Im Steinbruch

Bei den rollenden Steinen herrscht Schweigen zum Jubiläum - was ist los?

von
Rolling Stones - Im Steinbruch

Unter der Wucht dieses Jubiläums müsste die Erde beben. Aber es bleibt fast still, und die Begründung der Jubilare versetzt die Popwelt in eine Befindlichkeit zwischen Staunen und Sorge. "Wir sind einfach noch nicht bereit“, ließen Frontman Mick Jagger und sein Gitarrist Keith Richards, beide 68, die Zeitschrift "Rolling Stone“ - wen sonst? - in der vorvergangenen Woche wissen. Nicht bereit, um den fünfzigjährigen Bestand der größten Rock-’n’-Roll-Band der Geschichte zu begehen?

Am 7. April 1962 jammten die beiden erstmals gemeinsam auf der Bühne des Jazzclubs von Ealing, wenig später stieß der Gitarrist Brian Jones zu ihnen. Das Weitere ist Geschichte - lebendige Geschichte, dachte man bis vor kurzem. Und jetzt das: Keine Jubiläums-CD in Sicht, nur ein für Juli avisierter Bildband als karger Tribut. Vor allem aber: keine Tour. Womit sich Befürchtungen von Fans aller Kontinente konkretisieren. Auch Stones-Promoter Michael Cohl weiß keinen Rat. Und Richards’ Nachsatz im Interview nimmt sich auch nur bescheiden aufmunternd aus: "Für nächstes Jahr sieht es etwas realistischer aus.“

"Rock'n'Rau forever"
Dass die Stones ihre Goldene Hochzeit überhaupt noch mit einer Konzertserie zelebrieren werden, bezweifeln Kundige indes ernstlich. "Ich glaube, das wird so bald nicht geschehen“, sagt einer, der sie besser kennt als alle diensthabenden Musikjournalisten mitsammen. Fritz Rau, 82, ist die Legende unter den Konzertveranstaltern. Mit dem Büro "Lippmann + Rau“ hat er die Großen der Musikbranche nach Europa gebracht, die Stones erstmals 1970. Mick Jagger nannte ihn "den Paten von uns allen. Rock ’n’ Rau forever“.

Der Patriarch aber zweifelt daran, dass die Gruppe noch genügend Explosivität für die großen Abenteuer aufzubringen vermag. Das Dilemma ist offensichtlich: Das über die Jahrzehnte kultivierte Image ungezügelter Kraft und sexueller Wollust lässt sich von Herren im Ruhestandsalter nicht so einfach perpetuieren. Rau deutlich zu NEWS: "Der Johannes Heesters konnte noch mit 105 an ein Klavier gelehnt, Da geh ich ins Maxim‘ singen, und die Leute waren begeistert. Aber die Stones müssen pure Energie entwickeln. Und ob sie das noch können, da bin ich mir nicht so sicher.“

Schwächeln
Vor allem Richards schwächelt seit einem Unfall anno 2006, der als "Sturz von der Kokospalme“ durch die Medien ging, aber offenbar andere Ursachen hatte, wie der Patient selbst kryptisch einräumte. Im Gefolge dieses Ereignisses mussten schon während der bis dato letzten Tour - zwischen 2005 bis 2007 unter dem Logo "Bigger Bang“ - immer wieder Auftritte abgesagt oder um Wochen verschoben werden. Dennoch brachte die Tour eine halbe Milliarde Dollar Gewinn.

Wurde Vater Richards geschnupft?
Nun aber sind die vier endgültig in der Altersklasse eingetroffen, in der sich exzessive Lebensführung konditionell bemerkbar macht: Neben den Achtundsechzigern Jagger und Richards gibt Gitarrist Ron Wood mit seinen 64 den Benjamin und Schlagzeuger Charlie Watts mit 70 den Methusalem. Wichtige Gefährten sind auf dem Weg verloren gegangen: Gitarrist Brian Jones ertrank 1969 unter Drogeneinfluss, der ingeniöse Bassist Bill Wyman verließ die Band 1993. Dennoch: "Die Stones haben für ihren Lebenswandel eigentlich ein biblisches Alter erreicht“, merkt Fritz "der Alte“ Rau an. "Trotz aller Rauschmittel, die sie konsumiert haben - und zwar, weil sie damit vernünftig umgegangen sind.“ So wären die Portionen stets unter ärztlicher Beratung vorgemessen und verteilt worden. "Jeden Tag kam ein Bote vorbei und hat jedem seine Portion gegeben. Ich war der Einzige, der nix bekommen hat, weil ich die Abrechnungen machen musste.“ Nachsatz: "Ich hatte aber auch gar kein Bedürfnis.“

Viel Platz für böse Substanzen
In seiner Biografie "Life“ hat Richards den bösen Substanzen viel Platz eingeräumt: Er habe in der Wahl seiner Drogen stets auf höchste Qualität geachtet, sein Stoff sei der reinste auf dem Markt gewesen: "No Shit“, wie er das auszudrücken pflegte. Mittlerweile ist der für sein Schaffen mit dem Norman-Mailer-Preis Ausgezeichnete clean, wie auch Rau bestätigt. Die spektakuläre Enthüllung, er habe sich die Asche seines Vaters mit einer Prise Koks durch die Nase gezogen, nahm er auf Druck des Managements zurück. "So was hört doch die Presse nur zu gerne“, dementierte er halben Herzens.

