Saddam Hussein beigesetzt: Tausende
Menschen pilgern zu seinem Grab in Awja

Bei Begräbnis selbst nur 100 Menschen anwesend<br>Trauernde schwören am Grab Rache für "Märtyrer" Ex-Diktator liegt jetzt neben Söhnen Udai und Kusai

 Saddam Hussein beigesetzt: Tausende
Menschen pilgern zu seinem Grab in Awja

Rund 24 Stunden nach seiner Hinrichtung ist der frühere irakische Machthaber Saddam Hussein in seinem Heimatort bei Tikrit beigesetzt worden. Der gehängte Expräsident wurde kurz vor Sonnenaufgang auf dem Gelände einer religiösen Stätte mitten in der Ortschaft Awja beerdigt, wie der Gouverneur der Provinz Salahuddin, Hamad Hamud Shagtti, mitteilte. An der Zeremonie hätten nur wenige Menschen teilgenommen.

Später aber pilgerten tausende Anhänger des gestürzten Staatschefs zu Fuß in Richtung Awja, das rund 130 Kilometer nördlich von Bagdad liegt. Hinweise auf einen unmittelbar bevorstehenden Aufstand der Sunniten gab es nach Polizeiangaben nicht, doch wurden die Sicherheitsvorkehrungen deutlich verschärft. Die Zufahrten nach Tikrit wurden gesperrt, und den Anrainer wurde für vier Tage die Ausreise verboten. Doch trotz eines Ausgehverbots zogen bewaffnete Anhänger Saddam Husseins durch die Straßen der Stadt. Sie führten Bilder des Hingerichteten mit sich, schossen in die Luft und riefen nach Rache.

Saddam-Anhänger schwören Rache
Hunderte Trauernde haben am Grab des hingerichteten irakischen Ex-Diktators Saddam Hussein Rache geschworen. Die Anhänger knieten und beteten an seinem Grabmal in einer mit Marmor verkleideten Moschee in Auja, dem Heimatdorf des früheren Machthabers.

"Die Perser haben ihn umgebracht. Ich kann es nicht fassen. So wahr Gott will, wir werden Vergeltung üben", sagte ein Mann aus der nordirakischen Stadt Mossul. Mit "Perser" spielte er auf die schiitische Bevölkerungsgruppe an, die im Irak die Regierung stellt. Saddams Gefolgsleute gehören den Sunniten an. Die Auseinandersetzungen zwischen den Religionsgruppen haben den Irak in diesem Jahr an den Rand eines Bürgerkriegs gebracht.

Der Zorn über die Hinrichtung des 69-Jährigen richtete sich auch gegen die USA. "Das Einzige, was uns jetzt bleibt, ist uns an den Amerikanern und an der Regierung zu rächen", sagte ein weiterer Trauernder. Auch er verweilte am Grabmal, das mit einer irakischen Flagge überzogen war. Auf einem Stuhl stand ein Porträt des ehemaligen Machthabers, lächelnd und mit seinem charakteristischen Filzhut auf dem Kopf. In einem nahe gelegenen Raum diskutierten die Pilger bei Minztee und Kaffee miteinander. Oft fiel das Wort "Märtyrer" in Zusammenhang mit Saddam.

Familie will "Saddam-Bibliothek" errichten
Die Familie von Saddam Hussein will an seinem Grab eine Bibliothek errichten. Damit werde dem ehemaligen irakischen Machthaber eine Ehre erwiesen, sagte Muajed al-Hasaa, der sich selbst als Cousin Saddams vorstellte. Zudem solle eine Religionsschule entstehen.

Noch keine Zunahme der Gewalt
Eine Zunahme der Gewalt im Land wurde zunächst nicht verzeichnet. Am Samstag fielen Anschlägen im Irak mindestens 92 Menschen zum Opfer, was in den vergangenen Wochen mehr oder weniger die normale Tagesbilanz war. Auch sechs weitere US-Soldaten wurden getötet. Am Sonntag gab die US-Armee die Festnahme von 20 Terrorverdächtigen im Zentralirak bekannt. Ebenfalls am Sonntag wurde ein Tonband bekannt, auf dem Al-Kaida-Vizechef Ayman al-Zawahiri die Aufständischen im Irak zur Einigkeit aufruft.

