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Rückblick auf die DDR:
"Träumen verboten"

Chronik - Rückblick auf die DDR:
"Träumen verboten" © Bild: News/Herrgott

News-Chefredakteurin Kathrin Gulnerits wuchs in Leipzig auf. Sie war 17 Jahre jung, als die Mauer fiel. Im Gespräch mit News-Reporterin Saskia Wolfesberger beschreibt sie ihre Kindheit und Jugend in der DDR

Wie bist du aufgewachsen?
Nicht in einem Plattenbau, aber es sah ähnlich aus. 60 Quadratmeter, Küche, Bad, ein Kinderzimmer, das ich mir mit meinem Bruder geteilt habe. Das war mitten in Leipzig.

Was haben deine Eltern beruflich gemacht?
Mein Vater war Parkettbodenleger. Der hat Holzböden verlegt. Meine Mutter war Köchin und hat halbtags gearbeitet. Ich komme aus einer klassischen Arbeiterfamilie.

War es wirklich so, wie ich es mir vorstelle, dass Wohnungen in der DDR vom Staat zugeteilt wurden?
Meine Eltern haben erzählt, dass sie heiraten mussten, um eine Wohnung zu bekommen. Unsere wurde damals noch gebaut, und meine Eltern mussten dabei helfen. Aber Zuteilung trifft es schon ganz gut.

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Hätten deine Eltern nach einer größeren Wohnung fragen können? Das war bestimmt ziemlich eng.
Nein. Danach haben meine Eltern nicht gefragt. Ich habe nie das Gefühl gehabt, dass meine Eltern unsere Wohnung als beengend empfunden hätten. Es war halt so. Meine Eltern wurden so sozialisiert, die Dinge so zu nehmen, wie sie sind. Und wir auch.

Wie haben deine Eltern über die DDR gesprochen? Mit welchem Verständnis bist du aufgewachsen?
Ich bin mit dem Satz aufgewachsen: Klappe halten! Nach außen hin waren wir eine angepasste DDR-Familie. Aber ich habe meine Eltern als sehr offen erlebt. Wir haben zum Beispiel nie DDR-Fernsehen geschaut. Mein Vater hat eine selbstgebastelte Antenne aufs Dach gestellt, und damit konnten wir West-Fernsehen empfangen. Wir haben Tagesschau gesehen, den "Presseclub" am Sonntag in der ARD und "Dallas".

Aber war das nicht gefährlich? Ich kann mir vorstellen, dass ihr das leise drehen musstet.
Nein. Das war unausgesprochen, dass das schon irgendwie geht. Jeder hatte diese selbstgebastelten Antennen am Dach. Jeder hat West-Fernsehen geschaut. ZDF reinkriegen war schwierig, "Denver Clan" war nicht. Aber "Dallas" ging gut. In der Familie intern haben wir offen darüber gesprochen. Mein Vater hat gesagt: Red halt nicht in der Schule darüber.

War das typisch für eine DDR-Familie, dass sie nach außen hin ganz anders waren?
Es hat niemand darüber gesprochen. Jeder hat gewusst wer so eine Antenne am Dach hat. Trotzdem gab es in jedem Haus auch Stasi-Leute. Unser Nachbar über uns hat für die Staatssicherheit gearbeitet. Das haben alle gewusst. Der hat hin und wieder die Hausgemeinschaft eingeladen, und meine Eltern haben gestöhnt: Jetzt will er wieder alle ausquetschen. So was hat man als DDR-Bürger mitgelernt.

Hast du die Mauer gesehen?
Nein. Wir waren nie in Berlin. Aber wir haben uns im Grenzgebiet an der "grünen" Grenze aufgehalten. Weit vor der eigentlichen Grenze waren Schilder aufgestellt: Achtung, Sperrzone. Wir wussten, dass wir da keinen Fuß reinsetzen dürfen. In dieser Gegend sind wir immer kontrolliert worden.

»Ich habe es schießen gehört. Mein Vater erklärte, dass nur Hasen erschossen werden.«

Kannst du dich daran erinnern, wie du diese Sperrzone zum ersten Mal bewusst gesehen hast? Das muss doch komisch für ein Kind sein.
Ich habe es schießen gehört. Mein Vater hat mir erzählt, dass ich gefragt habe, was das sei. Er erklärte, dass nur Hasen erschossen werden. Und meine Mutter hat immer gesagt, dass dahinter ein super Pilzwald ist, weil da niemand rein darf.

