Ausland von

Die Reise zum
verratenen Volk

Ausland - Die Reise zum
verratenen Volk © Bild: Giacomo Sini

Verfolgt, vergewaltigt, vertrieben. Als die Terrorkrieger des IS die Jesiden im Irak in die Berge trieben und fast ausrotteten, sah die Welt kurz hin. Und vergaß schnell wieder. Dabei ist deren Leid heute kaum kleiner. Für News reiste ein italienischer Fotoreporter zurück ins Jesidenland.

Ein langer Konvoi von Militärfahrzeugen kreuzt eine gewun dene Straße in der Region Dahuk im kurdischen Nordirak. "Könnten das schon die Vorbereitungen für weitere Kriegsspiele in unserer Region sein?", fragt Ibrahim. Er ist Jeside und das, was ihm als Vision gilt, droht nun Wirklichkeit zu werden. Hier beginnt unsere Reise in die Sindschar-Region, ein Land, geprägt von schon Jahrhunderten dauernden Konflikten, das zuletzt dem Wahnsinn des Islamischen Staates (IS) erlag. Tausende Menschen durchquerten dieses Gebiet auf der Flucht vor den Dschihadisten.

© Giacomo Sini

Etwa eine halbe Million Menschen zählen zur religiösen Minderheit der Jesiden, die in der irakischen Provinz Ninive beheimatet sind. Mit den Kurden in der Türkei und Syrien teilen die Jesiden die gleiche Sprache, auch kulturell gibt es Ähnlichkeiten. Da sie einer gnostischen und vorislamischen Sekte angehören, waren sie zusammen mit Christen und Schiiten Ziel des ethnischen Massenmords des IS.

Bilder gingen um die Welt

Mittlerweile arbeitet Ibrahim, der visionäre Jeside, als Taxifahrer. Ihm war es damals, im August 2014, gelungen, vor den heranrückenden IS-Milizen zu fliehen. Bis heute aber sind viele seiner Freunde in den Händen der Terroristen. Weigerten sich Männer und Frauen, zum Islam zu konvertieren, erschoss man sie sofort. Tausende jesidische Frauen und Kinder wurden versklavt und zwangsprostituiert. Die Bilder derer, denen die Flucht noch gelang, gingen damals um die Welt. Sie schlugen sich bis ins Sindschar-Gebirge durch, harrten dort, auf über 1.000 Metern, tagelang ohne Essen und Trinken aus. Erst syrischen Kurden, die mit der verbotenen kurdischen Arbeiterpartei PKK verbündet sind, gelang es, einen Fluchtkorridor freizuschlagen.

Und jetzt kehrt die Geschichte unter anderen Vorzeichen zurück. Denn weite Teile des Irak mögen zwar vom IS befreit sein, Stabilität schafft das aber noch lange nicht. Nachdem die irakischen Kurden ein Unabhängigkeitsreferendum durchführten, folgte die Antwort Bagdads Schlag auf Schlag. Schiitische Milizen, die sogenannten Hashid Shaabi, begannen mit der Eroberung jener Gebiete, die zuvor die Kurden dem IS abgerungen hatten. Dem Traum, ein noch größeres Kurdistan in die Unabhängigkeit zu führen, ohne einen einzigen Schuss abzugeben, setzte Bagdad Truppen entgegen (siehe Karte). Und so ließen die Kurden auch die Jesiden im Stich und zogen ihre Miliz aus der Sindschar-Region ab. Zurück blieben Kämpfer der jesidischen Bürgerwehren (YBŞ), der Männer wie Frauen angehören und die sich schon einmal dem Feind entgegengestellt haben.

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Die Sindschar-Region breitet sich nach einigen Kilometern Fahrt als weite Halbwüste aus, die vom Gebirge dominiert wird, welches die Jesiden als heilig ansehen. Im Städtchen Khana Sor sind die Spuren der Kämpfe mit dem IS noch sichtbar. Aber zwischen all dem Schutt und den Trümmern wächst auch Hoffnung. Erste Geschäfte im Basar haben wieder geöffnet, und trotz all des Drucks von außen scheint das Dorf wiederaufzuerstehen. Auf dem Gelände der Bürgerwehr wird mit Tee ein herzlicher Empfang bereitet. Der Kommandeur kommt hinzu, obwohl er nach seiner Nachtwache sehr müde ist. Berührt erzählt er davon, wie seine Einheit im August 2014 Tausende Jesiden rettete: "Sie haben uns von allen Seiten beschossen, wir waren ein leichtes Ziel und hatten kaum Platz, um uns zu bewegen. Mit großen Verlusten und ungeheurer Anstrengung schafften wir es, eine Bresche in die feindlichen Linien zu schlagen."