US-Militär übergab Leiche an Delegation aus Tikrit
Nach Angaben des Vize-Gouverneurs der Provinz Salaheddin, deren Hauptstadt Tikrit ist, gab US-Präsident George W. Bush persönlich die Erlaubnis für den Transport der Leiche Saddam Husseins mit einem US-Hubschrauber. Eine Delegation aus Tikrit habe den Leichnam in Bagdad in Empfang genommen, sagte Vize-Gouverneur Abdallah Hussein Jabara dem örtlichen Fernsehsender Salaheddin. Ein sunnitischer Geistlicher habe den Toten gewaschen, der dann in einen Sarg gelegt worden sei. Nach einem Gebet sei die Abordnung von Bagdad zu einem US-Stützpunkt geflogen. Von dort aus habe ein Polizeifahrzeug die Leiche nach Awja gebracht. Dort sind auch die beiden Söhne des Toten, Udai und Kusai, beerdigt. Sie waren im Juli 2003 von der US-Armee in Mossul getötet worden.

Neue Details über letzten Minuten Saddams
Am Sonntag wurden weitere Details über die Hinrichtung von Saddam bekannt, nachdem am Samstag bereits erste Videoaufnahmen zu sehen waren. Die Zeitung "New York Times" berichtete unter Berufung auf Augenzeugen, Saddams letzten Worte seien gewesen: "Nieder mit den Verrätern, den Amerikanern, den Spionen und den Persern." Der irakische Sicherheitsberater Muwaffak al-Rubaie berichtete der Zeitung, er habe Saddam kurz vor der Hinrichtung gefragt, ob er Schuldgefühle oder Angst habe. Saddam habe geantwortet: "Nein. Ich bin ein Soldat und ich habe keine Angst um mich selbst."

Im Internet tauchte eine offenbar mit einem Handy gemachte vollständige Videoaufnahme der Hinrichtung auf. Darin ist unter anderem zu hören, wie Zeugen der Exekution wenige Augenblicke vor dem Tod des irakischen Ex-Präsidenten den Namen seines größten schiitischen Widersachers riefen, des Radikalen Moktada Sadr. Saddam Hussein schaute erstaunt und schien zu sagen, "Fahr zur Hölle". Immer wieder waren Blitzlichter von Fotoapparaten zu sehen, während die Schlinge um den Hals des früheren Staatschef gelegt wurde. Saddam wirkte sehr ruhig. Noch während er das letzte Gebet sprach, öffnete sich die Falltür. Die letzten Bilder zeigen den am Galgen baumelnden Leichnam.

Ferrero-Waldner: Konnte Gerechtigkeit nicht entgehen
EU-Außenkommissarin Benita Ferrero-Waldner sagte in Brüssel, Saddams Tod "beschließt ein langes und schmerzvolles Kapitel in der Geschichte des Irak". Seine Hinrichtung bedeute auch, "dass jene, die Verbrechen gegen die Menschlichkeit begehen, der Gerechtigkeit nicht entgehen können". Dagegen kritisierte BZÖ-Generalsekretär Gerald Grosz die Exekution in einer Aussendung als "schallende Ohrfeige für die europäische Staatsgemeinschaft". Die EU habe "tatenlos zugesehen", wie Saddam "im Schnellverfahren exekutiert" worden sei. Mit der Hinrichtung reihe sich US-Präsident George Bush "immer mehr in eine Reihe mit Kriegsverbrechern der letzten 60 Jahre wie dem hingerichteten Saddam selbst ein". Am Vortag hatten zahlreiche europäische Politiker, Russland und der Vatikan die Hinrichtung kritisiert. Aus dem Iran, Israel und den USA kamen dagegen positive Reaktionen.(apa/red)