Russland entwickelt breite Mittelschicht:
Das Riesenreich löst sich von alten Klischees

Kellner dürfen großzügiges Trinkgeld erwarten Wodka gleichzeitig nur mit Essen und Trinksprüchen

Russland entwickelt breite Mittelschicht:
Das Riesenreich löst sich von alten Klischees © Bild: Reuters/Karpukhin

Das arme Land mit den armen Menschen, die außer den Ressourcen ihres Staates nichts anzubieten hätten, das war einmal. Auch die Geschichte von den Superreichen und Oligarchen, die bündelweise mit Geld um sich werfen, ist eine der 90er Jahre. Russland 2008 befindet sich im Umbruch und auf dem Weg, ein durchschnittlicher europäischer Staat mit einer breiten Mittelschicht zu werden. Immer breitere Schichten würden reisen, nach London oder auch nach Österreich. "Das ist normal", sagte Tatjana Kupalowa, Botschaftssekretärin der Russischen Föderation in Wien.

Als Indiz dafür, dass sich die Bevölkerung auf dem Weg zu mehr Wohlstand befindet, brachte Kupalowas Kollege Nikolai Tschugunow eine Umfrage ins Spiel: "60 Prozent der Bevölkerung in Russland glauben, dass sie der Mittelklasse angehören. Es mag schon stimmen, dass sie im Vergleich zu den Mittelschichten in westeuropäischen Staaten weniger bekommen. Aber sie geben selbst an, dass sie sich etwas leisten können, dass sie ihre Bildung finanzieren können und so weiter."

Das Image von den mit Geld um sich werfenden Russen kommt vielleicht auch daher, dass die Touristen der Föderation tendenziell zu viel Trinkgeld geben. In den kleinen Dörfern etwa sei das Trinkgeld geben nicht sehr üblich - schließlich kennt man sich ja untereinander -, da wird im Zweifelsfall lieber zu viel als zu wenig am Tisch hinterlassen. Einen Tipp hatte Kupalowa auch für österreichische Gastronomen, die russische Gäste erwarten: "Wer auf russisch 'herzlich willkommen' anschreibt, könnte um 60 Prozent mehr Trinkgeld bekommen."

Russen Neuem aufgeschlossen
Welche Lokale die Fans aus Russland aufsuchen werden? "Immer die nächsten", sagte Kupalowa mit einem Augenzwinkern. Generell seien die Gäste aus ihrem Heimatland sehr aufgeschlossen, dementsprechend können sich Lokale mit dem klassisch landesüblichen Angebot freuen. Russische Lokale würden hingegen kaum von der EURO profitieren, auch nicht, wenn Russland in Wien spielen sollte. "Wenn sie nach Moskau fahren würden, würden sie bewusst nach österreichischen Lokalen Ausschau halten?", fragte Tschugunow.

Kupalowa und ihr Kollege räumten auch mit einem weiteren Vorurteil auf: dem vom ständig Wodka in Unmengen konsumierenden Russen. "Wenn wir Wodka trinken, gibt es immer auch etwas zu essen", erläuterte die Botschaftssekretärin. Zumindest Salzgurken oder andere saure Sachen, aber auch Erdäpfel (warm), Lachs oder Extrawurst werden gereicht.

Ein Trinkspruch muss sein
Vor allem ist Wodka in Russland ein Getränk zum Feiern. "Und wenn Russen feiern, dann richtig", sagte Tschugunow. Eigenheiten gibt es auch hier: "Es werden niemals zwei Gläser Wodka getrunken. Entweder eines oder drei." Genauso wenig wird eine fast leere Flasche stehen gelassen. Wodka wird nie ohne etwas zu sagen getrunken. Immer wird ein Toast gesprochen. "In Russland sind Bücher über Toasts erschienen, zu verschiedensten Themen", erzählte Kupalowa.

Die Mannschaft der Föderation wird nach Meinung Kupalowas und Tschugunows übrigens vor allem von Fans aus der Mittelschicht unterstützt werden. Natürlich sei es möglich, dass einige sogenannte Oligarchen kommen. Roman Abramowitsch und Oleg Deripaska seien ja sehr fußballbegeistert. Ob Präsident Wladimir Putin kommt, ist noch völlig offen.

Ein heimischer Mobilfunk- und Internetanbieter könnte jedenfalls während der EURO 2008 durchaus ein Problem mit einem seiner Angebote und den russischen Fans bekommen: Denn Russen verstehen unter "Hui" etwas ganz Anderes. Ausgesprochen "ui", aber transkribiert "Hui", handelt es sich um eines der schlimmsten Schimpfwörter im Russischen. One, das betreffende Mobilfunkunternehmen, erklärte, dass man natürlich den russischen Besuchern mit Respekt begegnen wolle. Es gebe im Moment keinen Focus auf eine Werbung für H.U.I., betonte eine Sprecherin im APA-Gespräch.

"Jetzt no die Reblaus, dann san's waach"
Natürlich gibt es auch gemeinsame historische Berührungspunkte zwischen Österreich und Russland. So gab es einen massiven Interessenskonflikt auf dem Balkan zwischen der Donaumonarchie und dem Zarenreich. Berühmt ist die Anekdote im Vorfeld des Abzugs der alliierten Truppen aus der Zweiten Republik, bei der Außenminister Leopold Figl zu Bundeskanzler Julius Raab im Zuge langwieriger Verhandlungen in einem für gute Rebensäfte bekannten Lokal gesagt haben soll: "Jetzt no die Reblaus, dann san's waach." Gemeint waren die sowjetischen Verhandlungspartner, die in der Folge ihre Zustimmung zum Staatsvertrag gegeben haben sollen. Aus der jüngsten Vergangenheit ist unter anderem der Besuch Putins in Wien aus dem Vorjahr zu nennen.
(apa/red)