Tor der Hoffnung

Bei der Euro 2016 in Frankreich zählte Teamtorhüter Robert Almer noch zu den besten Österreichern. Doch dann verletzte er sich schwer, wurde dreimal operiert und kann seit einem Jahr nicht einmal langsam laufen. Doch der Keeper kämpft verbissen um seine Karriere

von Sport - Tor der Hoffnung © Bild: News/Matt Observe

Samstag, 18. Juni 2016, Prinzenparkstadion, Paris. Österreich ermauert gegen den späteren Europameister Portugal ein torloses Unentschieden. Weil da ein Mann zwischen den Pfosten steht, der Cristiano Ronaldo immer wieder an den Rand der Verzweiflung bringt: hohe Flanke direkt in den Fünfmeterraum, Ronaldo schraubt sich ungedeckt zum Kopfball hoch -Robert Almer hält. Ronaldo steht am Sechzehner frei, kann sich den Ball seelenruhig zurechtlegen, donnert Richtung rechtes unteres Eck -Robert Almer hält. Hands im Strafraum, Ronaldo tritt zum Elfmeter an, knallt den Ball entnervt an die Stange. Ronaldos schneeweißes Grinsen gefriert zur Fratze, Robert Almer ballt die Hand zur Jubelfaust. Gegner entnervt, Punkt gerettet, soziale Medien im Ausnahmezustand. "Wundergoalie Almer", steht da in Hinblick auf diese laue Frühsommernacht zu lesen und "Österreichs EM-Held" und "Danke, Robert".

Freitag, 17. November 2017, Landessportzentrum Steinbrunn, Industriegelände 1. Tief hängende Wolken, gefrierender Nieselregen. Adresse und Atmosphäre verschmelzen zur Einheit. Doch die versucht Robert Almer nach Möglichkeit auszublenden. "Ich probiere alles, doch ob es irgendwann reichen wird, weiß ich bis heute nicht", sagt der Wundergoalie außer Dienst, der vom Spielfeld verbannte EM-Held. "Auf jeden Fall möchte ich mir in ein paar Jahren nicht den Vorwurf machen, nicht mein Bestes gegeben zu haben."

Training im Luftballon

Seit dem Oktober des Vorjahres, seit gut 13 Monaten, ist Robert Almer nun am Knie verletzt. So schwer, dass er seither nicht ein einziges Match absolvieren konnte, nicht ein einziges reguläres Training. Nicht einmal locker joggen kann er nach all den Monaten -außer er stellt sich auf ein ganz spezielles Laufband, das den Körper in eine Art Luftballon hüllt, der das Gewicht um etwa die Hälfte reduziert.

Der Mannschaftssportler ist zum Einzelkämpfer in der Kraftkammer geworden, Christoph Lichtenecker, seinen Physiotherapeuten, sieht er fast öfter als seine Frau, Dominique Nadarajah. "Wir zwei sind schon wie ein altes Ehepaar", sagt Lichtenecker. "Es gibt Tage, wo es ganz gut läuft. Und es gibt Tage, wo ich zum Christoph sage:,Ich will überhaupt nicht'", sagt Almer. Doch dann reißt er sich immer wieder aufs Neue zusammen. Hanteln schupfen mit den Händen und Armen, Gewichte stemmen mit den Füßen und Beinen -und gefühlte Pyrenäenetappen am Ergometer: unzählige imaginäre Gipfel, keinerlei echte Höhepunkte. Für fünf Stunden pro Tag, fünf Tage die Woche.

»Ich sah in der Reha Schlimmeres als nur ein kaputtes Knie«

Früher stand der sympathische Torhüter im Rampenlicht der Medien, vier bis fünf Interviews pro Woche gab er in der Intensivphase vor der Europameisterschaft in Frankreich. Doch heute wirkt er wie Rocky, der sich - gegen alle Quoten, gegen jede Wahrscheinlichkeit und quasi bei null beginnend -im hintersten Winkel der Welt auf ein ungewisses Comeback vorbereitet.

Doch wozu das Ganze? Dieser Robert Almer spielte in der deutschen Bundesliga bei Fortuna Düsseldorf und Hannover 96, zuletzt war er Mannschaftskapitän bei der Wiener Austria, dort steht er noch bis zum kommenden Sommer unter Vertrag. 32-mal streifte er das Einserleiberl des Nationalteams über, alles in allem kann er also auf eine sportlich und finanziell imposante Karriere zurückblicken.

Buch der großen Ziele

Doch Robert Almer hat noch zwei ganz konkrete Ziele, die er, wie immer, in seinen Notizbüchern festgehalten hat. Verschriftlichte Ziele wirken doch irgendwie verbindlicher, findet er. Und hindern einen so daran, frühzeitig aufzugeben. "Ich habe nicht die Bilderbuchentwicklung eines David Alaba hinter mir, saß oft auf der Ersatzbank", räsoniert der Schlussmann. Öfter als einmal sei er kurz davor gestanden, seine Laufbahn zu beenden und sein begonnenes Jusstudium zu finalisieren, doch immer wieder habe er sich zurückgekämpft.

Stammspieler in der österreichischen Liga, dann ein Wechsel ins Ausland, später die Einberufung in den Teamkader, schließlich der Stammplatz in Österreichs Tor, all das existierte vor der tatsächlichen Umsetzung bereits in Schriftform - und jetzt also zwei weitere Ziele:

Eines erscheint aus gegenwärtiger Sicht übergroß und utopisch, denn Almer feiert im kommenden März bereits seinen 34. Geburtstag: "Ich möchte noch einmal bei einer Europameisterschaft spielen und bei einem Klub der englischen Premier League im Tor stehen." Das andere wirkt auf Außenstehende lächerlich winzig und scheinbar banal: "Ich möchte mit meinen Kindern wieder Abfangen spielen können." Robert Almers Tochter ist fünf Jahre alt, sein Sohn gerade einmal zwei. Doch Robert Almers Meniskus ist der eines alten Mannes.