Die Welt rotiert
Die Stones sind nicht die erste Band, die 50 Jahre Rock ’n’ Roll auf dem Buckel schleppt - da gibt es noch die Beach Boys oder die Hollies -, aber die einzige, die während dieser Jahre immer ganz vorn dabei war. Als der englische Business-School-Zögling Jagger 1961 mit dem Kunsthochschul-Drop-out Richards auf einem Provinzbahnsteig zusammentraf, fanden sie einander gleich sympathisch genug für gemeinsame Aktivitäten.

Die freilich erreichten ein ungeahntes Ausmaß: Sie versetzten die Welt der frühen Sixties, die sich zäh in den Angeln der Konventionen und Repressionen drehte, in rasende Rotation. Am 12. Juli 1962 trat die Band erstmals als "Rollin’ Stones“ (damals noch mit Apostroph) im legendären Londoner Marquee Club auf. Bald danach registrierte nicht nur die Jugend der Insel, "dass die fünf wilden, verwahrlosten, ungezügelten Typen die Welt unserer Eltern verhöhnten“. So erinnert sich der Österreicher Gottfried Helnwein, ein Weltstar der bildenden Kunst, der die Stones später fotografisch porträtierte, an die Zeit des aufziehenden Ungehorsams: "Sie haben uns die lang ersehnte Gegenkultur, ihre Songs den Geschmack von Freiheit gebracht.“

Ende der wilden Zeiten
Nach dem als Straßenkämpferhymne missverstandenen "Street Fighting Man“ war indes Schluss mit den wilden Zeiten. Nicht anders als die sanften Beatles ließen sie aus, als das Sturmjahr 1968 Leitfiguren gebraucht hätte. Jagger demonstrierte zwar noch einmal in London gegen den Vietnamkrieg, ließ sich aber - so will es die Fama wissen - vom Chauffeur nachhause bringen, als die Sache brisant zu werden drohte. Dafür tauchte man, die Nasen voraus, in die wilden Siebziger mit ihren schwer zu vereinbarenden Lebensentwürfen zwischen Anarchie und High Life: Richards flirtete mit bewusstseinsverändernden Substanzen; Jagger heiratete das südamerikanische Supermodel Bianca; und die gesamte Truppe entwich aus steuerlichen Gründen nach Südfrankreich. Dort entstand, vermutlich die Frucht beträchtlicher Langeweile, "Exile on Main Street“, das beste Album, das den Stones je glückte.

Reiche Achtziger
Die Achtziger waren das Jahrzehnt den Reichtums: Jagger hatte mit gigantischen Open-Air-Spektakeln die Geldmaschine angeworfen. Die Outfits wurden immer bizarrer und clownesker, die Arenen immer größer. Bis sich Richards und der zur Solokarriere drängende Jagger überwarfen. Jaggers solistische Erfolge reichten indes an die der Band nicht heran. 1986 unterzeichneten die Stones vor Veröffentlichung des Albums "Dirty Work“ einen neuen Vertrag bei CBS.

Die Stones waren damals eine autonome Weltmacht, was während einer Tournee sogar der argentinische Präsident Carlos Menem zur Kenntnis nehmen musste. Mit der Bemerkung "Ich bin der Präsident des Landes und will die Band begrüßen“ wollte er in den Backstage-Bereich vordringen, doch Chief Security Jim Callaghan schmiss ihn hinaus: "Hier kommt nur rein, wer geladen ist.“

Österreicher-Doku
Die Tour wurde hautnah vom Popfilmer-Duo Rudi Dolezal und Hannes Rossacher dokumentiert. Die Österreicher gewannen das Vertrauen der Band, weil sie eine Rarität wiederfanden: Der betagte Fernsehbericht zeigt das Kind Mick und seinen Bruder Chris, unter der Anleitung von Vater Joe Jagger emsig Gymnastik treibend - der Senior war Sportlehrer und Gestalter eines Fernsehmagazins.

Hält das Publikum?
Nun bringt Rossacher das aktuelle Dilemma auf der Punkt. Schon vor fünf Jahren, als die Stones mit "Bigger Bang“ zuletzt auf Tour gingen, wäre das junge Publikum weggebrochen: "Ein Festival der grauen Panther.“ Es stelle sich weniger die Frage, wann denn die Stones für eine Jubiläumstour bereit wären, als die nach der Bereitschaft des Publikums, einem solchen Ereignis Folge zu leisten. Eine Tour durch mittel-große Hallen und Clubs wäre wohl selbst für Keith Richards konditionell zu bewältigen. Aber sie wäre, andererseits, auch das Ende des Mythos.