Robert Menasse: Die
Abrechnung mit Gernot Blümel

Welch feine Überraschung für den großen Schriftsteller Robert Menasse! Blümels Entourage zensurierte einen Facebook-Beitrag -der ist jetzt Gemeingut. Und Menasse spricht in News.

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Abrechnung mit Gernot Blümel © Bild: Matt Observe

Großartig zu beobachten war das: Was passiert, wenn das türkise Kommunikationsmodell außer Message Control gerät? Da hatte der wahlkämpfende VP-Kandidat Gernot Blümel via Facebook verheißen, Wien "wieder nach vorne" bringen zu wollen. Der österreichische Großschriftsteller Robert Menasse, 66, empfand das im Hinblick auf den schwarzen Bürgermeister Lueger, Hitlers Vorbild, als Drohung. Die Aufforderung "Sag's dem Blümel" nahm er wörtlich (siehe Kasten unten). Aber was er antwortete, war nicht genehm und wurde von der Blümel-Administration gelöscht. Besseres hätte nicht passieren können: Stunden später war Menasses Text Gemeingut.

© Menasse/Facebook

"War Blümels Reaktion überraschend?", fragt der Autor da listig-rhetorisch zum Beginn des News-Gesprächs. "Nicht wirklich, oder? Wir alle wissen ja, wie penibel die Neue ÖVP jede Debatte und alles, was medial über die Türkisen verbreitet wird, unter Kontrolle zu halten versucht. Allerdings hat mich die Dreistigkeit in diesem Fall erschüttert. Der Kandidat Blümel hat eine Facebook-Seite, auf der er zur Diskussion einlädt. ,Sag's dem Blümel'. Ich bin ja nicht viel auf Facebook, aber als ich wieder einmal reinschaute, ist diese Seite bei mir aufgepoppt. Sein Slogan, er wolle Wien wieder nach vorne bringen, hat mich genervt, weil es nicht nur bloßes Politiker-Geschwurbel ist, sondern für Wien ganz und gar unangemessen. Also habe ich mir gedacht, ich sag ihm das, und habe gefragt, auf welche historische Phase sich ,wieder' bezieht und wo seiner Meinung nach ,vorne' ist. Und ich habe ihn daran erinnert, dass seine Partei stets eher blockiert als befördert hat, was Wien heute so lebenswert macht. Er löschte mein Posting und rechtfertigte das mit den Diskussionsforenregeln, ohne diese Regeln selbst einzuhalten."

In der "Pressestunde" legte der frühere Kunstminister Blümel via ORF surreal nach: Menasses Beitrag habe gelöscht werden müssen, um die Verbreitung nationalsozialistischen Gedankenguts zu unterbinden (mehr in den "Spitzentönen" am Ende des Blattes). Das will der maßgebliche jüdische Autor des Landes, in dessen Familie die Nazis gewütet haben, nicht unkommentiert lassen. "Unliebsames, das weder beleidigend oder rüde oder sonst etwas war, zu löschen und dann mir Hass und Nähe zu NS-Gedankengut zu unterstellen, ausgerechnet er mit seiner Nähe zu FP-Gedankengut -das fand ich so niederträchtig, dass es mich doch überrascht hat."

"Zur Kenntlichkeit verzerrt"

Wie zuletzt Lukas Resetarits, der mit einem Interview die Katastrophen-Kunststaatssekretärin Lunacek zu Fall brachte, hat hier abermals ein bedeutender Künstler politischen Unverstand vor die Augen der Öffentlichkeit gebracht. Triumphiert er da nicht?"Nein, ich triumphiere nicht, weil es mir ja grundsätzlich nicht um Erregung, sondern um Diskussion geht. Aber Kandidat Blümel zeigte, dass er damit nicht umgehen kann. In diesem Fall hatte die Erregung, die dadurch entstand, etwas Gutes: weil einen Moment lang sehr deutlich sichtbar wurde, wie die Neue ÖVP arbeitet: ihre Message Control hat sich zur Kenntlichkeit verzerrt."

