Richtig haushalten nicht jedermanns Sache:
Immer mehr Leute tappen in Schuldenfalle

2007: 13.500 Menschen waren bei Schuldnerberatung FORMAT: Beratung wird oft viel zu spät angefordert

Richtig haushalten nicht jedermanns Sache:
Immer mehr Leute tappen in Schuldenfalle © Bild: Appelt

Der Landstreifen zwischen den Gasometern und der Südosttangente zählt nicht gerade zu den attraktivsten in Wien. Wer hierher zu dem mehrstöckigen, farblosen Gebäude in der Döblerhofstraße kommt, ist auch nicht auf der Suche nach einem gefälligen Ambiente. Er ist froh, wenn er von niemandem beim Betreten des Hauses erkannt wird. Auch deshalb befindet sich kein Schild an der Eingangstür zur Wiener Niederlassung der Schuldnerberatung.

Fast 13.500 Menschen haben im Vorjahr trotzdem den Weg in die schmucklosen Räumlichkeiten gefunden. Heuer werden es - inflationsbedingt - wohl noch um zumindest 15 Prozent mehr sein.

Hilfe kommt zu spät
Volle Wartezimmer oder Menschenschlangen werden vermieden. "Das ist für alle Betreffenden angenehmer", erläutert Alexander Maly, Geschäftsführer der Wiener Schuldnerberatung. Die insgesamt 30 Berater haben an diesem Montagmorgen aber alle "Besuch". Das Telefon in der Anmeldung läutet im Zwei-Sekunden-Takt. Gerade jetzt zu Sommerende herrscht Hochsaison in der Döblerhofstraße. Viele der Rat Suchenden - etwa 70 Prozent davon haben einen Migrationshintergrund - kommen von Reisen aus ihren Heimatländern zurück und finden ihre Briefkästen voll. Voll mit Post von ihren Gläubigern und oft auch schon von den Gerichten. Denn, so Maly: "Viele kommen erst zu uns, wenn es schon zu spät ist."

60.000 Euro Schulden, kein Job. Die 29-jährige Elisabeth F. hat sich sehr lange Zeit gelassen, bis sie sich dazu durchringen konnte, Rat anzunehmen. "Erst als mir eine Freundin die Schuldnerberater empfohlen hat, weil sie ihr geholfen haben, habe ich einen Termin vereinbart." Frau F. ist heute zum ersten Mal hier, gemeinsam mit ihrer Mutter und der siebenjährigen Tochter. Außerdem hat sie rund 60.000 Euro Schulden im Gepäck. Der Rest hört sich an wie ein Sozialklischee: Job vor einem Jahr verloren, Alleinerzieherin ohne Alimente vom Kindsvater, mit nur 500 Euro "Arbeitslose" pro Monat wohnt die ehemalige Frisöse jetzt bei ihrer Mutter. Sie gibt sich selbst die Schuld an ihrer misslichen Lage: "Ich hätte ja gleich beginnen können, Kredite zurückzuzahlen."

Kritik an den Banken
Der Fall wirft auch ein zweifelhaftes Licht auf die Banken. Während etwa die Mobilfunkanbieter mit Problemkunden mittlerweile restriktiv verfahren, seien die Banken immer noch zu großzügig, sagen die Berater. Durchschnittlich 50.000 Euro Gesamtschulden haben ihre Klienten, davon entfällt der mit Abstand größte Teil, nämlich 21.391 Euro, auf Kreditinstitute (s. Grafik). Für Alexander Maly auch ein Zeichen riskanter Darlehenspolitik: "Jeder Bankbearbeiter weiß doch, wann etwas schiefläuft, trotzdem kommt es dann meist zu Umschuldungen." Besonders harte Kritik übt er an zwei Instituten: "Sehr häufig ist der Hauptgläubiger die Bank Austria oder die GE Money Bank. Die Bank Austria hat eine Zeitlang Kredite vergeben, als wäre sie vom bösen Schwein benagt." Die Bank weist das entschieden zurück: "Aufgrund unserer starken Marktposition in Wien mag vielleicht dieser Eindruck entstehen." Man habe halt generell die meisten Kunden.

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