'Rumo a Hexa': Brasiliens WM-Euphorie als seltsamer Zwiespalt aus Karneval und Kritik

Medien greifen Trainer nach glanzlosem Spiel an "Sehr schön spielen ist nicht wichtig, gewinnen schon"

"Rumo a Hexa", auf zur Sechsten, ist der Auftrag der brasilianischen Fußball-Fans an ihre Selecao. Nach dem 3:0-Sieg im Achtelfinale gegen Ghana fehlen Brasilien noch drei Siege zum sechsten WM-Titel. Und dennoch sieht sich Teamchef Carlos Alberto Parreira Kritik ausgesetzt. Denn der große WM-Favorit ist zwar souverän ins Viertelfinale am Samstag (LIVE ab 21:00 Uhr auf NETWORLD) in Frankfurt gegen Frankreich eingezogen, allerdings fehlt die erwartete Brillanz im Spiel.

Bei den Fans herrscht aber bereits Karnevalsstimmung. Selbst mehrere Stunden nach dem Achtelfinalsieg feierten in Rio de Janeiro noch Zehntausende in den Landesfarben gelb und grün gekleidet bei viel Samba und Caipirinha auf den Straßen. Nicht nur in Rio, sondern auch in der Wirtschaftsmetropole Sao Paulo und andere Städten explodierten "Feuerwerke" aus Böllern, Jubelgesängen und Samba-Musik.

Auch Lula ist euphorisch
Euphorie verbreitete auch Staatspräsident Luiz Lula da Silva. Nachdem er sich im Präsidentenpalast in Brasilia eingeschlossen hatte, um das Spiel mit Gattin Marisa und 21 Ministern zu verfolgen, jubelte der Ex-Gewerkschaftsführer: "Unsere zukünftigen Gegner müssen richtig in Sorge sein". Millionen sangen derweil auf den Straßen: "Ich bin Brasilianer, mit viel Stolz, mit viel Liebe".

Die "Copa", die WM, stellt dieser Tage in Brasilien alles in den Schatten, ist wichtiger als Politik oder Geschäfte. Die Börse in Sao Paulo schloss schon vor der Mittagszeit. Die meisten Schulen, Läden und Firmen hatten ohnehin gar nicht erst geöffnet. Zum Glück der brasilianischen Firmenbetreiber ist das nächste Spiel aber wenigstens am Wochenende. "Lasst die Franzosen kommen", schrie derweil der Kommentator der TV-Senders "O Globo" nach dem Abpfiff.

"Brasilien hat nicht schön gespielt"
Experten und Medien wollten unterdessen nicht in den Chor der Optimisten und grenzenlos Glücklichen einstimmen. "Brasilien hat nicht schön gespielt. Aber ich glaube, dass die WM für unsere Nationalspieler erst jetzt anfängt", meinte der frühere Nationaltrainer Emerson Leao. "Brasilien gewinnt 3:0, stellt Rekorde auf ... aber nicht einmal Parreira war zufrieden", titelte etwa die Zeitung "Folha de Sao Paulo".

Während andere Medien "Bürokraten"-Fußball der "Selecao" kritisierten, warnte der angesehene Sportjournalist Juca Kfouri: "Der Sieg gegen Ghana war einfach, aber trügerisch". Die Zeitung "Estado de Sao Paulo" hob aber hervor: Spieler wie Cafu und Kaka hätten schon vor dem Spiel gesagt, bei der WM sei das Vorwärtskommen wichtiger als Spektakel.

So sieht es auch Parreira, der den Erfolg über die Show stellt. "Warum müssen wir schön spielen, wenn es andere auch nicht machen. Die Geschichte spricht nicht über das schöne Spiel, sondern über Champions. Und die Geschichte besagt fünf WM-Titel", sagte Parreira, der Brasilien 1994 in den USA schon zum vierten Titel geführt hatte. "Sehr schön spielen ist nicht wichtig, gewinnen schon", so Parreira.

Parreira gestand Fehler und überhastetes Spiel ein. Aber "in der zweiten Hälfte waren wir besser, haben den Ball am Boden gelassen und wenn wir das machen, steht Brasilien über jedem Gegner".

(apa/red)