und Jansons sind beide Analytiker. Ton für Ton wird jedes Bild, jede Szene, jede Geste einer Figur in der präzisen Personenführung Kriegenburgs und dem dramaturgischem Dirigat Jansons’ mit Sinn erfüllt.

Ein Wohnkomplex, aufgebaut, wie eine Art Plattenbau aus Holz, ein Schlafzimmer links, ein düsteres Büro rechts. Harald B. Thor hat den Mikrokosmos der Kaufmannsleute Ismailow in verschiedene Welten getrennt, die einander annähern und sich von einander entfernen. Links residiert die als Ehefrau stark unterforderte Katerina (Nina Stemme) in ihrem Gefängnis der Langeweile und Einsamkeit. Rechts sorgt der Gatte Sinowi (Maxim Paster) für die Geschäfte. Im Hintergrund schwelt das Elend der Armen. Dort hausen die Arbeiter. Über allen und in allen Welten herrscht der Patriarch, Sinowis Vater Boris (Dmitry Ulyanov).

Nach der Novelle von Nikolai Leskow hat Dmitri Schostakowitsch das erschütternde Psychogramm einer naiven, ungebildeten Frau, die zur Mörderin wird, geschaffen. Andreas Kriegenburg schafft mit mächtigen Bildern großes Kino. Seine penible Personenführung folgt wie ein Seismograph der Partitur. Die Persönlichkeit jeder einzelnen Figur wird begreifbar. Trotz der Bilder und minutiös eingerichteten Details wirkt das Werk nie überfrachtet. Da ist etwa der Schwiegervater Boris. Ein älterer Herr in Anzug, der stets mit einer Gerte ausgestattet, auftritt. Kriegenburg zeigt ihn als Mann, der im Leben nichts ausgelassen hat, dass Lust bereitet. Irgendetwas scheint aber dennoch zu bereuen. Mit einem Desinfektionsspray sprüht er ständig um sich, er leidet unter Waschzwang, wie Shakespeares Macbeth, der sich von seinen bösen Taten reinwaschen will. Sinowi, willenloser Sohn und an seiner Gattin desinteressierter Ehemann gibt sich ganz Arbeit und Alkohol hin. In deren Zentrum steht Katerina. Eine junge Frau, die nach Lust und Freiheit giert, die sie sich vom Arbeiter Sergej (Brandon Jovanovich) erhofft.

Als sie der Schwiegervater des Ehebruchs mit Sergej überführt und den Unhold auspeitscht, vergiftet sie ihn mit Rattengift. Der Ehemann wird ebenso beseitigt und am Ende eine Nebenbuhlerin.

Die Musik Schostakowitschs zählt zur Kernkompetenz Jansons’. Atemberaubend führt er die Wiener Philharmoniker durch diese komplexe Partitur. Orgiastisch, wie eine Naturgewalt lässt er den Ehebruch Katerinas mit Sergej aus dem Graben ertönen. Bei jedem Takt ist zu spüren wie hocherotisch dieses Werk aufgeladen ist – und wie sarkastisch. Denn Schostakowitsch, der stets vor dem stalinistischen Regime auf der Hut war, baute in seine Partitur zahlreiche Momente ein, die Staat und auch Kirche karikieren. Und das setzt Kriegenburg in Bildern um. Ein Höhepunkt am Ende ist der Chor der Polizei. Der Chef der Truppe ist mit Kochhaube ausgestattet mit der Zubereitung eines Mahl zugange, als er über die Katerina Ismailowa klagt, die ihn nicht zu ihrer Hochzeit mit Sergej geladen hat. Dass ist die versteckte Leiche ihres ermordeten Gatten im Keller der Grund ist, ahnt er freilich nicht. Während er singt und kocht, ist der Unterbau der Polizisten mit Handarbeit beschäftigt. Es wird gestrickt und gestickt und der niedrige Lohn beklagt. Musik und Bild ergeben da ebenso eine Einheit wie bei den Einblicken ins Schlafzimmer der Ismailowa. Darunter sind veritable Regie-Glanzpunkte eingestreut wie kleine funkelnde Steinchen eines großen Mosaiks. Eines davon der bestechliche Pope (grandios Stanislav Trofimov), der eine Art Tanz vollführt, als er von Katerina Ismailowa bestochen wird. Oder ein Kirchenkritiker, der in Gestalt von Schostakowitsch der Polizei vorgeführt wird. Es sind Details wie diese, die diese Produktion so besonders machen.

Umgesetzt werden diese von einem grandiosen Ensemble. Nina Stemmes Rollendebüt gerät ihr zum Triumph. Sie überzeugt mit ihrem breiten Klangspektrum, klaren Höhen und dunklen, wunderbar weich geführten Tiefen. Dmitry Ulyanov, der kurzfristig von Ferruccio Furlanetto die Partie des Schwiegervaters Boris übernommen hat, ist ein erstklassiger Singschauspieler, der seine Figur stimmlich und darstellerisch feinst ziseliert. Maxim Paster vzeigt den Ehemann Sinowi glaubwürdig und führt seinen Tenor sicher. Brandon Jovanovich überzeugt als verschlagener Kraftlackel. Der Chor der Wiener Staatsoper war selten in besserer Form. Und die Wiener Philharmoniker tönten schon lange nicht mehr so gewaltig, so gut aus dem Graben und brachten ihre Soli, vor allem Oboe und Klarinette glanzvoll zur Entfaltung.

Bei diesen Salzburger Festspielen war damit zum zweiten Mal zu erleben, es gibt noch Opernproduktionen, wo alles stimmt.