»Ich will noch einmal bei einer Europameisterschaft spielen - und in der englischen Liga«

Donnerstag, 20. Oktober 2016, Stadio Olimpico, Rom. Almer spielt mit seinem Verein, der Austria Wien, in der Europa League gegen AS Roma. Drei zu drei sollte das Ergebnis lauten, ein Achtungserfolg für die Außenseiter, ein Spiel für die Vereinsannalen. Eine Zäsur für Robert Almer:

In der 22. Minute, beim Stand von eins zu eins, schlägt er den Ball mit dem rechten Fuß aus der Gefahrenzone, sackt Sekundenbruchteile später ohne Fremdeinwirkung zusammen, als wären sein Fuß und sein Bein aus Gummi -und bleibt mit schmerzverzerrtem Gesicht am Boden liegen. Kreuzband und Meniskus gerissen: eine der gefürchtetsten Verletzungen im Profifußball, aber auch eine der häufigsten. Brutale Routine gewissermaßen, an die sechs Monate Pause sind Regel, Almers Mannschaftskollege Lucas Venuto etwa wird nach einer ähnlichen Verletzung nach sieben Monaten derzeit wieder langsam ans Mannschaftstraining herangeführt.

Nicht so Almer. Noch im Oktober 2016 wird er zum ersten Mal operiert. Der schadhafte Teil des Meniskus wird durch ein Sehnenstück des hinteren Oberschenkels ersetzt. Seither steht Almers künftiges Berufsleben auf des Skalpells Schneide - es folgen zwei unplanmäßige Eingriffe:

Im Februar 2017 muss das Knie erneut geöffnet werden, da die Meniskusnaht aus der ersten OP aufgeplatzt war. Doch danach bleibt das Knie angeschwollen, sogenannte Reizergüsse werden zur Regel, in Almers Bulletin werden "persistierende", also fortdauernde Schmerzen vermerkt. Im Juni 2017 wird ein drittes Mal operiert: Womöglich war es unmittelbar nach der Verletzung zu einer Durchblutungsstörung gekommen, die unbemerkt auch den Knorpel in Mitleidenschaft zog. Nun wird er zu einem Gutteil entfernt, das darunter liegende Knochenstück leicht angefräst.

Schmerzende Muskeln

"Jetzt ist das Knie endlich reizfrei", sagt Physiotherapeut Lichtenecker. Aber sobald der Muskelaufbau vorangetrieben wird, setzen Schmerzen ein, selbst Treppensteigen oder Bergabgehen tut weh, und Almer muss das Stechen medikamentös eindämmen. Doch länger als zwei Wochen darf er die Mittel nicht nehmen, das widerspräche jeder therapeutischen Vernunft.

© News/Matt Observe Das rechte KNie scheint endlich zu halten, doch der Muskelaufbau verursacht noch immer Schmerzen

Und so macht Almer das, was er immer macht: Hanteln schupfen mit den Händen und Armen, Gewichte stemmen mit den Füßen und Beinen und gefühlte Pyrenäenetappen am Ergometer, fünf Stunden pro Tag, fünf Tage die Woche. Dazu kommen noch manuelle Therapie für die Gelenke und ein bisschen Kompressionstechnik für den verbliebenen Teil des Knorpels, "medizinische Trainingstherapie" nennt sich das monotone Gesamtpaket. "Aber ich will nicht groß jammern", sagt Robert Almer halblaut. Ein Vorsatz, der über die Monate zu einer Art Mantra wurde. "In meiner ersten Phase nach der Verletzung, als ich nach der OP im Reha-Zentrum war, habe ich Menschen nach Schlaganfällen gesehen - das sind im Vergleich zu einem kaputten Knie viel schlimmere Schicksale."

Licht am Ende des Tunnels

Almer versucht immer wieder, seiner Verletzung auch positive Seiten abzugewinnen. Früher, da stand jeden Freitag oder Samstag ein Match auf dem Spielplan, und wenn unter der Woche noch der Cup, der Europacup und die Länderspiele dazukamen, hat er seine Frau und die Kinder oft über Monate hinweg nur ganz selten gesehen. "Jetzt bin ich an den Wochenenden zu Hause, und meine Familie gibt mir die Kraft, nicht die Geduld zu verlieren."

Doch manchmal wird es ihm wirklich schwer ums Herz: dann, wenn er seine Kameraden vor den Heimspielen in der Kabine besucht; wenn er, der zuvor Kapitän war, den anderen Mut zuspricht; wenn sie auflaufen dürfen und er sitzen bleiben muss. "Das sind harte Momente." Der Tunnel raus auf das Spielfeld ist lang. Doch an dessen Ende, dort, wo er in den Rasen mündet, erhellt ihn das Flutlicht. Ein Goalkeeper und sein Tor der Hoffnung.

Robert Almer
Am 20. März 1984 in Bruck an der Mur geboren, wuchs Almer in Birkfeld in einer Lehrerfamilie auf. Bei seinem ersten Verein war er bis zum 13. Lebensjahr Stürmer - ehe er als Tormann Karriere machte. Wichtigste Stationen: Austria Wien, Fortuna Düsseldorf, Hannover 96. Seit 2015 ist er wieder bei der Austria, doch seit 20. Oktober 2016 fällt er verletzt aus.