Salzburger Festspiele von

"Jeder Takt ist sinnvoll umgesetzt"

Salzburger Festspiele - "Jeder Takt ist sinnvoll umgesetzt" © Bild: APA/BARBARA GINDL

Opernpremiere in Salzburg. Teodor Currentzis dirigiert am Pult seiner musicAeterna aus Perm Mozarts "La Clemenza di Tito".

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Wann hat man zuletzt eine große Mozart-Produktion gesehen? Das ist lang her, womöglich war das „La Clemenza di Tito", von Nikolaus Harnoncourt und Martin Kusej für die Salzburger Festspiele 2003 gefertigt. Denn mit Mozart tut man sich schwer: Große Orchester wie die Wiener Philharmoniker finden keinen Weg mehr zu ihm, weil sie Harnoncourts Nachfolgern in der Originalklangbewegung nicht vertrauen.

Den Knoten hat jetzt die neue Führung der Salzburger Festspiele durchschlagen: Wieder für „La Clemenza di Tito" wurden aus Perm im russischen Uralvorland Orchester und Chor musicAeterna und sein charismatischer Maestro Teodor Currentzis geheuert. Dazu verpflichtete man den amerikanischen Regisseur Peter Sellars, der zu Zeiten des unvergessenen Intendanten Gerard Mortier in Salzburg den Ton angab, und ein beinahe unbekanntes Ensemble. Das Resultat ist ereignishaft: eine große Mozart-Produktion, die einen auch nach fast fünf Jahrzehnten passiver Opernpraxis fiebernd auf der Sesselkante sitzen lässt.

Maßstäbe, die nicht leicht zu halten sein werden

Mozarts letzte Oper nach dem Libretto von Metastasio behandelt brennende Themen, unter anderem den Umgang der Machtinhaber mit dem Terrorismus. Auf den römischen Kaiser Titus, einen gerechten und weisen Herrscher, wird aus nichtigem Anlass ein Anschlag verübt, das Capitol brennt. Sellars verlegt das krampflos ins Heute, in eine ethnisch gespaltene Gesellschaft, die sich entscheiden muss, wie sie auf den Terror reagiert: durch Aufklärung oder durch die Aufgabe ihrer humanitären Standards. Dabei wird die Kulisse der Felsenreitschule durch keine Ausstattungseskapaden beeinträchtigt. Minimalistische Versatzstücke, unter ihnen ein Feld aus Kerzen, Blumen und Fotografien wie nach den Anschlägen von Paris, schaffen Atmosphäre genug. Die Inszenierung ist hoch musikalisch. Jeder Takt ist sinnvoll umgesetzt, und das ist auch die Erfordernis der Stunde, denn im Orchestergraben ereignet sich Unvergessliches. Currentzis und sein fabelhaft präzises Ensemble scheuen kein Risiko. Die Tempi sind zum Teil extrem, harte Kontraste und schier endlos gedehnte Pausen schaffen dramatische Spannung. Andererseits ist das Klangbild von großer Zartheit und Schönheit. Für die Rezitative, an denen Currentzis selbst gearbeitet hat, ist einer emphatische Hammerklaviertvirtuosin aufgeboten, und ein vielköpfiger Virtuose ist auch der Chor, der an Ausdruck und Bühnenpräsenz seinesgleichen sucht. Dabei wurde Mozart’sches Fremdmaterial – die C-Dur-Messe, die Orchesterbearbeitung des Quartetts „Adagio und Fuge“ und die „Maurerische Trauermusik“ – ins Geschehen collagiert. Und zwar so, dass man Stunden zuhören könnte.

Auf der Szene dominiert ein geschlossenes Ensemble mit einer herausragenden Erscheinung: Marianne Crebassa spielt und singt den Sesto auf ungeahnte Höhe. Höhepunkt ist partiturgemäß die Arie „Parto, parto“ im Dialog mit dem sinnvollerweise auf die Bühne transferierten Soloklarinettisten. Russell Thomas in der undankbaren Titelpartie veerfügt über einen schönen, gut geführten Zwischenfachtenor, Christina Gansch (Servilia) und Jeanine de Bique (Annio) gefallen besser als Golda Schulz’ Vitellia und der strapaziert wirkende Williard White als Publio.

Die neue Salzburger Intendanz hat mit einem Bekenntnis begonnen und sich selbst Maßstäbe gesetzt, die nicht leicht zu halten sein werden.

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