35.000 leben in Zelten

Einen Tag später geleitet der Kommandeur die Besucher zur südwestlichen Frontlinie im Sindschar, wo noch vor Kurzem die IS-Kämpfer ausharrten und sich nun die schiitischen Einheiten aus Bagdad ballen. Ein Mohnfeld erstreckt sich mitten im Grün der Ebene, im Hintergrund erhebt sich das Gebirge gegen den Himmel. Inmitten dieser scheinbaren Idylle erinnern zerstörte Brücken, ausgebrannte Autowracks und improvisierte Betonwälle an die nahe Front.

Kurz darauf erreichen wir das Herz des Hochlands, bestehend aus einem breiten Tal, in dem sich eine unfassbare Zahl von Zelten und kleinen Hütten ausbreitet. Hier leben bis heute an die 35.000 Jesiden, die damals vor dem IS flohen und seither in den Bergen blieben, um "ihre heilige Identität zu verteidigen". Wir betreten eines der Häuschen, das mit einer wasserfesten Plane des UN-Flüchtlingskommissariats (UNHCR) bedeckt ist. Ein Mann um die 50 führt uns herum. Er stellt sich als Şerwan vor. Das bescheidene Häuschen hat er mit seinen eigenen Händen gebaut, Freunde aus der Gegend halfen. Er lebt hier mit seiner Ehefrau und einigen seiner jüngeren Töchter. Seine Stimme ist fest, er spricht gebrochenes Englisch. Nach dem Völkermord habe er viele Wörter vergessen, so Şerwan. Es ist eine der Folgen des Traumas, das er durchleben musste. Er quält sich, weil es ihm nicht gelang, die ganze Familie in jenen schrecklichen Tagen zu verteidigen, die älteren Töchter sind wohl immer noch in den Händen der Dschihadisten. Nach einer Weile wird das Gespräch von einem wütenden Ausbruch Şerwans unterbrochen: "Warum interessiert sich die internationale Gemeinschaft nicht für die entführten und als Sexsklavinnen verkauften Frauen? Was ist mit unseren Kindern, die zu menschlichen Bomben ausgebildet werden? Wo ist das Recht? Wo ist die Menschlichkeit?"

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Der Abend kommt, und die Temperatur fällt stark ab, von Osten weht ein kühler Wind. Die Besuchergruppe wird eingeladen, sich in einem der Zelte auszuruhen, die als Treffpunkt und Versammlungsort genutzt werden. Die Bergbevölkerung hat seit dem Jänner 2015 begonnen, die Gegend autonom zu verwalten, vermittelt über einen Rat, in den Vertreter der verschiedenen Bereiche gewählt werden. Hassan Ezidi ist einer der Sprecher der demokratischen jesidischen Bewegung und Teil des Bergrats. Bei einem schlichten Mahl findet er deutliche Worte für seine Gedanken: "Die Bergbevölkerung ist bereit für die Selbstverwaltung, aber die Führer der irakischen Kurden waren von Anfang an gegen uns." Ein Satz, der sich dadurch belegen lässt, dass die Behörden Kurdistans alles taten, um jeden Kontakt der Jesiden nach außen zu unterbinden. So lange, bis sie selbst mit ihren Truppen flohen.

"Jetzt, wo die Peschmerga weg sind und die Schiiten sich nähern, wissen wir nicht, was der nächste Schritt für uns Jesiden ist", sagt Ezidi, "dabei müssten sie uns doch nur in Ruhe lassen, uns die Kontrolle über unser Land erlauben, ohne ständig bedroht zu werden." Je länger er spricht, desto klarer wird, was er sich wünscht: "Das ist unser Land. Jeder wollte uns nur isolieren und sprach von diesem Gebiet als umstrittener Region."

"Wir sind isoliert"

2016 verhängte die Regierung der Autonomen Region Kurdistan ein Embargo über den Sindschar, um dem Einfluss PKK-naher Gruppen entgegenzutreten. Anfang Juni erklärte sie in einer Stellungnahme, dass jede neue, der PKK angegliederte Partei nicht als legal anerkannt werde. Das trifft nun auch für die neu gegründete Jesidische Partei für Freiheit und Demokratisierung (PADÊ) zu. Die Zentralregierung in Bagdad hat mir ihr jedoch kein Problem. "Die Lage für die Zivilisten, die all die Jahre auf ihrem Land Widerstand geleistet haben, ist kompliziert", sagt Ezidi.