Du warst die meiste Zeit in der DDR Schülerin, richtig?
Die ganze Zeit. Zehn Jahre sind alle in die gemeinsame Schule gegangen. Ab der 8. Klasse gab es Spezialschulen für Russisch, Mathematik und Musikerziehung.

Ich nehme an, dass man sich das nicht aussuchen konnte, worauf man sich spezialisieren wollte?
Nein. Wir sind eingeteilt worden. Ich weiß nicht mal, nach welchen Kriterien. Ich musste auf jeden Fall auf die Schule mit der Musikerziehung. Die war etwas außerhalb von Leipzig. Ich hätte Lehrerin für Musik und Deutsch werden sollen.

Wie war das als Schülerin in der DDR? Musstet ihr Uniform tragen?
Es gab eine Uniform, die man zu besonderen Anlässen getragen hat. Als junges Schulkind war es das blaue Halstuch und die weiße Bluse. Danach das rote Halstuch. Nach der Jugendweihe, mit 14 Jahren, durfte man das FDJ-Hemd tragen.

Das war der kommunistische Jugendverband. Wie hat die SED das Klassenzimmer sonst kontrolliert?
Es gab Rituale. Morgens hat man aufstehen müssen, wenn die Lehrerin in die Klasse kam. Sie hat uns mit den Worten begrüßt: Für Frieden und Sozialismus seid bereit. Wir haben geantwortet mit: Immer bereit.

»Ich hab das FDJ-Hemd offen getragen. Das hatte einen gewissen Coolness- Faktor.«

Kam dir das nicht merkwürdig vor?
Nein, in diesem Alter nicht. Es war halt so. Nach der Jugendweihe wurde man mit "Freundschaft" begrüßt. Da war ich sogar mächtig stolz drauf, dass ich soweit war. Ich hab das FDJ-Hemd offen getragen. Das hatte einen gewissen Coolness- Faktor.

Das hört sich alles nicht so schlimm an.
Schlimm war, dass wir keine Meinung haben durften. Zum Beispiel kam irgendwann jemand bei uns in die Klasse und teilte uns ein: Du wirst Schwimmer, Du wirst Ringer, Du wirst Leichtathlet. Wir musste nicht mal vorturnen. Die haben das von der Statur her bestimmt. Ich wurde zum Kunstturmspringen eingeteilt. Meine Eltern wurden nicht gefragt. Ab dem Tag musste mich meine Mutter fünf Mal in der Woche nach der Schule in das Leistungszentrum bringen und zuschauen, wie ich da ausgebildet werde.

Für Olympia oder wie?
Ja, ich hatte die Berufungsurkunde für den Olympiakader.

Aber wenn meine Mutter von mir als Kind was wollte, dann habe ich das ziemlich häufig nicht gemacht. Warst du so brav?
Das war alternativlos. Das klingt jetzt arg. Heute würde ich das alles in Frage stellen. Aber damals hat man nichts in Frage gestellt. Man wollte Ärger vermeiden.

Hattest du denn keine Angst?
Ich weiß noch, wie ich auf dem Fünfmeterbrett stand. Vor mir zehn andere Kinder, und dann hieß es: runterspringen. Entweder freiwillig, oder du wirst gestoßen. Ich hab gesehen, wie sie die Kinder gestoßen haben. Ich habe für mich entschieden, dass ich lieber selber springe.

Das ist brutal.
Ich konnte auch nicht schwimmen, als ich das erste Mal ins Wasser gesprungen bin. Der Trainer hat gesagt, hüpf rein, und wir holen dich schon raus, bevor du untergehst. Dann bin ich rein, hab gestrampelt wie wild und sie haben mir gnadenhalber eine Stange reingehalten, an der sie mich wieder rausgefischt haben. Diese Härte wurde uns sehr früh antrainiert.

Hattest du einen Berufswunsch? Oder hast du nicht drüber nachgedacht, weil es vorgegeben war, was du wirst?
Ich hatte mir das Träumen verboten, aber ich wollte eigentlich immer Journalistin werden. In Leipzig gab es das sogenannte Rote Kloster. Da wurden die DDR-Journalisten ausgebildet. Dafür hätte man Parteimitglied werden müssen. Das hat mein Vater für unsere Familie immer abgelehnt.

