Kiew nach Angriffen weitgehend ohne Strom und Wasser

von Kiew nach Angriffen weitgehend ohne Strom und Wasser © Bild: APA/APA/AFP/SERGEY BOBOK

Ukraine bei Stromversorgung immer mehr auf Generatoren angewiesen

Nach schweren russischen Raketenangriffen sind in der Ukraine mehrere Kernkraftwerke vom Netz genommen worden. Einem landesweiten Luftalarm folgten am Mittwoch Explosionen in der Hauptstadt Kiew, wo am Abend 80 Prozent der Haushalte ohne Strom und Wasser waren. Laut der Militärverwaltung wurden in Kiew vier Menschen getötet und 27 verletzt. Der UNO-Sicherheitsrat setzte für Mittwoch (22 Uhr MEZ) eine Sondersitzung an, bei der auch Präsident Wolodymyr Selenskyj reden sollte.

Auch die Republik Moldau meldete einen Stromausfall in mehr als der Hälfte des Landes. Selenskyj erklärte, sein Land werde das russische Bombardement durchstehen. "Wir sind ein unzerstörbares Volk", erklärte er in einer Videoansprache auf Telegram. Insgesamt zählte die Ukraine 71 feindliche Raketen und Kampfdrohnen. 51 Raketen und fünf Drohnen seien im Anflug abgeschossen worden, hieß es am Abend. Über Explosionen - teils auch durch die Flugabwehr - wurde zudem aus den Gebieten Odessa, Mykolajiw, Poltawa und Dnipropetrowsk berichtet. Luftalarm hatte es im ganzen Land gegeben.

Die Angriffswelle ereignete sich während eines Besuchs von mehreren EU-Europaministerinnen in Kiew. Unter ihnen war auch die österreichische Ministerin Karoline Edtstadler (ÖVP). Sie musste im Keller des ukrainischen Parlaments Zuflucht suchen. Dort sei es "eng", "beklemmend", aber auch "sehr eindrücklich" gewesen. "Wir konnten dort sehr ernste Gespräche führen und das wird immer in Erinnerung bleiben", sagte Edtstadler dem ORF in Kiew. Österreich habe diese Woche zwölf Generatoren, zehn Heizkanonen und sieben Feuerwehrautos und Busse in die Ukraine geliefert, berichtete sie.

"Alle kommunalen Dienste arbeiten, um schnellstmöglich die Strom- und Wasserversorgung von Kiew wiederherzustellen", sagte der Bürgermeister der Dreimillionenstadt, Vitali Klitschko, gemäß einer Mitteilung vom Mittwoch. Wegen des Strommangels fahren elektrisch betriebene Busse derzeit nicht. Die Züge der U-Bahn verkehren nur noch im Zehnminutentakt. Regierungsvertreter stellten eine Wiederherstellung von Strom- und Wasserversorgung für Donnerstagfrüh in Aussicht. Unmittelbar nach den Angriffen gab es laut den Behörden überhaupt keinen Strom und kein Wasser.

Die Internationale Atomenergieorganisation (IAEA) berichtete, dass das AKW Saporischschja wieder von der externen Stromversorgung abgeschnitten war und mit Dieselgeneratoren versorgt werden musste. Mehrere Blöcke des Atomkraftwerkes Süd-Ukraine, des AKW Chmelnizkyj im Westen sowie des AKW Riwne im Nordosten wurden abgeschaltet. Auch die "Mehrzahl der Wärme und Wasserkraftwerke" habe abgeschaltet werden müssen, hieß es am Abend aus dem Kiewer Energieministerium. Wegen der Angriffe war auch die westukrainische Stadt Lwiw nach Angaben ihres Bürgermeisters ohne Strom.

Die russischen Raketenangriffe führten auch zu einem massiven Stromausfall in der benachbarten Republik Moldau. Die Hälfte des Landes werde nicht mit Strom versorgt, teilt Vize-Ministerpräsident Andrei Spuni, der zugleich Infrastrukturminister ist, auf Twitter mit. Stromausfälle werden dem Innenministerium zufolge auch aus der abtrünnigen von Russland unterstützten Region Transnistrien im Osten gemeldet.

Bereits in der Nacht wurde in der ukrainischen Region Saporischschja ein Krankenhaus getroffen. Ein Säugling soll dabei ums Leben gekommen sein. "Schmerz überflutet unsere Herzen - ein Säugling, der gerade erst auf die Welt gekommen ist, wurde getötet", schrieb der Militärgouverneur von Saporischschja, Olexandr Staruch. Rettungskräfte seien in der Kleinstadt Wilnjansk im Einsatz.

Raketeneinschläge gab es in der Nacht auch in den benachbarten Regionen Donezk und Dnipropetrowsk. In Donezk, wo die russischen Truppen seit Wochen verstärkt angreifen, sprachen ukrainische Behörden von einem Toten und acht Verletzten. In der Region Dnipropetrowsk habe es keine Opfer gegeben. Es seien aber mehr als 30 Geschoße in Ortschaften eingeschlagen, sagte Militärgouverneur Walentyn Resnitschenko.

Indes wurde bekannt, dass der Transport russischen Öls durch die Ukraine teilweise ausgesetzt wurde. Betroffen sei der durch die Ukraine führende Abschnitt der Druschba-Pipeline, hieß es vom Betreiber Transneft. Von Belarus werde aber weiter Erdöl in die Ukraine gepumpt, meldete die russische Agentur Tass.

Während der französische Präsident Emmanuel Macron für die kommenden Tage ein Gespräch mit dem russischen Machthaber Wladimir Putin zum Thema Energie ankündigte, gaben die USA ein neues militärisches Hilfspaket im Wert von 400 Millionen US-Dollar (389,33 Mio. Euro) für die Ukraine bekannt. Damit erreicht der Gesamtwert der US-Militärhilfe 19,7 Milliarden Dollar. Der polnische Verteidigungsminister Mariusz Blaszczak forderte Deutschland auf, die für sein Land bestimmten Patriot-Raketensysteme lieber an die Ukraine zu schicken und begründete dies mit den jüngsten russischen Raketenangriffen.

Der deutsche Kanzler Olaf Scholz sagte am Mittwoch, dass Russland den Krieg auf dem Schlachtfeld nicht mehr gewinnen könne und daher das Töten beenden solle. "Dieser Bombenterror gegen die Zivilbevölkerung muss aufhören, und zwar sofort", so Scholz. In Jerewan forderte der kasachische Präsident Kassym-Schomart Tokajew einen Friedensschluss im Krieg. "Was die Ukraine betrifft, denke ich, dass die Zeit für eine kollektive Suche nach einer Friedensformel gekommen ist", sagte er am Mittwoch bei einem Gipfel der von Russland dominierten Organisation des Vertrags über kollektive Sicherheit (OVKS).

Ungeachtet der neuen Angriffe tauschten die Konfliktparteien erneut Gefangene aus. "Wir haben 36 unserer Leute nach Hause geholt - einen Zivilisten und 35 Soldaten", teilte der Chef des Präsidentenbüros in Kiew, Andrij Jermak, beim Nachrichtendienst Telegram mit. Unter den Freigekommenen seien Verteidiger der Stadt Mariupol und Nationalgardisten, die zu Kriegsbeginn in der Sperrzone um das 1986 havarierte Atomkraftwerk Tschernobyl in Gefangenschaft gerieten. Das russische Verteidigungsministerium in Moskau bestätigte, dass am Mittwoch 35 eigene Soldaten freigekommen seien. Sie sollen demnach nun zur medizinischen Behandlung nach Moskau geflogen werden.