Porträt von

Das ist die neue Buhlschaft

Stefanie Reinsperger spielt im neuen "Jedermann" - und verlässt das Volkstheater

Reinsperger
© Bild: APA/Pfarrhofer

Als Rolle im engeren Sinn wurde die Buhlschaft selten verstanden; eher als Sexbombe in gefälschter Höchstpreiscouture, wenn sie sich mit dem Großteil ihrer 30 Sätze dafür rechtfertigt, dass sie ihrem Lebensgefährten nicht in den Tod folgen will. Und doch ist die Rolle höchst begehrt – eine weitere Facette des Paradoxons „Jedermann“.

Stefanie Reinsperger allerdings hat die Buhlschaft nicht begehrt. Mit weichen Knien habe sie sich Bedenkzeit ausgebeten, sagt sie; und dass sie sich erst während der Proben Aufschlüsse darüber erhoffe, wie mit den 30 Sätzen umzugehen sei.

In der Tat ist die 28-jährige Tochter eines österreichischen Diplomaten auf den Marketingschub nicht angewiesen: Das Branchenblatt „Theater heute“ wählte sie in Personalunion zur Schauspielerin und Nachwuchsschauspielerin der Saison 2014/15. Und dass das Burgtheater in der nämlichen Umfrage zur Bühne des Jahres erklärt wurde, hatte wesentlich mit dem Ensemblemitglied Reinsperger zu tun. Nur dass die Gefeierte da schon ans Volkstheater gewechselt war und der neuen Intendanz unter Anna Badora bis heute das Gesicht gibt. Am 20. November hat sie dort als Grillparzers Medea Premiere, es folgt Horváths „Kasimir und Karoline“. Und dann ist es vorbei, wie ihre Agentin Doris Fuhrmann bestätigt: Trotz großer Wertschätzung für Badoras Arbeit wechselt die markanteste Schauspielerin des Hauses ans Berliner Ensemble, dessen neuer Intendant, Peymann-Nachfolger Oliver Reese, offenbar Unwiderstehliches bereithält.

Bis an die Grenze

Das ist ein Schlag für das gesamte Wiener Theaterleben, denn solche wie Stefanie Reinsperger sind selten: eine besessene, jede Bühne beherrschende Schauspielerin, die für den Beruf ihre Freunde vernachlässigt und beträchtlicher Selbstentäußerung fähig ist. „Ich will körperlich und emotional sein, bis der Zuschauer selbst ganz fertig ist“, sagte sie im News-Interview. Also ließ sie sich im „Nora“-Projekt des Volkstheaters von ihrem Bühnenpartner spürbar und schmerzhaft misshandeln. Wenig später kauerte sie für Handkes „Selbstbezichtigung“ – die Produkti0n brachte eine „Nestroy“-Nominierung – nackt auf der Bühne der Volkstheater-Außenstelle Volx/Margareten.

Durchschnittlichkeit, so klagt sie, sei die Krankheit des Theaters. „Sie ist eine Wucht an Kraft, Sinnlichkeit und Können“, lobt Tobias Moretti, der sie als Buhlschaft mit erfand. Dabei ist Stefanie Reinsperger von großer Zartheit und Verletzlichkeit. Das wird nur oft übersehen, weil sie auf der Bühne als Urgewalt erscheint. Es sei verletzend, ständig zum Urvieh erklärt zu werden, als wäre sie bloß groß und laut, klagte sie News gegenüber. Doch selbst diese Eigenschaften rechnen sich auf dem riesigen Domplatz.

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