»Angeblich hat jeder Dritte in der Schulklasse für die Stasi gearbeitet.«

Ich stelle mir vor, dass man als Nicht-Parteimitglied besonders unter Beobachtung stand. War das so?
Nein, ich glaube nicht. Man war sowieso ständig unter Beobachtung. Angeblich hat jeder Dritte in der Schulklasse für die Stasi gearbeitet. Wenn ich mir meine Schulklasse von damals anschaue, dann tue ich mir schwer, jemanden zu verdächtigen.

Hast du jemals recherchiert, ob es eine Stasi-Akte von dir gibt?
Nein. Ich habe den ausgefüllten Antrag zuhause liegen. Mein Vater hat immer gesagt: Lass es ruhen.

Hast du im Nachhinein von jemandem erfahren, dass er bei Stasi war oder bespitzelt wurde?
Nein. Nicht aus meinem Umfeld. Es war auch immer ein Tabuthema.

Und das ist bis heute ein Tabuthema in Leipzig?
Schon. Wir reden nicht drüber. Ich hab für mich keine Lösung gefunden, ob ich diesen Antrag abgebe. Wenn nichts da ist, ist das gut. Aber wenn was da ist?

Hast du Angst davor, dass es jemanden aus deinem Umfeld gibt, der bei der Stasi war?
Natürlich. Ich schiebe es weg, um nicht damit konfrontiert zu werden. Vielleicht war es doch die beste Freundin aus der Schule.

Aber euer Nachbar damals, den du erwähnt hast, der war offen damit umgegangen, dass er bei der Stasi war?
Nein. Das hat man einfach gewusst. Das hat man dem angesehen, so blöd das auch klingt. Der hat immer viel gefragt, das war auffällig. Aber wahrscheinlich haben wir das alle voneinander geglaubt. Wir wussten nur sicher, wir waren es nicht.

Ihr habt mit einem ständigen Misstrauen gelebt?
Ja, natürlich.

Habt ihr nie darüber nachgedacht zu fliehen?
Das war ja kein Spaziergang da rüber. Meine Eltern wussten, dass das gefährlich war. Jeder hat gewusst, dass, wenn du bei der Republikflucht gefasst wirst, das Zuchthaus bedeutet. Dass deine Kinder ins Heim kommen.

»Meine Eltern haben uns eine heile Welt zurechtgezimmert. Es gab ja nichts in der DDR.«

Wann hast du das erste Mal gemerkt, in welchem Land du lebst?
Eigentlich erst, als es vorbei war. Meine Eltern haben uns eine heile Welt zurechtgezimmert. Es gab ja nichts in der DDR. Aber zu Weihnachten haben mein Bruder und ich zwei Wäschekörbe Geschenke aus dem Schlafzimmer holen dürfen. Das haben sie das ganze Jahr vorher zusammengetragen. Und wer in der DDR aufgewachsen ist, der weiß, was das heißt. Das war alles Bückware.

Was ist Bückware?
Dinge, die es selten gab. Mein Vater hat vom sogenannten Personaleinkauf profitiert. Eine Stunde vor Öffnung der Warenhäuser durften die Bauarbeiter einkaufen. Und wenn gerade eine Lieferung von Kassettenrecordern oder Farbfernseher da war und du das Geld gehabt hast, war das Glück. Über so einen Wareneinkauf vor Ladenöffnungszeit haben wir unseren Farbfernseher bekommen.

Du bist ein modischer Typ. Ich stelle mir vor, dass es nicht einfach war, dass du in der DDR stylische Klamotten kaufen konntest?
Ich kann mich erinnern, dass ich in Halle war, etwa 30 Kilometer von Leipzig. Es hatte geheißen, dass es dort Jeans gibt. Ich hab mich angestellt, ohne zu wissen, ob damit Jeanshosen, Röcke oder Jacken gemeint waren. Es war dann eine schreckliche Schnee-Jeansjacke. Die habe ich trotzdem gekauft. Geschminkt habe ich mich mit schwarzer Wasserfarbe als Wimperntusche. Wir sind mit diesem Dauermangelzustand aufgewachsen. Ich hatte eine glückliche Kindheit, und ich habe das nicht in Frage gestellt. Und zum Glück hatten wir noch die Westpakete.

