"Restlverwertung" reloaded: Das neue Beatles-Album "Love" entstellt Pop-Ikonen

Pop-Perlen wurden zu Monster-Mix verwurstet Original einer surroundtauglichen Politur unterzogen

"Restlverwertung" reloaded: Das neue Beatles-Album "Love" entstellt Pop-Ikonen

Ohren zu und durch! Das nächste Kapitel in der nicht enden wollenden Auferstehungsgeschichte der Beatles steht ins Haus. Für "Love" hat Produzent George Martin die Originalbänder einer surroundtauglichen Politur unterzogen, mit verzichtbaren Soundbasteleien angereichert, durch den Sampler gejagt und somit ein Stück Musikgeschichte zu einem kitschüberladenen 78-Minuten-Remix verunstaltet.

Der Tod spielt in der nicht allzu irdischen Popwelt offenbar keine große Rolle. Trotz einer 36 Jahre zurückliegenden Trennung und des zwischenzeitlichen Dahinscheidens der halben Belegschaft verzeichnen die Beatles in den vergangenen Jahren einen mitunter höheren Output an neuen Releases als manch (noch) aktive Band. Das Wühlen im Fundus der Fab Four hat inzwischen Tradition. Zuerst "Live At The BBC" (1994), dann die "Anthology"-Trilogie (1995/1996), der erweiterte "Yellow Submarine Songtrack" (1999), die Hit-Collection "One" (2000) und schließlich das pseudo-puristische "Let it be... naked" (2003).

Was da an ursprünglich (zurecht) verworfenen Takes, miserablen Live-Mitschnitten, wenig aufschlussreichen Interviewfragmenten und fragwürdigen Neubearbeitungen auf Silberscheibe gepresst wurde, kann nur als kommerzielle Ausschlachtung kreativer Ausschussware bezeichnet werden. Schade nur, dass sich die verbliebenen Pilzköpfe eifrig an der nachträglichen Derangierung ihres eigenen Oeuvres beteiligen und sich im Falle des aktuellen Albums "Love" gar als Initiatoren desselben rühmen dürfen.

Paul und Ringo gaben "experimentelle Abmischungen" in Auftrag
Paul McCartney und Ringo Starr nämlich - freilich nicht ohne Unterstützung von Yoko Ono und Olivia Harrison - gaben ihrem ehemaligen Produzenten George Martin den Auftrag, "experimentelle Abmischungen" ihrer alten Songs anzufertigen. Das Ergebnis ist eine Art heillos durcheinander geratener, mit allerlei grässlichen Soundeffekten angereicherter Querschnitt hauptsächlich des Spätwerks, der die ursprüngliche Klasse der einzelnen Originale bloß noch erahnen lässt.

Das tief traurige "Eleanor Rigby" verkommt - reichlich mit Streichersoße übergossen - zur pathetischen Schnulze, das launig hingerotzte "I Am The Walrus" gerät zur Ono'schen Geräuschkulisse. George Harrisons "While My Guitar Gently Weeps" wird durch den Einsatz breiter Keyboardflächen gnadenlos verkitscht, die vermeintliche LSD-Hymne "Lucy In The Sky With Diamonds" mit ein paar Gitarrenschrubbern und seltsamen Drum-Einschüben aufgemotzt. Und "Sun King" ertönt unter dem Titel "Gnik Nus" gleich überhaupt im Rückwärtsmodus.

Doch damit nicht genug. Martin nahm - in Gefolgschaft seines Sohnes Giles - Einzelteile von Songs und sampelte - ganz Bastelonkel - fröhlich drauf los. "Strawberry Fields Forever" wird da ohne Bedenken mit "Hello Goodbye" und "All My Life" verwurstet, "Being For The Benefit Of Mr. Kite" mit "I Want You" und "Helter Skelter" durchmischt, "Octopus's Garden" mit "Good Night" unterlegt, "Drive My Car", "The Word" und "What You're Doing" werden problemlos zum Medley verkittet. Überhaupt wirkt das 26 Tracks umfassende Album auf Grund der durchgängig fließenden Übergänge und ineinander greifenden Out- bzw. Intros als ein maßlos überkonzipiertes Gesamtflickwerk, als opulenter Beatles-Bastard-Remix - in Stereo (CD-Version) bzw. 5.1. Surround Sound (DVD-Version) versteht sich. Dass "Love" unter Einbindung des - dem Kitsch auch nicht gerade abgeneigten - Cirque du Soleil entstanden ist, dessen Bühnenshow bereits seit Ende Juni in Las Vegas läuft, erklärt mitunter einiges.

"Love" ist ein schlechtes Album unter vielen und verdiente wohl kaum Beachtung, wäre es nicht das jüngste jener Restlverwertungsunternehmungen, die das Erbe einer der wichtigsten Bands in der Musikgeschichte variantenreich verramschen und damit zur schleichenden Verwässerung pophistorischer Verdienste beitragen.

(apa/red)