Dass dieser Treffer über ein soziales Medium erzielt wurde, ist eine Pointe für sich. Denn Menasse zählt zu den einschlägig Restriktivsten. "Die sogenannten sozialen Medien sind heute überaus wirkungsmächtige Realität und ein sehr dialektisches Phänomen", holt er aus. "Sie bieten Chancen und sehr attraktive Möglichkeiten, aber produzieren auch Gefahren, nicht nur für Einzelne durch Mobbing oder Vorverurteilungen, sondern für Demokratie und gesellschaftlichen Diskurs insgesamt. Ich bediene Facebook nur sehr sparsam, Twitter habe ich gar nicht. Nicht nur wegen der kaum kontrollierbaren Gefahren, sondern weil das auch viel zu viel Zeit frisst. Zeit, in der ich lieber in einer Buchhandlung stöbere, zum Beispiel. Dass man einen gesetzlichen Rahmen schafft, der verhindert, dass im Netz Hass verbreitet wird, finde ich gut und notwendig", kommt er auf die aktuellen gesetzlichen Maßnahmen der Regierung. "Allerdings soll nicht der Herr Blümel entscheiden, was Hass ist. Weil für ihn ist jeder ein Hasser, der nicht sagt, was er hören will."

Im Übrigen, fügt Menasse hinzu, möge man mediale Verwerfungen und Verwerflichkeiten nicht nur an das Internet delegieren. "Auch die klassischen Medien haben diese Ambivalenz", kommt er auf jüngst erlittenes Ungemach zu sprechen. "Denken Sie an den ,Kurier', der sich ja selbst als Qualitätszeitung bezeichnet. Meine Kritik an der Wahlwerbung von Blümel wurde dort sofort mit grotesken Untergriffen kommentiert: Nicht Blümel, der offen um fremdenfeindliche Wähler buhlt, sondern ich, der ihn kritisiert, spalte mit Hass die Gesellschaft. Diese Verkehrung der Realität und Hetze gegen einen Autor steht in einem klassischen Printmedium mit Anspruch. Und nicht in den sozialen Netzwerken!"

»Ich wähle weder die FPÖ noch ihre Originalkopie noch die Partei mit FPÖ-Gedankengut«

Ein neuer Europa-Roman

Vor drei Jahren hat der durch keine realpolitischen Unzukömmlichkeiten beirrbare Europäer den bewunderten EU-Roman "Die Hauptstadt" veröffentlicht. Jetzt entsteht der zweite Band der projektierten Europa-Trilogie. Schauplätze sind Brüssel und die Beitrittswerberstaaten des Westbalkans. Letztgenannte stehen aus pandemischen Gründen derzeit nicht im höchsten Ansehen. Die EU im gespaltenen Europa auch nicht?"Die Corona-Pandemie hat Europa nicht gespalten", beharrt Menasse auf seinen Überzeugungen, "sondern deutlich gezeigt, wie gespalten die EU schon die längste Zeit ist. Die Mitgliedsstaaten gaben der EU-Kommission keine gesundheitspolitischen Kompetenzen, also hatte die Kommission auch keine Möglichkeiten. Daher machte jede nationale Regierung, was sie wollte oder glaubte, warf sich zum Retter der jeweiligen Nation auf, ohne Abstimmung mit den anderen, als würde das Virus nationale Grenzen kennen. Das ging bis zum Bashing von Nachbarn, von wo das Virus ,mit dem Auto einreist', oder bis zur Behinderung bei der Verteilung von Masken, und verfügst du gegen mich eine Reisewarnung, dann verfüge ich eine über dich. Die einen verängstigten ihre Bevölkerung mit Spital-Fotos anderer Länder, bettelten aber um maskierte Touristen aus diesen Ländern. Manche sperrten ihre Grenzen, andere nicht. Solch nationaler Wirrwarr gegenüber einem transnationalen Problem muss natürlich zur berühmten Dauerwelle führen. Einigkeit gab es nur in einem Punkt: Die (kompetenzlose) EU ist schuld! Wenn Corona politisch etwas Gutes hatte, dann vielleicht dies: dass nationale Regierungen jetzt langsam erkennen, dass globale bzw. transnationale Probleme keine Nation alleine für sich lösen kann, und daher endlich einem Souveränitätstransfer nach Brüssel zustimmen."