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Wer hat euch die geschickt?
Leipzig war eine Messestadt. Zweimal im Jahr waren Westdeutsche in der Stadt. Einer hat meinen Bruder nach dem Weg gefragt. Zum Dank hat er ihm ein Westpaket versprochen. Meine Eltern haben meinen Bruder furchtbar zur Sau gemacht, wie er einem Westdeutschen unsere Adresse geben konnte. Aber dann kam rasch darauf das erste Westpaket.

Was war drin?
Ein Jeans-Overall für meinen Bruder. Matchbox-Autos und Aufkleber. Danach hat mein Bruder immer zum Geburtstag ein Paket bekommen, und später gab es zu Weihnachten zwei Pakete. Eins immer mit einem Persil-Waschmittel und ein zweites typisches Westpaket mit Milka-Schokolade, Kaffee, Seife und vielleicht mal einem Glas Nutella.

Das hat alles dieser Mann geschickt, der einmal deinen Bruder nach dem Weg fragte?
Ja, bis zum Mauerfall. Er hat auch Briefe geschickt und darin verklausuliert erklärt, in welchen Klamotten, die er mitschickte, Geld eingenäht war.

Hast du Kontakt zu ihm?
Der ist abgebrochen. Meine Eltern haben ihm auch Dinge geschickt. Sie hatten das Bedürfnis, etwas zurückzugeben. Wir haben ihm Bücher geschickt, Leipzig war ja Buchstadt. Oder Kunsthandwerk. So ein Räuchermännchen aus dem Erzgebirge. Dann sind die Briefe immer hin und her gegangen.

Gab es nie ein Problem mit dem Zoll?
Doch. Ganz oft waren die Pakete aufgerissen. Das Bild vom Schoko-Osterhasen, der zerdrückt bei uns ankam, werde ich nicht vergessen.

Wie hast du das Ende der DDR erlebt?
Ich kann mich an sehr wenig erinnern, weil ich vieles verdrängt habe. Ich weiß noch, dass wir am 9. Oktober 1989 früher Schulschluss hatten. An diesem Tag fand die erste richtig große Montagsdemonstration statt. Der Freund meiner Freundin war bei der Armee und warnte uns. Er sei in Alarmbereitschaft gerufen worden, es würden Blutkonserven nach Leipzig gebracht. Dazu kam, dass wir die Bilder von der Niederschlagung des Volksaufstands in China im Kopf hatten. Unser Haus stand in einer Zufahrtsstraße zur Innenstadt. Ich stand am Kinderzimmerfenster, die Straße war menschenleer, totenstill, und dann fuhren die Wasserwerfer und die Armeefahrzeuge. Wir sind zuhause geblieben. Wir waren nicht mutig genug, dass wir auf die Straße gehen. Aber es waren zum Glück 70.000 andere, die mutig waren.

»Im Fernsehen haben wir gesehen, wie sie die DDR-Fahne runterholten. Und ich dachte nur, das war's jetzt?«

Was hat dich noch geprägt?
Der wohl berühmteste Halbsatz der Geschichte in der Prager Botschaft von Hans-Dietrich Genscher im September 89. Da bekomme ich heute noch Gänsehaut. Ich saß vor dem Fernseher und hab mir gedacht, ihr Verräter, ihr verlasst uns jetzt. Ich war enttäuscht. Die dürfen gehen, und wir müssen bleiben. Zu diesem Zeitpunkt hat ja niemand gewusst, dass im November für uns alle die Tore offen stehen.

Wie war die Wiedervereinigung für dich?
Der 3. Oktober 1989, das war arg. Meine Eltern saßen auf der Couch, der obligatorische Rotkäppchen-Sekt auf dem Tisch. Im Fernsehen haben wir gesehen, wie sie die DDR-Fahne runterholten. Sie haben sie zusammengefaltet und einem Soldaten in die Hand gedrückt. Der hat sie weggetragen, und ich dachte nur, wie, das war's jetzt? Am nächsten Tag haben wir in der Schule einen Zettel mit der Bundesdeutschen Hymne bekommen. Die sollten wir lernen und singen. Das ging mir zu schnell. Das fand ich schräg.

An den Mauerfall selbst kannst du dich nicht erinnern, hast du mal gesagt.
Nein. Es ist wie ausgeblendet. Jeder weiß, was er am Tag des Mauerfalls gemacht hat. Nur ich nicht.

Der Beitrag ist ursprünglich in der Printausgabe von News 45/2019 erschienen.