Russlands "Buberlpartie" eiskalt erwischt:
Aufgebrachter Hiddink nach 1:4-Niederlage

Spanien hat die Russen in Innsbruck vorgeführt "Wir haben gespielt wie eine Schülermannschaft"

Russlands "Buberlpartie" eiskalt erwischt:
Aufgebrachter Hiddink nach 1:4-Niederlage © Bild: Reuters/Ordonez

Russlands Jungteam ist in Innsbruck für seine "Naivität" im Abwehrverhalten hart bestraft worden. In den ersten 20 Minuten konnten "Sbornaja"-Kapitän Sergej Semak und seine Mitstreiter im EM-Auftaktspiel der Gruppe D 20 Minuten noch mit dem 381 Millionen Euro teuren Superstar-Ensemble von Spanien sehr gut mithalten. Am Ende kam es für die Mannschaft von Guus Hiddink aber knüppeldick: Russland kassierte eine deftige 1:4-(0:2)-Schlappe. Somit steht man im Kampf um den Aufstieg bereits nach der ersten Partie mit dem Rücken zur Wand.

Der Niederländer Hiddink, der bisher mit jedem seiner Teams bei fußballerischen Großereignissen die Gruppenphase überstanden hat, ging mit seinen Mannen überaus hart ins Gericht. "Man hat gesehen, dass uns erfahrene Spieler fehlen. Wir wurden heute klassisch ausgekontert, weil wir zu naiv waren. Wir haben uns selbst geschlagen", lauteten die ersten Sätze von Hiddink, der "natürlich enttäuscht" und sichtlich verärgert war.

Die Achillesferse der Russen, das hatte sich bereits in den Vorbereitungsspielen abgezeichnet, ist das Abwehrverhalten. Bei Gegnern wie Kasachstan (6:0), Serbien (2:1) sowie Litauen (4:1), die allesamt in den EM-Generalproben bezwungen worden waren, resultieren solche Schnitzer nicht immer in Gegentreffern. Aber von einem ausnahmslos aus Weltklassespielern bestehenden Team wie Spanien werden solche Fauxpas gnadenlos ausgenutzt, wie die drei Treffer von Valencia-Torjäger David Villa (21., 44., 75.) schonungslos dokumentieren.

Russlands Liga als Problem
"Das Problem ist, dass unsere Spieler im Gegensatz zu den Spaniern nicht in europäischen Top-Ligen engagiert sind. Sie spielen alle in Russland, also in einer Liga, die nicht so gut ist. Da kann man Fehler machen, die nicht sofort bestraft werden", analysierte Hiddink, um dann Klartext zu sprechen: "Wir kennen die Grundregeln des internationalen Fußballs noch nicht."

Aus diesem Grund wollte der Trainer-Routinier die Spanier auch nicht gleich zum großen EM-Topfavoriten hochstilisieren. "Sie sind natürlich ein starkes Team, aber man muss schauen, wie sich Spanien schlägt, wenn der Gegner nicht so naiv ist. Denn sie haben nur unsere Fehler ausgenützt. Villa hatte leichtes Spiel mit uns, weil wir so dumme Fehler gemacht haben. Er war klug genug, diese zu nützen."

Doch für den 61-Jährigen traf die Schuld an den Gegentoren nicht ausschließlich die vor allem für tödliche Pässe in die Tiefe extrem anfällige Viererkette. "Wenn man vier Tore bekommt, muss man erst analysieren, man kann nicht nur der Abwehr alle Fehler ankreiden, denn die gesamte Mannschaft hat Fehler wie eine Schulmannschaft gemacht. Auch unsere Stürmer müssen Verteidigen lernen. Wir haben als ganze Mannschaft verloren", stellte Hiddink klar.

Trotz der harten Kritik übersah der ehemalige Teamchef der Niederlande, von Südkorea und Australien nicht, dass auch Pech im Spiel war. "Wenn Syrjanow kurz nach dem 1:0 der Spanier nicht die Stange getroffen, sondern den Ausgleich erzielt hätte, dann wäre die Partie vielleicht anders gelaufen." Andererseits kann man auch sagen, dass die Niederlage ohne Tormann Igor Akinfejew, der im Gegensatz zu seinen Vorderleuten mehrmals bewies, warum er mit erst 22 Jahren zu den Besten seiner Zunft zählt, noch schlimmer ausgefallen wäre.

"Ich hoffe, ihr lernt schnell
Nachdem es in der Pause eine schonungslose Kabinenpredigt gegeben hatte, versuchte Hiddink unmittelbar nach dem Schlusspfiff, seine schwer geknickten Spieler in der Kabine bereits wieder aufzurichten, wie er verriet: "Ich habe ihnen gesagt: 'Wir haben insgesamt drei Spiele. Und ich hoffe, dass ihr so schnell lernen könnt - wir haben ja nur drei Tage Zeit -, um diese Naivität abzustellen. Nur wenn wir auf schnellstem Wege aus dieser Partie unsere Lehren ziehen, haben wir noch eine Chance auf das Viertelfinale.'"

Angesprochen darauf, dass sein Team vielleicht nicht von Beginn weg hätte versuchen sollen, das Spiel zu machen, sondern sich stattdessen ganz aufs Kontern zu verlegen, meinte Hiddink: "Wir haben nicht ein Team, das nur kontern kann. Außerdem dürfen wir uns, wenn wir auf lange Sicht etwas auf der internationalen Bühne erreichen wollen, nicht nur zurückziehen, sondern müssen modernen Fußball spielen."

Jetzt kommt der Titelverteidiger
Die nächste Gelegenheit dazu bekommen die Russen gegen Titelverteidiger Griechenland, der ebenfalls sein Auftaktspiel gegen Schweden 0:2 (0:0) verlor. Da auch die Griechen, die vor vier Jahren auf dem Weg zum Titel nur gegen Russland in der Gruppenphase 1:2 verloren hatten, bei einer Niederlage bereits nach dem zweiten Match vorzeitig ausgeschieden sein könnten, darf man gespannt sein, welche Strategie "Trainerfuchs" Hiddink austüftelt, um den Abwehr-Beton-Riegel von Hellas zu knacken und gleichzeitig sein Team vor tödlichen Kontern zu bewahren.

Nicht nur für die "Sbornaja", die seit dem Zerfall der Sowjetunion bei einer Fußball-WM bzw. -EM bisher nie den Sprung in die K.o.-Phase geschafft hat, steht gegen Griechenland viel auf dem Spiel. Auch für Hiddink, der sich bereits seit längerem per Handschlag mit dem russischen Verband über eine Verlängerung seines Vertrages bis zur WM-Endrunde 2010 in Südafrika geeinigt hat. Denn sollten die Russen wie vor 2004 in Portugal schon nach dem zweiten EM-Gruppenspiel aus dem Aufstiegsrennen sein, dann wackelt wohl der Trainerstuhl des Niederländers.

(apa/red)