Russland von

Abschied von Boris Nemzow

Tausende Menschen erwiesen dem ermordeten Oppositionspolitiker die letzte Ehre

Russland - Abschied von Boris Nemzow © Bild: APA/EPA/SERGEI ILNITSKY

Vier Tage nach seiner kaltblütigen Ermordung haben tausende Menschen dem führenden russischen Oppositionspolitiker Boris Nemzow die letzte Ehre erwiesen. Vor dem Sacharow-Zentrum für Menschenrechte, in dem der Sarg des Putin-Kritikers aufgebahrt war, stauten sich am Dienstag die Trauernden viele hunderte Meter. Am Nachmittag wurde Nemzow auf dem Trojekurowskoje-Friedhof beigesetzt.

Am offenen Sarg standen die Kinder des Verstorbenen und seine Mutter Dina Eidman und kämpften gegen die Tränen. Freunde, bekannte Persönlichkeiten und Fremde legten Blumen nieder. Als der Sarg später zum Friedhof gefahren wurde, säumten tausende Menschen die von Polizisten abgeschirmte Strecke und warfen Blumen auf die Straße. Die russischen Behörden untersagten mehreren ausländischen Politikern die Einreise, was den Protest der EU hervorrief.

"Wir sind gekommen, weil wir uns für unser Land, unser Volk schämen, dass wir so etwas geschehen ließen", sagte einer der Trauernden, der Arzt Dmitri Afanassjew. "Putin ist schuld. Aber wir auch." Die Psychologin Maria Konjakowa sagte, sie habe sich Nemzow nahe gefühlt. "Er war ein Mann mit Prinzipien, ein charismatischer Mann." Ein anderer Trauernder, Wladimir Schlamin, sagte, der Tod Nemzows sei ein "Schock". "Das System hat ihn umgebracht. Wir sind gegen ein System, das großartige Menschen tötet."

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Präsident Wladimir Putin - den Nemzow immer wieder für seine Ukraine-Politik hart kritisiert hatte - blieb den Trauerfeierlichkeiten fern, ebenso Ministerpräsident Dmitri Medwedew. Dieser schickte einen Kranz und entsandte die Vizeregierungschefs Arkadi Dworkowitsch und Sergej Prichodko. Beide trugen einen Strauß roter Rosen in den Händen.

Polit-Prominenz unter Trauernden

Unter den Trauernden waren auch der zur Opposition übergelaufene Ex-Ministerpräsident Michail Kassjanow und die Witwe des früheren Staatschefs Boris Jelzin, unter dem Nemzow als Vize-Regierungschef diente. Aus Polen kam Vizeaußenminister Konrad Pawlik, aus Litauen Außenminister Linas Linkevicius.´

Für Deutschland nahmen der Russlandkoordinator der Bundesregierung, Gernot Erler (SPD) sowie der deutsche Botschafter Rüdiger von Fritsch teil. Erler sagte im ZDF-"Morgenmagazin", er nehme an der Trauerfeier teil, "um ein Zeichen zu setzen, dass wir glauben, dass es ein anderes Russland gibt".

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Der derzeit wohl einflussreichste Putin-Gegner, Alexej Nawalny, durfte nicht von seinem Weggefährten Abschied nehmen, weil er unter Hausarrest steht. Den polnischen Senatspräsidenten Bogdan Borusewicz ließen die Behörden nicht ins Land - als Reaktion auf die von der EU verhängten Sanktionen. Auch die lettische Europaabgeordneten Sandra Kalniete von der konservativen Europäischen Volkspartei (EVP) durfte nicht einreisen.

"Kleinliches" Moskau

Erler warf Moskau "eine Kleinlichkeit" vor, "die man kaum nachvollziehen kann". Die EU-Kommission erklärte die Einreiseverbote zu einem "klaren Bruch" mit grundlegenden Prinzipien. EU-Parlamentspräsident Martin Schulz (SPD) sprach von einem "Affront gegen die Beziehungen zwischen der EU und Russland und die Arbeit demokratischer Institutionen".

Nemzows ukrainische Lebensgefährtin Ganna Durizka war am Montagabend in ihre Heimat zurückgekehrt. Die 23-Jährige ist die Hauptaugenzeugin des Mordes an Nemzow: Sie war mit dem 55-Jährigen unterwegs, als dieser in der Nacht zum Samstag auf einer Brücke vor den Kreml-Mauern mit mehreren Schüssen in den Rücken getötet wurde. Nach eigenen Angaben wurde sie anschließend tagelang in Moskau gegen ihren Willen festgehalten. Ein Sprecher des russischen Ermittlungskomitees wies dies am Dienstag zurück.

Die deutsche Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) sagte in Berlin, die Ermordung Nemzows sei "ein schwerwiegender Vorgang" und "ein trauriges Ereignis". "Wir erwarten, dass alles daran gesetzt wird, dass dieser Mord aufgeklärt wird." Die Bundesregierung wolle sich dafür einsetzen, dass auch Andersdenkende "eine Chance haben, ihre Gedanken zu artikulieren".

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