Rumänien zwischen kulturellem Reichtum und großer Armut: Land voller Gegensätze

Traumhaftes Donau-Delta und wild-schöne Karpaten Große Investitionen österreichischer Unternehmen

Rumänien zwischen kulturellem Reichtum und großer Armut: Land voller Gegensätze © Bild: Reuters/Cristel

Wer schon einmal an einem lauen Sommerabend am Unirii, dem Hauptplatz von Timisoara (Temesvar), in einem der vielen Cafes gemütlich ein Bierchen geschlürft oder an einem Espresso genippt hat, der war zur selben Zeit an drei völlig unterschiedlichen Orten. Die Mischung aus italienischer Akustik, altösterreichischer Architektur und allgegenwärtiger Armut ist typisch für Rumänien, einem Land der extremen Gegensätze.

Rumänien, das einstige Königreich, von seinen Herrschern seit jeher und von Diktator Nicolae Ceausescu ganz besonders ausgebeutet und ausgehungert, hat alle Chancen, so viel ist klar. Wirtschaftlich sowieso, das haben österreichische Banken und Bauunternehmen schon bald nach der Revolution im Dezember 1989 erkannt. Kaum ein Gerichtsbezirk (Judetul), kaum eine Kleinstadt, wo nicht irgendwo eine Raiffeisen-Filiale, eine Strabag-Niederlassung oder eine Baumit-Zweigstelle beheimatet ist. Und spätestens seit Sibiu, das ehemalige Hermannstadt, im Jahr 2007 Kulturhauptstadt Europas war, haben viele Westeuropäer Rumänien als Urlaubsland entdeckt.

Die überirdisch blauen Moldau-Klöster, das traumhafte Donau-Delta, die sagenumwobene Berglandschaft der Karpaten, die endlosen Wälder der Maramuresch, das verwunschene Transsylvanien (Siebenbürgen), das stolze ungarische Sekler-Land, die saftig grüne Bukowina, das flache, weitläufige Banat - Rumänien hat unendlich viel fürs Auge zu bieten. Und auch für den Gaumen: Freunde der rumänischen Küche sollten allerdings keine Kalorienzähler sein. Selbst die Suppen (Ciorba) sind deftig, ganz zu schweigen vom Nationalgericht Mamaliga, einer Polenta-Verwandten, die meist mit Kraut, Fleisch und reichlich Rahm aufgetischt wird. Dazu konveniert ein kräftiges Bier, das die Rumänen ebenso vortrefflich herzustellen vermögen wie Wein. Gemüse wird leider viel zu oft totgekocht, dabei schmecken Paradeiser, Gurken, überhaupt alles Essbare, das aus rumänischem Boden sprießt, um ein Vielfaches besser als im westlichen Europa.

Furchtbare Straßenverhältnisse
Was Touristen derzeit noch am stärksten davon abhält, Rumänien zu besuchen, sind die katastrophalen Straßenverhältnisse. Es kann ohne weiteres vorkommen, dass man auf dem Weg zu einer Top-Sehenswürdigkeit das Auto wieder wenden muss, weil zu befürchten ist, dass die Reifen von ruinösem Asphalt dahingerafft werden. Oder, dass einen, eingekeilt zwischen Lkw-Kolonnen, urplötzlich die Reiselust verlässt.

Bis auf ein kurzes Stück, ist Rumänien autobahnfrei - es gilt: Pro Stunde 50 Kilometer. Schneller kommt man einfach nicht voran. Weder mit den Nationalfahrzeugen, den Dacias, noch mit einer jener Nobelkarossen, die immer zahlreicher durch Stadt und über Land jagen. Nirgends und zu keiner Zeit. Schwerverkehr, Schlaglöcher, Pferdefuhrwerke (unbeleuchtet, auch bei nachts) und gemeingefährlich holprige Bahnübergänge haben schon unzähligen Stoßdämpfern und Reifen den Garaus gemacht. Viele Rumänen schämen sich deswegen und meinen, es sei nicht anders zu erwarten, bei diesen Politikern. Die gesellschaftliche Akzeptanz der Volksvertreter ist traditionell miserabel, auch die EU genießt ein nicht allzu hohes Ansehen.

Drei Millionen Roma in Armut
Was bei aller Euphorie über Wirtschaftswachstum und Aufschwung nicht übersehen werden sollte: Unter den etwa 22 Millionen Rumänen, die sich rund die dreifache Fläche Österreichs teilen, leben Schätzungen zufolge drei Millionen Roma. Geächtet, verstoßen und diskriminiert vegetieren sie in eigens für sie geschaffenen Ghettos dahin. In einem Land, wo selbst die "weiße" Bevölkerung kaum das Geld für Wohnen, Heizen und medizinische Versorgung aufbringt, gelten Roma längst als brennende Lunte, die das soziale Pulverfass jederzeit zum Explodieren bringen könnte.

Während der EURO 2008 werden diese schwerwiegenden sozialen Probleme wohl für einige Wochen vergessen und verdrängt sein. Der Vielvölkerstaat hat dabei großes Glück. Denn nahezu alle Hauptminderheiten des Landes - Serben, Ungarn, Ukrainer, Bulgaren - sind bei dem fußballerischen Mega-Event nicht dabei und werden wohl ihre Daumen für Rumänien drücken. Die rumänische Sprache ist übrigens der italienischen ziemlich ähnlich, "Guten Abend" heißt zum Beispiel "buna seara". Aufpassen sollten Österreicher allerdings, wenn sie mit Rumänen anstoßen: "Prost" bedeutet auf rumänisch nämlich so viel wie "Trottel".
(apa/red)