Auf Recherche

Menasse ist ein sorgsamer Rechercheur. "Zum Glück", erzählt er, "konnte ich mich knapp vor dem Lockdown eine Zeitlang in Albanien aufhalten, um zu recherchieren. Mich interessiert gleichsam als Folie dieses Romans der europapolitische Widerspruch, dass es einerseits EU-Mitglieder mit total antieuropäischer Politik gibt, Beispiele Ungarn, Polen und jetzt auch Österreich, und auf der anderen Seite Staaten, die nicht Mitglieder sind, die aber radikal proeuropäisch sind. Zum Beispiel richten in Albanien oder Nordmazedonien 80 Prozent der Bevölkerung alle Hoffnungen auf Europa. Das hat ja Auswirkungen auf die Biografien der Menschen, ihre Chancen, Hoffnungen, Irrungen und Wirrungen."

Letztgenannte über die Türkei ins unvereinte Europa zu importieren, will er allerdings fürs Erste ausschließen: "Auf jeden Fall war es meiner Meinung nach richtig, die Verhandlungen auszusetzen. Denn ich finde es falsch, radikale Nationalisten in das nachnationale Projekt hineinzuholen. Wir haben genug Probleme mit denen, die schon herinnen sind."

Nach der großen Stille

Nun wurde die Arbeit unversehens auf die vier Wände im Niederösterreichischen reduziert. Menasse sieht sich da durchaus privilegiert. "Ich weiß um die großen Probleme, die viele Menschen ökonomisch, seelisch und lebensorganisatorisch hatten und haben. Das ist bedrückend. Aber ich hatte sie nicht, weil ich ja zufällig schon kurz vor dem Lockdown in selbstbestimmter Quarantäne war, um konsequent und konzentriert am neuen Roman zu arbeiten. Deshalb hatte ich ja schon seit einiger Zeit keine Lesungen oder Vorträge oder sonstige Verpflichtungen und damit verbundene Reisen angenommen. Und ich musste nicht in einer kleinen Stadtwohnung ohne Balkon mit Kindern in Homeschooling leben, sondern bin in mein Haus im Waldviertel mit großem Garten gezogen, mir ist nicht die Decke auf den Kopf gefallen. Im Gegenteil, ich hatte eine sehr glückliche und produktive Zeit. Homeoffice ist ja für einen Schriftsteller etwas völlig Normales. Für mich hat sich ein anderes Problem ergeben, weil ich weitere Reisen auf den Balkan schon organisiert hatte und alle abgesagt werden mussten. Ich habe also in Hinblick auf meine Romanarbeit eine gewisse Verzögerung, was Recherche und Material betrifft." Aber man hat ihm ja keinen Abgabetermin gestellt, und das beruhigt.

Zur bevorstehenden Wien-Wahl braucht er sich nicht mehr in die Hauptstadt zu bemühen. "Ich habe schon gewählt, aber ich nehme das Wahlgeheimnis ernst und sage nicht öffentlich, wen. Ich kann aber sagen, dass man die Stimmen für Landtag und den Bezirk splitten kann und sich die Angebote anschauen muss. Und wenn man das tut, weiß man, dass man weder die FPÖ noch ihre Originalkopie noch die Partei mit FPÖ-Gedankengut wählen kann."

Also keine Vorzugsstimme für Blümel? "Ich habe ja gesagt, dass ich Parteien mit FPÖ-Gedankengut nicht wähle."

Das bringt den Finanzminister garantiert wieder nach vorne.

Dieser Beitrag ist ursprünglich in der Printausgabe von News (40/2020) erschienen.