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Dann deutet er Richtung Süden: "Da ist der IS. Im Norden und Osten hat die Regierung der Autonomen Region Kurdistan die Grenzen zu den syrischen Kurden geschlossen, die international ebenfalls isoliert sind. Und im Westen ist der Checkpoint, um in die Region Dahuk zu kommen, der für die meisten Menschen nicht passierbar scheint. Wir erhalten nur Hilfslieferungen aus Rojava, also dem Gebiet der syrischen Kurden, aber wegen der Schließung der Grenze erreichen sie uns nicht regelmäßig." In der Abenddämmerung erreichen wir die Stadt Sindschar, die an den südlichen Ausläufern des Gebirges liegt. Die gewundene Straße zur Stadt gleicht einem Friedhof für zurückgelassene und vom IS verbrannte Fahrzeuge. Es sind die letzten Spuren der Flucht der Zivilisten vor drei Jahren. Die Nacht wird bei einer der 150 Familien verbracht, die nach der vollständigen Befreiung vom IS mutig in die Stadt zurückgekehrt sind. Agid, seine Frau Nadia und zwei ihrer jüngsten Töchter erzählen davon, wie die Familie durch das Massaker auseinandergerissen wurde.

Die Wunden des IS

Einige Familienangehörige schafften es nach der Flucht erfolgreich nach Deutschland und ein paar später bis in die USA. "Für Familien wie uns, die in die Stadt zurückgekehrt sind, ist das aber Widerstand. Mit der Präsenz in diesem Territorium unserer Ahnen verteidigen wir ein Gemeinschaftsgefühl, das sich wahrscheinlich auflösen wird", sagt Agid bestimmt.

An die Wände des Hauses haben IS-Kämpfer Beleidigungen, Slogans und die IS-Flagge gemalt. "Dieser Ort war fast ein Jahr lang das Hauptquartier des Islamischen Staates in der Region. Wir wollen gar nicht wissen, was in unserem Haus alles passiert ist", sagt Nadia, bevor sie ins Bett geht und den Generator abstellt, der das Haus mit Strom versorgt. Am nächsten Morgen wirkt die Stadt trostlos, eine seltsame Stille liegt über ihrem Zentrum. Das historische Viertel und der Basar sind nur noch ein Haufen Schutt. Obwohl die Besatzung durch den IS weniger als ein Jahr gedauert hat, liegt deren Schatten über jeder einzelnen Straße, vor allem rund um das alte zentrale Krankenhaus, das halb zerstört ist.

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Hier musste die Frau eines lokalen Arztes detaillierte Berichte über die vom IS entführten Frauen erstellen, damit diese später auf den Märkten für Sexsklavinnen in jenen Städten angeboten werden konnten, die besetzt wurden. Im Inneren des Krankenhauses finden sich noch die Fingerabdrücke jener Frauen an den Wänden, deren Geschichten keiner je erzählen kann.

Es gilt, die Berge zu verlassen und die Worte ihrer Bewohner mitzunehmen. Es ist wohl so, wie es der Taxifahrer Ibrahim am Beginn unserer Fahrt ausdrückte. Die Jesiden sind nur Spielfiguren auf dem Schachfeld der internationalen Politik. Ob sie wollen oder nicht, sind es erneut Herrscher fern von ihnen, in Bagdad, Teheran oder Ankara, die über ihr Schicksal entscheiden.

Heiliger, fröhlicher Ort

Überquert man den Fluss Tigris und setzt die Fahrt weiter bis nach Lalisch fort, könnte der Unterschied nicht größer ausfallen. Nach dem Glauben der Jesiden ist Lalisch einer der ältesten Orte der Welt und Sitz ihres zentralen Heiligtums. Hier feiern sie immer Ende April das Ende des alten und den Beginn des neuen Jahres. Der Unterschied zur Sindschar-Bergregion ist augenscheinlich. Freudiges Lachen Hunderter und Tausender Menschen und ein Feuerwerk funkelnder Farben bilden einen starken Kontrast zur stillen Trostlosigkeit dort. Das vermittelt auch eine Idee davon, wie losgelöst ein Leben in Frieden für die Jesiden aussehen könnte.