Riesenjubel für Rihms "Dionysos" bei den Festspielen: Zweites Highlight in Salzburg

Kluge und klare Zeichnung der Hauptfigur Nietzsche YDP "Innenschau": Unterhaltung à la David Lynch<br>Plus: Hollywood-Star Val Kilmer zu Gast in Salzburg

Kein Zweifel, Salzburg hat nach dem "Jedermann" den zweiten durchschlagenden Erfolg dieses Festspielsommers: Wolfgangs Rihms "Opernfantasie" mit dem Titel "Dionysos" wurde am Dienstag, Abend im Haus für Mozart uraufgeführt und erntete ebenso großen wie berechtigten Jubel. Rihm, der "composer in residence" der Festspiele 2010, überzeugte mit seiner melodiösen, rhythmisch-dramatischen und fast spätromantisch durchhörbaren Partitur sowie mit der psychologisch klaren Zeichnung seiner Hauptfigur Friedrich Nietzsche.

Handlung im erzählerischen Sinn gibt es in "Dionysos" keine. Thema ist die Zerrissenheit einer Persönlichkeit, die auf der Suche nach Liebe Haut und Verstand verliert. Auf seiner sphärisch-traumhaften Reise über die Abgründe der Einsamkeit wird Rihms Nietzsche aufgerieben zwischen Selbsterkenntnis und Selbstzerstörung. Sämtliche Textpassagen stammen aus Nietzsches Gedichtsammlung "Dionysos Dithyramben", wurden aber von Rihm zu einem eigenständigen Libretto umgearbeitet.

Das eindringlich-krasse Bühnendesign stammt von Jonathan Meese, der einerseits mit dem Dampfhammer, andererseits mit ästhetisch stimmigen Bildern der Mystik und der Geilheit punktete. Regisseur Pierre Audi bewies kluge und zurückhaltende Personenführung, gewürzt mit einer Reihe von zündenden Ideen. Ingo Metzmacher leitete den Wiener Staatsopernchor, das Deutsche Symphonie-Orchester Berlin und die durchwegs sehr guten Solisten - allen voran Mojca Erdmann und Johannes Martin Kränzle - umsichtig und souverän. Von ein paar missglückten Details abgesehen ist dieser "Dionysos" oratorienhaftes, aber beeindruckendes Musiktheater.

Hoher Besuch aus Hollywood
Ein weiteres Highlight am Dienstag bei den Salzburger Festspielen war abseits des Kultur-Programmes auch ein hoher Besuch aus Hollywood. Schauspieler Val Kilmer beehrte die Mozartstadt. Und die gute Salzburger Luft tut dem "Batman" anscheinend auch gut: Nachdem er gleich einmal zwei Termine verschlafen hat, ging es rechtzeitig zum Mittagessen mit Thaddeaeus Ropac in die Villa Emslieb. Danach schaute er einen Sprung im "Goldenen Hirschen" vorbei, um am Ende noch kräftig bei der "Young Directors Project"-Premiere "Innenschau" zu applaudieren.

Außerordentliches - aber wenig Theater
Bei dieser Vorführung wurde - außer Val Kilmer - auch auf der Bühne des republic Außerordentliches geboten: Der in Holland lebende Schwede Jakop Ahlbom bot mit "Innenschau" eine fulminante Performance auf höchstem artistischen Niveau. Das rockte ordentlich, hatte aber freilich mit Text und Theater noch am wenigsten zu tun.

Zwischen Kafka und Krimi
Zwischen Kafka und Krimi lässt sich das Gebotene einordnen, bei dem fetzige Livemusik der Band Alamo Race Track mit suggestiven Traumbildern, rasantem Tanz und perfekter Bodenakrobatik verbunden wird. Vier Frauen und vier Männer zeigen Verführungsszenen voller Erotik und Beischlafszenen voller Gewalt und Armseligkeit. Wir sehen ein Ballett der Kleiderkästen und den wohl akrobatischsten Tabledance der jüngeren Theatergeschichte, haufenweise rauchende und zähneputzende Männer und eine sich häutende junge Frau. Frauen verwandeln sich in vierfüßige Krabbeltiere, und ein Bett wird zu einer riesigen, aufblasbaren Sexpuppe, in der ihr Benutzer gänzlich verschwindet. Etwas Slapstick und ein wenig Zauberei zeigt, dass die junge Truppe (Yannick Greweldinger, Judith Hazeleger, Kelly Hirina, Silke Hundertmark, Peter Kádár, Pieter van Loon, Minka Maria Parkkinen, Reinier Schimmel) nahezu alles kann.

Unterhaltung à la David Lynch
Das ist witzig, irritierend, spannend und manchmal auch einfach nur bizarr. Weil Theater immer das Erzählen von Geschichten ist, hat man auch einen roten Faden eingebaut: Eine Frau verschwindet, man vermutet einen Eifersuchtsmord ihres Gatten, die Kripo ermittelt. Während am Ende der eineinhalb Stunden die Leiche auftaucht, versucht der Zuschauer dem theatralen Mehrwert vergeblich auf die Spur zu kommen. Es besteht der Verdacht, dass die Theatersprache, die David-Lynch-Fan Jakop Ahlbom entwickelt und perfektioniert hat ("Innenschau" ist seine sechste Produktion in Schweden, wo er gefeiert wird), letztlich vor allem eines ist: Unterhaltung. Es gilt die Unschuldsvermutung.

In den nächsten Wochen folgen im "Young Directors Project" (YDP) drei weitere Beiträge aus Belgien ("Mary Mother of Frankenstein"), Frankreich ("Notre terreur") und Deutschland ("Tod in Theben"). Die Verleihung des mit 10.000 Euro dotierten Montblanc YDP Award findet am 21. August um 11 Uhr im republic statt. Jakop Ahlbom hat indes schon das nächste Projekt: Es gilt dem tragischen Leben von Dracula-Darsteller Bela Lugosi. Gut möglich, dass hier auch die Wiener Festwochen anbeißen. (apa/red)